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„Kinderkriegen wird zur Privatsache gemacht“

Eine Familie zu gründen, ist in Deutschland gar nicht so einfach – der Autor Malte Welding hat es trotzdem getan und ein Buch darüber geschrieben: „Seid fruchtbar und beschwert euch!“. Mit Julia Korbik spricht er über gesellschaftlichen Stillstand, den Preis für Babysitter und darüber, was Rettungsboote mit Kinderkriegen zu tun haben.

The European: Herr Welding, Sie haben ein Buch übers Kinderkriegen geschrieben. Warum? Kinderkriegen ist doch die natürlichste Sache der Welt.
Welding: Sie leben aber schon in diesem Land hier, oder?

The European: Ja …
Welding: Dann ist Ihnen sicher aufgefallen, dass Kinder eben nicht mehr einfach so kommen. Man kann ja verhüten, deshalb muss man die Entscheidung treffen, Kinder zu bekommen. Und diese Entscheidung fällt schwer.

The European: Warum?
Welding: Kinderkriegen wird zur Privatsache gemacht – darum geht es in „Seid fruchtbar und beschwert euch!“. Kinderkriegen ist weder eine natürliche Sache für uns, noch kann man es alleine entscheiden. Abgesehen davon, dass man mindestens zwei dafür braucht, lebt man in einem kulturellen Umfeld und das Umfeld hier macht diese Entscheidung sehr schwer.

The European: Zum Beispiel für Frauen.
Welding: Es ist wahnsinnig problematisch, eine Schwangerschaft unterzubringen, weil jede Fehlzeit im Beruf Folgeschäden hat. Laut Statistik verliert eine Frau durchs Kinderkriegen bis zu ihrem 45. Lebensjahr 200.000 Euro. Es wird ja oft gesagt, Kinder seien so teuer, diese Kosten hat man aber zumindest ein wenig in der Hand, anders als die Tatsache, dass nun nicht mehr zwei verdienen, sondern nur noch einer. Dass Frauen arbeiten, ist nicht nur eine begrüßenswerte Freiheit, sondern für die meisten Familien ein Erfordernis.

The European: Ein Großteil der Frauen in Deutschland arbeitet in Teilzeit, das gilt insbesondere für Mütter. Und nur 60 Prozent der Mütter sind überhaupt berufstätig.
Welding: Halbtagsstellen bedingen leider, dass man nicht befördert wird. Daher kommt das Lohngefälle. Es ist ja nicht so, dass Frauen für genau dieselbe Stelle weniger verdienen – sie bekommen weniger, weil die Aussicht auf eine Schwangerschaft besteht. Meine Frau schreibt ihre Doktorarbeit, beim nächsten Kind – über das wir schon nachdenken – würde sie 300 Euro Elterngeld kriegen. Das heißt, ich wäre sofort in der Ernährerrolle. Klar, viele Leute sagen, sie hätten das freiwillig so aufgeteilt.

The European: Aber wie definiert man Freiwilligkeit?
Welding: Genau. Man muss leider sagen: Diese Aufteilung ist die einfachste Lösung. Es ist bequemer, wenn einer sich um dies kümmert, der andere um jenes. Wenn beide alles machen, ist das sehr anstrengend. Allerdings ist es auch bequem, sich zu betrinken. Beides ist geliehenes Glück.

The European: Das müssen Sie erklären.
Welding: Der Grad der Abhängigkeit, den eine Frau in der Ehe hat, wenn nur der Mann verdient, ist hoch. Es ist ganz schwierig, alles in der Ehe nur mit Liebe kompensieren zu müssen. Wenn Augenhöhe eigentlich nur noch eine Behauptung ist, wird es schwierig. Die meisten Frauen, die ich kenne, wollen im Job gar nicht mehr hundert Prozent geben. Es gibt eine Familienorientierung – die gibt es aber auch bei Männern! Bei Frauen wird sie nur eher gutgeheißen als bei Männern.

„Kindergeld war nie dazu gedacht, mehr Kinder zu produzieren“

The European: Wenn es aber diese Familienorientierung gibt, liegt doch noch nicht alles im Argen, oder?
Welding: Eine der spannendsten Fragen der kommenden zehn, zwanzig Jahre wird sein: Setzen wir uns durch mit dem Wunsch, Arbeit und Familie zu vereinen – und dafür keine großen Karriererückschritte machen zu müssen? Oder beugen wir uns den Erfordernissen der Wirtschaft, die der Meinung ist, wir könnten 24 Stunden am Tag arbeiten?

The European: Das eigentliche Problem sind also die Anforderungen der heutigen Arbeitswelt?
Welding: Es kommt auf die Mischung an. In Manhattan gibt es einen Geburtenboom: Wenn man richtig viel Geld verdient, ist das also eine super Sache für Kinder. Aber für die meisten hier in Deutschland sieht das nicht so aus. Eine Beobachtung, die fast alle in meiner Generation machen: Ihre Eltern hatten irgendwann einen Status erreicht und waren sich dessen sicher. Das ist bei uns nicht so.

The European: Und in solchen Verhältnissen fällt es noch schwerer, sich für Kinder zu entscheiden.
Welding: Ich glaube, ein Kind zu bekommen, entspringt zumindest in der westlichen Welt immer einem positiven Glauben an die Zukunft: Wir kriegen das hin! Aber hier spricht viel dagegen.

The European: Welche Rolle spielt die Politik dabei?
Welding: Der Staat spielt, wenn es um Familien geht, quasi keine Rolle. Anders als in den skandinavischen Ländern oder Frankreich. Unter Helmut Kohl gab es keine Familienpolitik, nichts. Kindergeld war nie dazu gedacht, mehr Kinder zu produzieren – kein Mensch bekommt Kinder, um 189 Euro abzugreifen. Kindergeld ist zwar die beliebteste Maßnahme, aber offenbar keine, die zu Schwangerschaften führt. Trotzdem gibt der Staat, insgesamt gesehen, viel Geld aus. Deshalb wird auch der Begriff der „Kein-Kind-Politik“, den ich verwende, kritisch gesehen. Weil die Politik angeblich ja so viel macht!

The European: Aber offenbar nicht genug?
Welding: Wenn man so lange nichts gemacht hat, muss man später mehr machen. Wenn man 30 Jahre nach Schweden beginnt, über ein Elterngeld nachzudenken, und dieses dann nur 50 oder 60 Prozent des letzten Gehalts beträgt, für Selbstständige eine Pauschale berechnet wird – da fragt man sich schon: Geht es der Politik tatsächlich um die Kinder? Die meisten Menschen kommen nicht auf die maximal 1800 Euro Elterngeld pro Monat, vielleicht weil sie zu jung sind und noch warten müssten, um so viel zu verdienen. Das eindringlichste und brutalste Beispiel ist jedoch der Umgang mit Fertilitätsproblemen.

„Das Kindeswohl ist immer das Totschlagargument“

The European: In Ihrem Buch schreiben Sie, vielen Menschen mit Fertilitätsproblemen würde nicht geholfen, weil sie beispielsweise zu alt oder homosexuell seien.
Welding: Bei homosexuellen Paaren lautet die Begründung oft, diese Paare hätten nicht die gleiche Stabilität wie heterosexuelle Paare. Das Kindeswohl ist immer das Totschlagargument. Die Idee, dass bestimmte Leute als Eltern nicht geeignet seien, ist weit verbreitet.

The European: Sie schreiben im Buch, Deutschland würde in Umfragen als kinderfeindlich empfunden.
Welding: Ich glaube, dass Kinder fremd geworden sind. Wir erleben eine ausgeprägte Ghettoisierung der Lebensphasen.

The European: Trägt diese dazu bei, dass in Deutschland so wenige Kinder geboren werden?
Welding: Man muss eine Idee davon haben, dass man mit Kindern leben kann. Meine Idee, ein Kind zu bekommen, hatte ich im Urlaub – dort fielen mir mehrere Familien mit kleinen Kindern auf und ich dachte: „Ah, gut, das geht ja doch.“ Niemand spürt seine biologische Uhr! Es ist doch so, dass man in einer Partnerschaft ist und sich irgendwann denkt: „Die haben ein Kind, wir könnten auch eins haben.“ Wenn man aber denkt: „Die fahren immer so toll in Urlaub“, fährt man auch toll in Urlaub. Bis man 40 ist und dann sieht man irgendwann jemanden mit einem Kind und denkt: „Mh, blöd.“

The European: Ihr Buch trägt den Untertitel: „Ein Plädoyer für Kinder – trotz allem“.
Welding: Ich bin kein Missionar für Leute, die sich entschieden haben, keine Kinder zu bekommen. Ich finde es wichtig, Leuten, die darüber nachdenken, zu zeigen, dass es immer schwierig ist, Kinder zu kriegen. Man kann nicht anhand von anderen Kindern antizipieren, wie man seine wohl finden würde. Eine französische Freundin meinte mal: Kinder sind wie Fürze, du magst deinen eigenen.

The European: Die Fakten und Erfahrungen, die in Ihrem Buch stehen, sind eher entmutigend.
Welding: Ich bin wesentlich optmistischer als die Leute, die sich von Berufs wegen damit beschäftigen. Vielleicht, weil ich im Prenzlauer Berg wohne. Aber ich merke schon, dass in diesem Land gesellschaftlicher Stillstand herrscht. Ich bin 40, ich habe einiges überblickt und hier passiert gar nichts mehr an großen Ideen. Ich meine, wir sind eines der ältesten Länder der Welt. Wer riskiert etwas für Dinge, die in zehn, 15 Jahren erforderlich wären? Die Politik nicht. Die bezahlt Leute dafür, Studien zu machen – bei denen rauskommt, dass die politischen Maßnahmen nichts bringen. Ich bin kein Demograf, aber ich stelle fest: Es ist unverständlich schlimmer, als ich dachte.

The European: Dieses Erstaunen, oder eher eine gewisse Fassungslosigkeit angesichts der Zustände, zieht sich durchs ganze Buch.
Welding: Ein Beispiel: Der Staat hat die Vorstellung, dass man im zweiten Schwangerschaftsmonat – wenn man quasi noch niemandem von der Schwangerschaft erzählt hat – zum Finanzamt geht und seine Steuerklasse ändert, um mehr Elterngeld zu bekommen. Das ist doch kein normales Denken! In der achten Woche gehen noch 25 Prozent der Föten ab.

„Die Kirche verhindert gesellschaftlichen Fortschritt“

The European: Wie könnte es der Staat besser machen?
Welding: In Norwegen zum Beispiel, da gibt es eine bessere staatliche Versorgung. Der Autor Karl Ove Knausgård, der drei Kinder hat, beschreibt, wie sehr er es hasst, Hausmann zu sein. Aber er macht’s, weil er es fairer findet. In Skandinavien entspringt die Aufgabenaufteilung mehr einem Fairnessgedanken als in Deutschland.

The European: Woran liegt das?
Welding: Unter anderem an der Rolle der Kirche. Die ist hier viel wichtiger als in den meisten Nachbarländern. Gleichzeitig sind die Leute aber nicht gläubig genug, um aufgrund dessen diesen Fairnessgedanken aus sich heraus zu generieren. Die Kirche verhindert gesellschaftliche Fortschritte, beispielsweise was die Rolle der Frau betrifft. Das sieht man ja am Betreuungsgeld.

The European: Das Betreuungsgeld soll eine Anerkennung für die Erziehungsarbeit sein, die Eltern – vor allem Frauen –, die ihre Kinder nicht in eine Kita geben, zu Hause leisten.
Welding: Ich frage mich, ob das mehr als nur Symbolpolitik ist. Weder Kindergeld noch Betreuungsgeld sind Entscheidungshilfen, wenn es darum geht, Kinder zu bekommen. Wegen dieser kleinen Beträge bekommt doch niemand Kinder! Im Buch bringe ich das Rettungsboote-Beispiel: Wenn man bei schwerem Seegang auf See ist, ist man ganz froh, dass es Rettungsboote gibt. Trotzdem ist allein die Anwesenheit von Rettungsbooten kein Anlass, zur See zu fahren. Niemand denkt: „Jetzt haben wir das Elterngeld plus, jetzt bekomme ich ein Kind.“ Wenn ich all das so sage, wird es natürlich schwierig zu vermitteln, warum ich ein Plädoyer fürs Kinderkriegen geschrieben habe. (lacht) Aber es nutzt ja nichts, so zu tun, als wäre alles heia popeia.

The European: Was müsste sich in Deutschland ändern, damit die jetzigen Umstände sich verbessern, ein kinderfreundlicheres Klima entsteht?
Welding: Eine im Prinzip total primitive Idee, die mir persönlich aber viel gebracht hätte: ein Babysitter, der einen staatlichen Stempel hat. Normalerweise kostet ein Babysitter zwischen 8 und 15 Euro pro Stunde, manche Dienste sind noch teurer. Aber im Grunde hat man keine Ahnung, wen man da vor sich sitzen hat. Ich stehe in vielerlei Hinsicht gut da – und wenn ich es schon schwierig finde, mein Kind sicher und halbwegs günstig unterzubringen, wie geht es dann erst anderen Leuten? Wenn ich 15 Euro oder mehr pro Stunde allein für die Kinderbetreuung ausgeben muss, ist jedes Essen mit meiner Frau ein Sterne-Menü – weil es mit Betreuung 40 Euro mehr kostet.

The European: Andere Länder machen es besser?
Welding: In Finnland weiß man, dass eine Ehe unter Umständen etwas angespannt sein kann, wenn beide Partner seit Wochen nicht geschlafen haben. Und deshalb kann man sich jemanden nach Hause holen, der vor Ort die Kinder betreut, damit die Eltern essen gehen können oder so. Hier in Deutschland haben wir aber so eine Sozialismus-Angst.

The European: Oft hört und liest man von den „neuen“, modernen Vätern. Die nehmen sich Zeit für ihre Kinder und sogar Elternzeit und werden von einigen als unmännlich belächelt. Wie ist es für Sie als Vater?
Welding: Die Moral wird immer von der Gruppe geprägt, in der man sich aufhält. In meiner Kita wäre es sehr seltsam, wenn ich mich da nie blicken lassen würde. Nichtsdestotrotz bin ich nicht die Hauptbezugsperson für das Kind. Und ich habe auch bei vielen erlebt, die mehr machen als ich, dass sich das nicht umbiegen lässt. Es gibt für mich privat natürlich Grenzen, wo Leute das Aufgehen für Kinder überschreiten. Solche Leute kommen mir schon geschlechtslos vor.

„Seid fruchtbar und beschwert euch! Ein Plädoyer für Kinder – trotz allem“ ist Anfang 2015 im KiWi Verlag erschienen.

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