Der Papst ist kein Antisemit. Martin Mosebach

Ein Mindestmaß an Menschlichkeit

Die Beschwerden über den gesetzlichen Mindestlohn aus deutschen Unternehmerkreisen reißen nicht ab. Haben die Wirtschaftsvertreter das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft nicht verstanden?

Der Mindestlohn ist nur wenige Wochen alt und schon wollen CDU und CSU die neue gesetzliche Regelung aufweichen. Vertreter der Wirtschaft beklagen das „Bürokratie-Monster“ und schüren Angst vor der „Job-Bremse“. Der Bundesverband Deutsche Startups fürchtet sogar, durch den Mindestlohn für Praktikanten nicht mehr in der Lage zu sein, qualifizierte Fachkräfte auszubilden.

Mit unverschämten Methoden versuchten Unternehmen gleich in den ersten Wochen, den Mindestlohn zu umgehen. Mitarbeiter des Nürnberger Kinos Cinecitta sollten sich mit Wertgutscheinen für Popcorn und Cola statt dem ihnen zustehenden Geld zufrieden geben. Rentner, die sich als Zeitungsausträger ein Zubrot verdienen, erhielten von ihren Arbeitgebern den Vorschlag, ihre Verträge auf ihre jungen – und vom Mindestlohn ausgenommenen – Enkelkinder zu übertragen.

Bei all diesen Tricksereien und Beschwerden stellt sich die Frage: Kommt der Marktwirtschaft allmählich das Soziale abhanden? Ja, der gesetzliche Mindestlohn fordert den deutschen Unternehmern schon einige Anstrengung ab: Die Lohnkosten steigen, neue Vorgaben müssen eingehalten, weitere bürokratische Hürden überwunden werden. Vor allem aber versucht der Mindestlohn, Gerechtigkeit auf einem Arbeitsmarkt herzustellen, der viele Arbeitnehmer systematisch ausbeutet und dazu beiträgt, dass die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland immer weiter auseinanderklafft.

Beschämendes Gejammer

Die Bundesrepublik ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Der durchschnittliche Brutto-Jahreslohn in unserem Land lag 2013 bei 31.089 Euro. Trotzdem arbeiteten im Jahr 2010 rund 23 Prozent der Erwerbstätigen für einen Niedriglohn. Übrigens gehört auch eine Stelle, die mit 8,50 Euro pro Stunde vergütet wird, noch zum Niedriglohnsektor. Nur, wer mehr als ein Drittel des mittleren Einkommens in der Bundesrepublik verdient, überschreitet die Niedriglohngrenze (2010: 9,15 Euro). Angesichts dieser Zahlen ist das Gejammer über den Mindestlohn, das derzeit aus deutschen Unternehmerkreisen erklingt, wirklich beschämend.

Wer laut gegen den Mindestlohn wettert, sollte sich einmal vor Augen führen, wie viel Geld zum Leben bleibt, wenn man tatsächlich 8,50 Euro in der Stunde verdient. Das lässt sich ganz einfach ausrechnen: Bei einem Stundenlohn von 8,50 Euro bleiben für einen Arbeitnehmer der Steuerklasse 1 mit 40-Stunden-Woche und durchschnittlich 20 Arbeitstagen im Monat netto 1014,89 Euro übrig. Falls Sie Kirchenmitglied sind, sogar nur 1008,83 Euro. Nun ziehen Sie monatliche Fixkosten ab. Dazu gehören: Miete, Nebenkosten, Strom, Gas, Festnetz, Internet, Handyvertrag, Lebensmittel. Außerdem fallen Transportkosten für den Arbeitsweg an. Diese können in Tickets für den öffentlichen Nahverkehr, ein Fahrrad oder Auto fließen.

Ziehen Sie nun eine Zwischenbilanz: Können Sie von dem Geld, was jetzt noch von Ihrem Monatsgehalt übrig ist, etwas für Notfälle oder eine größere Anschaffung zurücklegen? Erlaubt Ihnen Ihr Budget, mal ein Wochenende in den Urlaub zu fahren? Sie müssen auch noch Ihre Familie ernähren? Ach, und haben Sie auch schon für Ihre Rente vorgesorgt?

Arbeit bleibt Arbeit

Wer für den Mindestlohn arbeitet, kann in der Regel gerade einmal existieren. Eine Zukunft planen: Fehlanzeige. Sich mal ein bisschen Luxus gönnen: Nur im Traum. Und wie geht es wohl erst einem Arbeitnehmer, der sogar weniger als den gesetzlichen Mindestlohn bekommt? Ihm reicht das verdiente Geld zum Leben nicht. Er wird zum „Aufstocker“ und ist somit trotz Vollzeitbeschäftigung auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Jeder Arbeitnehmer ist unterschiedlich gut qualifiziert, geht einer unterschiedlich anspruchsvollen Tätigkeit nach, trägt unterschiedlich viel Verantwortung in seinem Job. Trotzdem: Arbeit bleibt Arbeit. Jeder, der seine Arbeitskraft zur Verfügung stellt, opfert gleichzeitig auch seine Lebenszeit und nimmt ein gewisses Maß an körperlichem oder geistigem Aufwand auf sich. Im Gegenzug sollten Arbeitskräfte zumindest so entlohnt werden, dass sie ihre Existenz – auch in der Zukunft – sichern können. Zu bestimmen, dass es Menschen gibt, deren Arbeit weniger wert ist als die Abdeckung grundlegender Bedürfnisse, darf sich niemand anmaßen.

Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der die einen im Luxus schwelgen, während andere von ihrem Arbeitslohn nicht einmal eine Familie ernähren können? Möchten wir es verantworten, dass alte Menschen verarmen, weil sie zwar ihr Leben lang gearbeitet haben, aber aufgrund ihres geringen Einkommens nicht ausreichend für die Rente vorsorgen konnten? Wenn wir weiterhin in einem funktionierenden Sozialstaat leben wollen, muss der Profitgedanke wieder in den Hintergrund, die Menschlichkeit endlich in den Vordergrund treten. Der gesetzliche Mindestlohn jedenfalls ist dabei wirklich nur das Mindeste.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Madeleine Hofmann: Jung und verzogen?

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