Vielleicht muss man es mal gesehen haben, dieses Blitzen in den Augen von Journalisten, diese plötzlich erwachende Jagdlust, die ohnehin nur auf der Lauer gelegen hatte. Vielleicht muss man es mal erlebt haben, diese Schnelligkeit, mit der aufgrund eines vagen Verdachts Recherchegruppen gebildet werden, um Informanten anzuzapfen. Vielleicht muss man es mal gehört haben, dieses leise vor sich hin gemurmelte und als Selbstanfeuerung gemeinte „Jetzt ist er fällig“.
Vielleicht allerdings muss man ihr auch mal widerstanden haben – dieser Versuchung, sich als Bob Woodward fühlen zu wollen, der einen Richard Nixon zu Fall bringt, weil die Einsicht gereift war, stattdessen nur ein williger Mitvollstrecker jener vampirischen Hetzmeute zu sein, die ohne Blut nicht lange leben kann und Opfer sucht, weil sie Opfer braucht.
Politischer Vampirismus
Christian Wulff hat weder gelogen noch betrogen, er hat keinem geschadet und niemanden hintergangen. Vielleicht ist er ein schwacher, blasser und zu harmloser Präsident. Doch darum geht es in diesem Fall nicht. Natürlich hat es vielen Kommentatoren schon immer höchsten Genuss bereitet, den immanenten Widerspruch des Amtes – über keine Macht zu verfügen, aber große Reden schwingen zu müssen, aus denen wegen der Machtlosigkeit nichts folgen kann – hämisch auszuschlachten. Finanzkrise? Eurosklerose? Rechter Terror? Warum sagt Wulff denn nichts? Aber solche Frotzeleien waren längst zu durchsichtig geworden, um noch provokatorische Wirkung entfalten zu können. Das Kaliber musste größer werden.
Unwillkürlich fühlt man sich an den Sturz Horst Köhlers erinnert. Damals titelte die „tageszeitung“ einen Tag nach dessen Rücktritt in freudiger Erwartung: „Da geht noch mehr“. Dazu zeigte sie ein Bild von Guido Westerwelle, Angela Merkel und eben Köhler. In seltener Offenheit wurde die Botschaft klar: erst Köhler, dann vielleicht Westerwelle und zum Schluss … Politischer Vampirismus pur.
Die etwas etablierteren Medien sind da raffinierter. Man könnte auch sagen – hinterhältiger. Sie erkennen an, dass die Causa in der Wulff-Sache für einen Rücktritt nicht reicht. Doch leider habe wegen der öffentlichen Aufregung nun mal die „Glaubwürdigkeit“ des Präsidenten gelitten, er könne kein „Vorbild“ mehr sein, seine Funktion als „gesellschaftliches Gewissen“ sei beeinträchtigt. Mit anderen Worten: Weil der eigentliche Anlass zu banal ist, wird die inszenierte Empörung über die Banalität als Grund für einen Rücktritt instrumentalisiert. Und weil die Diskussion, die man selbst krampfhaft am Leben hält, nicht abebben will, muss sich der Präsident gefälligst fragen lassen, ob er das Amt durch seine Sturheit, in demselben bleiben zu wollen, nicht beschädigt. Perfider geht’s kaum.
Teufelskreis aus Beutefieber
Am liebsten jammern Journalisten über das angeblich fehlende Format der politischen Klasse. Dabei verdrängen sie, in welchem Maße sie selbst dazu beitragen. Je ungehemmter die Medienzunft ihr Beutefieber auslebt, desto misstrauischer wird die handelnde Klasse. In diesen Teufelskreis reiht sich die Wulff-Debatte nahtlos ein. Irgendwann wird ein Bundespräsident weder eine Vorgeschichte gehabt haben noch je ein Wort sagen dürfen. Aber dann, ja dann wird ihm genau das zum Verhängnis gemacht.
Vielleicht muss man sie wirklich einmal erlebt haben, diese kollektive Jagdlust, die sich gern hinter dem Vorwand tarnt, „die Öffentlichkeit aufklären und Fehlverhalten ans Licht bringen zu wollen“, um ein noch tieferes Maß an Verachtung zu empfinden, als jene es aufbringen können, für die Verachtung nur ein Mittel zum Zweck ist, um wieder mal einen Politiker zu stürzen.




















Ich freue mich einerseits, dass Sie die wirklich ärgerliche Seite dieses “Aufklärungs”-Journalismus hier so deutlich machen. Letztlich ist es wie eine Hetzjagd, bei der jeder, wenn er gejagt wird, automatisch frei zum Abschuss ist.
Es ist hier ein Automatismus der Medien gegeben, der erst mit dem Tod des Opfers enden kann, vorher ist an keiner STelle eine Möglichkeit zum Ausstieg gegeben, weil die so dringend an Geschichten interessierten Medien zwangsweise jeden Dreck mehrfach aufwärmen, strecken und neu zumischen. Man sieht das auch deutlich bei der Presse über Prominente.
Jedoch im Falle Wulff ist die Sache noch etwas komplizierter und zeigt, dass eigentlich noch ein ganz anderes Ding heiß brennt.
http://www.wahrheiten.org/blog/2010/06/23/eiszeit-kommt-die-neue-first-lady-aus-dem-rotlichtmilieu/
Falls dem so wäre, es wäre besser, Wulff gäbe sein Amt jetzt ab und wartet nicht darauf, bis dass die Meute ob dieses Themas los gelassen wird. Selbst, wenn dies nur ein Gerücht ist, es wäre für das Amt mehr als schädlich.
Es zeigt aber das ganze Gezerre (Köhler, Wulff), dass es wohl besser wäre, einen Präsidenten vom Volk zu wählen, als wie bisher aus den Parteien heraus.
Mal ganz ehrlich…. Unser Außenminister ist schwul, der Berliner Bürgermeister auch….
da macht doch ein bisschen Pretty Woman nix!
Als ob es hier nicht genug andere wichtigere Probleme zu lösen gibt!
Dieses Rumgestocher und Gehacke à la Bild-Manier ist so dermaßen daneben, dass man sich schon fremdschämen muss!
Ich wünsche mir, dass Wulff genügend Rückgrat und Stärke beweist, um diese Hetzjagd zu überstehen!
@mh: Wollen wir tatsächlich einen Günter Jauch als Bundespräsident?
Zum einen:
Statt der meist abgehalfterten Riege an Politikern, wobei aus irgendwelchen Überlegungen zuletzt nur noch Not-Kandidaten kamen, kann ein Jauch oder sonstige wählbare Person kaum schlimmer sein.
Letztlich entscheiden nur eine Handvoll Leute über die zu wählende Personen. Die SPD hat schon 2 oder 3x die selbe Person ins Rennen geschickt. Gibt es hier wirklich keine Alternativen?
Zum anderen:
Die Wahl durch das Volk würde einen Anfang machen, in Deutschland die Volksabstimmung einzuführen und die Meinung im Land mehr zu berücksichten.
Zuletzt:
Wenn der Präsident vom Volk gewählt wäre und sich als schlechte Wahl erwiese, wäre das nicht das Problem der Regierung, sondern unser aller. Jetzt aber wird das Regierungsgeschäft mit dem Präsidentenamt verknüpft, was nach dem Geist der Verfassung eigentlich nicht sein sollte. Daher wäre auch mehr Distanz hier sehr gut.
Zuerst einmal, Malte Lehming, Sie sprechen mir in vollem Umfang aus der Seele! Ob das allerdings die betroffenen Personen ebenso, wie ein Großteil unserer Mitbürger versteht, halte ich eher für fragwürdig. Woran das wiederum liegt, lasse ich
in Anbetracht der bevorstehenden Feiertagelieber unausgesprochen!Zudem halte ich die (jeweils aktuelle) Person des Bundespräsidenten (ebenso wie die des Bundestagspräsidenten), die jeweiligen Amtsträger also, für in der Öffentlichkeit “als unantastbar”!
Ein derartiges Gezerre an Deutschlands höchster moralischer Institution (dem Bundespräsidenten) ist nicht nur ungebührlich, es ist (vor Allem bei der hier verhandelten Ursache(!) eine Unverschämtheit höchsten Ranges und sollte durch eine Gesetzesänderung künftig unter Strafe gestellt werden! Das meine ich mit vollem Ernst!
Wo sind wir eigentlich, dass wir unsere Republik selber demontieren und ruinieren dürfen?
Und für die Zukunft? Da sollte das “Menschlein”, das künftig für einen der beiden vorgenannten Posten zur Wahl aufgestellt wird, vorher auf Herz und Nieren abgecheckt werden, damit zumindest aus seiner Zeit vor dem Präsidentenamt keine fragwürdigen oder zweifelhaften Umstände mehr auftauchen können. Fakt ist dann aber auch, dass für solche Positionen nur noch farblose, stromlinienförmige und nichts sagende Unpersonen zur Verfügung stehen können, auf die wir dann auch verzichten können!
ERGO: Ein gesetzliches Kritikverbot gegen Bundespräsident und Bundestagspräsident muss her, das nur noch nachweislich strafrechtlich relevante Vergehen ausschließt!
Ich wünsche uns Allen ein gutes neues (besseres!) Jahr 2012!
@RCB: danke. endlich konnte ich heute schallend lachen.
Mit Ihrem Kommentar sprechen Sie mir aus dem Herzen. Bei all dem Geheul der Pharisäer und Heuchler tritt hier jedoch das eigentliche Motiv in den Hintergrund: Man schlägt den Sack und meint den Esel. Wulff ist angeblich Merkels Mann – wen will man also in Wirklichkeit treffen? Journalisten geht es eben wie Prostituierten – sie müssen täglich etwas für ihre Spalten haben. Da können sie nicht wählerisch sein. Journalisten mit Aasgeiern und Hyänen zu vergleichen ist eine Beleidigung für die Tiere – die handeln lediglich gemäß ihrem Instinkt.
wann hat dieses Elend endlich ein Ende? gibt es denn in dieser Republik niemanden, der der Journalie endlich mal ihre Grenzen aufzeigt. Was die unter dem Deckmäntelchen der Pressefreiheit alles dürfen ist doch unglaublich. Sie behaupten:“Die Bürger wollen alles wissen”-ja was denn noch
und welche Bürger wollen was denn um Himmelswillen noch wissen-mir jedenfalls reichts!!!!!!!und Hassjournalie deutlich gesehen, gehört und gespürt.Was der Depp endorf und die Schausten gestern für ARD und ZDF im Namen der Bürger gefragt haben ist doch unglaublich. Man hat die Jagd
Ich hätte mir allerdings auch gewünscht, unser Bundespräsident hätte mehr Herzblut in das Interview eingebracht. Brav hat er geantwortet. Er entschuldigt sich laufend öffentlich,wirklich alles ganz brav,anstelle die Schausten auszulachen,als sie ihn fragte,ob er seinen Freunden denn kein Übernachtungsgeld angeboten hat(150€/Nacht).Das ist grausamer Journalismus.Von Menschenwürde haben die Damen und Herren scheints keine Ahnung. Und wenn das öffentliche Amt darunter leidet sind der präsident und die Journalisten dafür in der Verantwortung. Der präsident hat sich schon entschuldigt, die Presse?????