Die Einstiegsdroge Cannabis ist ein Mythos. Rainer Schmidt

Wie Europa von seiner Kultur profitiert

Für ein vereinigtes Europa muss auch die gemeinsame Kultur eine Rolle spielen. Allein wirtschaftliche Vorteile haben die Menschen bisher nicht von der europäischen Idee überzeugen können.

Als die Gründerväter der EU ein neues Europa schufen, in dem Krieg unmöglich werden sollte, verließen sie sich ganz auf die Kraft der Wirtschaft. Die gemeinsamen wirtschaftlichen Leistungen waren von Beginn an die Grundlage des europäischen Projekts, das zu Reichtum und Frieden führen sollte. Und seither haben die Europäer, denen Wohlstand versprochen worden war, die Integration Europas unterstützt.

Doch seit die jüngste Wirtschafts- und Schuldenkrise den Kontinent traf, ist klar geworden dass das Streben nach Wohlstand nicht die einzige Grundlage für die Zukunft der EU sein kann. Denn es ist in erster Linie die Kultur, die der menschlichen Zivilisation zugrunde liegt. Mit der Fokussierung auf wirtschaftliche Interessen haben die Gründerväter vergessen, der EU ein Element zu geben, mit dem sich die Bürger über die tägliche Politik hinaus identifizieren können. Oder wie es Jacques Delors ausdrückte: „Niemand kann sich in den gemeinsamen Markt verlieben.“ Kultur muss hier als eine Reihe von markanten spirituellen und materiellen Merkmalen betrachtet werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe charakterisieren. Kultur umfasst Literatur und Künste genauso wie Lebensweisen, Wertesysteme, Tradition und Glauben.

Dänemarks Entscheidung seine Grenzkontrollen wieder einzuführen, Diskussionen um Griechenland-Hilfen und die Erfolge der europaskeptischen Rechtspopulisten in Finnland zeigen, wie brüchig der Europäische Integrationsprozess eigentlich ist. Europas Bürger brauchen aber Identifikationspunkte, die über rein ökonomische Interessen hinausgehen. Deshalb sollte die Kultur in erster Linie der Wirtschaft und allen anderen Politikfeldern zugrunde liegen und innerhalb unseres sozio-ökonomischen Systems muss Kultur eine wichtige Rolle einnehmen. Europa ist nun das Versuchslabor für diesen neuen Rahmen. Denn die EU besitzt das Werkzeug und die Eigenschaften neue Entscheidungsprozesse auf lokaler, nationaler und multi-nationaler Ebene zu entwickeln – und Kultur muss darin ihren festen Platz haben.

Analog zu ihren zivilgesellschaftlichen Plattformen zum „Zugang zur Kultur“ und zur „Kultur- und Kreativwirtschaft“ braucht die EU eine Kultur- und Wirtschaftsplattform, die Experten aus beiden Sektoren zusammenbringt. Diese Plattform kann als Think Tank funktionieren, um gemeinsame Strategien, Maßnahmen und Vorschläge zu entwickeln. Zugleich kann das Gremium konkrete Empfehlungen abgeben, um die nachhaltige Entwicklung Europas, seiner Städte, Regionen und Kommunen im globalen Kontext zu fördern.

Die Plattform sollte als einzigartiges zivilgesellschaftliches Projekt entstehen und auf der „Europäischen Kulturagenda im Zeichen der Globalisierung“ basieren. Mit dieser Kulturagenda
will die EU erreichen, dass Kultur sowohl Bestandteil der Europäischen Politik als auch von Europas Außenbeziehungen wird. Die neue Plattform unterscheidet sich von früheren Initiativen der Europäischen Kommission, da sie einerseits den Interessen der EU verpflichtet ist, andererseits aber von der Zivilgesellschaft angestoßen wurde. Indem die Plattform sowohl Politiker als auch Vertreter der Wirtschaft und des Kultursektors umfasst, werden die wesentlichen Interessen der jeweiligen Interessensgruppe vertreten und die Kooperation zwischen ihnen gestärkt.

Die Bedeutung von Kultur darf in einem solchen Dialog nicht unterschätzt werden. Sie gilt immerhin als ein wichtiger Faktor, der Handel und Wirtschaftsbeziehungen in Europa von Beginn an beeinflusst hat – und sie wird auch in Zukunft dazu beitragen. Angesichts des außergewöhnlichen kulturellen Reichtums in Europa können Vertreter von Wirtschaft und Kultur gemeinsame Strategien erarbeiten, um Kultur als Vorreiter für sozialen und wirtschaftlichen Aufschwung zu positionieren.

Europas Bürger müssen eine Entscheidung treffen, in welchem Europa sie künftig leben wollen: Ein nachlässiges Europa, dass weiterhin die globalen Ressourcen verbraucht oder ein verantwortungsbewusstes Europa, dass der Welt als Vorbild dient. Wir bevorzugen ein weltoffenes Europa, dass verantwortlich mit unserer gemeinsamen Zukunft umgeht und dass global erfolgreich ist und respektiert wird. Europas Kultur spielt dabei eine zentrale Rolle.

Eine englische Version dieses Beitrags finden Sie hier

„A Soul for Europe“ ist eine Initiative, die auf die Zusammenarbeit zwischen der Zivilgesellschaft und politischen Entscheidungsträgern setzt. Sie möchte das Europa der Vorschriften und Institutionen durch ein Europa ersetzen, das die Verantwortung für politische Mechanismen stärker auf seine Bürger überträgt. Ausgehend von ihren Standorten in Amsterdam, Belgrad, Berlin, Brüssel, Porto und Tiflis bildet die Initiative ein internationales Netzwerk aus europäischen Städten und Regionen, dem Kultur- und Wirtschaftssektor sowie politischen Entscheidungsträgern. Kernstück dieses Netzwerks ist die Strategiegruppe, in der 55 Personen aus 21 Länden mitwirken.

Leserbriefe

comments powered by Disqus
meistgelesen / meistkommentiert