Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken. Mahatma Gandhi

Die Neuerfindung des Small Talks

In Gesprächen mit Gleichaltrigen interessiert uns nur noch, was diese beruflich tun – und wie erfolgreich sie sind. Das muss sich ändern.

Mit den Weihnachtsfeiertagen steht für viele der alljährliche Besuch in der Heimat an. Familie, Verwandte und alte Bekannte treffen sich oft nach langer Zeit wieder, schlemmen, beschenken sich und horchen sich gegenseitig aus. Bei Glühwein und Plätzchen kreist der Gesprächsstoff häufig um dieselbe, wenig besinnliche Frage: „Was machst du zurzeit eigentlich?“

Gemeint ist damit nicht, ob das Gegenüber zurzeit gerne Tennis spielt oder welches Buch die Person gerade in ihrer Freizeit liest. Gemeint ist der Job, die berufliche Karriere. Was uns wirklich interessiert, ist: „Wie anerkannt ist dein Arbeitgeber?“, „Verdienst du mehr als ich?“, „Wie viel Ansehen genießt du?“ Mit den Antworten auf diese Fragen gleichen wir ab, ob unser Gegenüber eine bessere soziale Stellung hat, und wer von uns somit in der Gesellschaft einen vermeintlich höheren Rang einnimmt. Wir definieren unser Gegenüber durch den Faktor Karriere. Du bist, was du arbeitest.

Was soll „gute Arbeit“ sein?

Ist dieses Kräftemessen ein Problem unserer Generation? Auch Großeltern wollen wissen, ob ihre Enkel ordentlich verdienen und geben damit beim Senioren-Stammtisch an. Auch Onkel sitzen zähneknirschend an der Festtagstafel, wenn der Schwager von seiner Beförderung erzählt. Ein gewisser Konkurrenzgedanke liegt wohl in unserer Natur. Doch die wirklich bohrenden Fragen stellen uns Cousinen, alte Kindergartenfreunde und ehemalige Schulkameraden. Gleichaltrige, die sich in derselben Lebensphase befinden wie wir selbst. Mitten dabei, sich im Berufsleben zu etablieren und so etwas wie eine Karriere aufzubauen. Immer auf der Hut vor anderen, die womöglich erfolgreicher sein könnten.

Kein Wunder – diese Denkweise wurde uns bereits in der Schule antrainiert. Nur die Besten bekommen den Platz im Schüleraustauschprogramm. Nur die Besten dürfen auf den zusätzlichen Nachmittagsunterricht verzichten. Nur die Besten bekommen die Ausbildung oder den Studienplatz ihrer Wahl. Und nur die Besten erhalten ein Stipendium. In immer kürzerer Zeit sollen Schüler immer exzellentere Leistungen erbringen. Das eigene Denken wird durch dieses Bildungssystem nicht gefördert. Keine Zeit, eigene Interessen zu entwickeln. Somit haben es viele schlichtweg nie gelernt, neben dem Prestige auch den Sinn ihrer Arbeit zu hinterfragen.

Entscheidend für Berufseinsteiger ist meist, ob der Arbeitgeber ein hohes Einstiegsgehalt bietet und ob ausreichende Aufstiegschancen gegeben sind. Wenn die berufliche Tätigkeit, die wir antreten, gut bezahlt und angesehen ist, sind wir zufrieden. Was sonst soll „gute Arbeit“ sein?

Mehr Leben, weniger Arbeit

Für wen wir arbeiten und welchen Nutzen unsere Arbeit für die Gesellschaft hat, fragen sich nur wenige. Dabei sollte es uns nicht egal sein, ob unsere berufliche Tätigkeit tatsächlich sinnvoll ist. Schließlich verbringen wir wöchentlich etwa 40 Stunden damit. Das Umfeld sollte uns also auch nicht krank machen – sei es durch unregelmäßige Ernährung, weil Meetings die Mittagspausen ersetzen, oder durch unverhältnismäßige Überstunden, die uns in einen Burn-out treiben.

Statt permanent um Anerkennung zu wetteifern, müssen wir uns dringend zusammentun und uns die Frage stellen, wie wir in Zukunft leben und arbeiten wollen. Wie viel Einfluss soll unser Job auf unser Privatleben nehmen? Wollen wir für unsere Kollegen und Chefs wirklich ständig erreichbar sein oder möchten wir unsere Abende und Wochenenden lieber ganz unseren Hobbys, Freunden und unserer Familie widmen? Und gibt es nicht interessantere Merkmale eines Menschen als seinen Job?

Eine Wohltat für unsere sozialen Kontakte

Wenn wir ein Leben neben der Arbeit haben möchten, sollten wir unsere Mitmenschen in unserer Freizeit nicht ständig nach ihrem Karrierestatus bewerten. Um in einer gemeinschaftlichen Gesellschaft leben zu können, müssen wir uns dem permanenten Konkurrenzkampf mit unseren Mitmenschen entziehen.

Erfinden wir den Small Talk neu. Erkundigen wir uns, ob unsere alte Schulfreundin immer noch ein Faible für nordische Krimis hat, statt sie mit der Frage nach ihren zahllosen erfolglosen Bewerbungen in Verlegenheit zu bringen. Statt mit „Und was machst du?“, könnte man die neue Bekanntschaft auf der Party doch in eine Diskussion über die perfekte Playlist verwickeln. Und auch der Cousin, mit dem es in der Schule immer einen Wettkampf um das beste Jahreszeugnis gab, freut sich, wenn an Weihnachten statt einem Vergleich der Studienleistungen die gemeinsamen Erinnerungen an den Klassenclown von damals im Mittelpunkt stehen. Stellen wir die Arbeit hinten an. Unsere sozialen Kontakte werden uns dankbar sein.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Madeleine Hofmann: Jung und verzogen?

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