Wenn wir uns überall einmischen wollen, wo himmelschreiendes Unrecht geschieht, dann riskieren wir den dritten Weltkrieg. Helmut Schmidt

Hilfe bei der Suche im Heuhaufen

Online nach einem Partner zu suchen, ist inzwischen ganz normal und nichts mehr nur für vermeintlich schwer Vermittelbare. Zu Recht – Beziehungen, die im Internet entstanden, halten nämlich länger.

Online-Dating boomt. Viele suchen im Internet den Partner fürs Leben. Die Zahlen sprechen dafür. Allein bei FriendScout24, Deutschlands größtem Partnerportal, loggen sich monatlich eine Million Nutzer ein, und rund 30 Prozent aller im Jahr 2011 neu begonnenen Beziehungen sind nach einer Meldung des Portals singleboersenvergleich.de online entstanden.

Haftete vor nicht allzu langer Zeit Menschen, die über ein Zeitungsinserat einen Partner suchten, oft der Makel an, zu einer Restkategorie von schwer Vermittelbaren zu gehören, ist es inzwischen ganz normal, über Online-Plattformen Freunde oder Lebenspartner zu finden. Online-Dater werden als kontaktfreudig und offen wahrgenommen, wie ich kürzlich in einer eigenen Studie feststellen konnte.

Die Qual der Wahl

Was macht Online-Dating so attraktiv? Einen Partner können wir nur aus der Menge der Verfügbaren wählen. Über die Menschheitsgeschichte hinweg war diese Menge aber klein. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben die meisten Menschen ihren Partner nur aus einer überschaubaren Menge von wenigen Hundert (wenn es überhaupt so viele waren) wählen können. Zu den wesentlichen Vorteilen der Partnersuche im Internet gehört meiner Meinung nach, aus Tausenden von teilnehmenden Menschen wählen zu können. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu finden, der zu einem passt und den eigenen Wünschen entspricht, ganz erheblich.

Die Schattenseite ist jedoch, dass man leicht Gefahr läuft, von der Informationsflut erschlagen zu werden. Unser Informationsverarbeitungssystem ist für Bedingungen optimiert, die in unserer evolutionären Vergangenheit unser Leben bestimmt haben. Die Wahl aus Tausenden von Partnern gehörte sicher nicht dazu. Man sollte deswegen unbedingt Suchhilfen und Matching-Systeme nutzen, die verschiedene Online-Dating-Plattformen anbieten und die einen bei der Auswahl unterstützen. Die Nadel ohne Hilfe im Heuhaufen zu suchen, ist ein frustrierendes Unterfangen.

Matching muss allerdings richtig gemacht werden. Viele dieser Matching-Systeme entsprechen nämlich nicht dem aktuellen Stand der Beziehungsforschung und weisen grobe Unzulänglichkeiten auf. In der Regel werden Partner vorgeschlagen, die im Hinblick auf ihre Persönlichkeit zu einem „passen“. Hier ist Vorsicht angesagt, denn zwei Personen nach der Ähnlichkeit ihrer Persönlichkeit zusammenzubringen, ist alles andere als eine Garantie für eine gute Beziehung. Ich will damit nicht sagen, dass Persönlichkeit nicht wichtig ist. Ganz im Gegenteil. Es gibt Menschen, die aufgrund ihrer Persönlichkeit immer wieder in Beziehungen scheitern, Menschen, die sehr verletzlich und emotional gereizt sind, oder Menschen, die auch an den positivsten Dingen noch etwas Negatives finden. Das wird nicht besser, wenn man zwei Menschen, die sich in solchen Aspekten ähnlich sind, zusammenbringt. Ich habe zu diesem Thema aktuell eine Studie durchgeführt. Das Fazit: Die Ähnlichkeit der Persönlichkeit zweier Personen wirkt sich nicht positiv auf die Beziehung aus. Wichtig für eine glückliche und stabile Beziehung ist, dass zwei Menschen im Hinblick auf ihre Erwartungen an die Beziehung, an den Partner und in ihren Lebensplanungen harmonieren.

Weiß man nicht selbst besser, wer zu einem passt? Wenn es so einfach wäre, würde heute nicht jede dritte Ehe geschieden. Oft ist man anfangs von Eigenschaften einer Person fasziniert, die später der Grund von Unzufriedenheit und Trennung sind. Fatale Attraktionen nennt das die Forschung. Was die Partnerwahl zusätzlich erschwert, ist, dass Verliebte sprichwörtlich die Augen vor Problemen verschließen und dazu neigen, auch in Fehlern noch Tugenden zu sehen. Der Unzuverlässige wird eben als unkonventionell gesehen, der Pedant als ordentlich, die Ulknudel als kommunikativ. Matching – als die moderne Form der Kuppelei – kann, wenn es gut gemacht ist, diese Fehler reduzieren.

Offenere und weniger verkrampfte Kommunikation

Daher halten Beziehungen, die durch das Internet zustande gekommen sind, auch länger, wie kürzlich Forscher der New York University festgestellt haben. Von 100 durch Online-Dienste zustande gekommenen Beziehungen bestehen nach zwei Jahren immer noch 75. Im Vergleich dazu schneidet der klassische Beziehungsalltag eher schlecht ab. In meinen eigenen Studien mit Frischverliebten habe ich festgestellt, dass von 100 neu begonnenen Beziehungen schon nach sechs Monaten nur noch 60 bestehen. Nach zwei Jahren sieht die Bilanz noch schlechter aus.

Verantwortlich dafür ist unter anderem, dass Online-Dating auch die Kommunikation mit potenziellen Partnern beeinflusst. Im Vergleich zum Kennenlernen von Angesicht zu Angesicht kommunizieren Online-Dater offener und unverkrampfter miteinander. Sie sprechen schneller private Themen an, was dazu führt, dass in kürzerer Zeit emotionale Nähe und Vertrautheit entstehen. Man kennt sich schon nach kurzer Zeit tatsächlich besser und merkt nicht erst in der Beziehung, dass man nicht harmoniert. Damit hat man eine gute Informationsbasis für die Entscheidung, ob die jeweilige Person als Partner in Frage kommt. Gerade auch für Menschen, die eher schüchtern sind, ist die anfängliche größere Distanz und Anonymität des Internets hilfreich. Gut konzipierte Matching-Systeme haben das Potenzial, schneller und besser passende Partner zusammenzubringen und können so die Zahl glücklicher und zufriedenstellender Beziehungen erhöhen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Catalina Toma, Jost Schwaner, Noel Biderman.

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