Andere Staaten haben die Chance, das amerikanische Schicksal zu vermeiden. Robert Reich

Danke, liebe Eltern

Die junge Generation ist unpolitisch und karrieregeil – so weit das Klischee. Zu verdanken haben wir das den Alten.

Zwei aktuelle Studien haben jüngst bestätigt, was Journalisten und Wissenschaftler schon lange beklagen: Die Jugend von heute ist politisch desinteressiert und egoistisch.

Das zwölfte Bildungssurvey sowie eine „Infratest“-Studie zeigen, dass immer weniger Studenten Politik als „sehr wichtig“ empfinden. Stattdessen legen sie Wert auf eine makellose Ausbildung und ein berufliches Vorankommen.

Karriere statt Revolution

Für die älteren Generationen sind diese Zahlen keine Überraschung. Schon lange regen sie sich über die „heutige Jugend“ auf. Wo bleibt der Revolutionssinn, fragen die 68er. Wo bleibt die Gelassenheit, fragen die Babyboomer. Und so müssen junge Akademiker – wahlweise als „Generation Praktikum/Y/Ich“ oder jüngst sogar „Generation Merkel“ verschrien – immer mehr Kritik einstecken. Von Rebellion sei bei den jungen Studenten und Absolventen nichts mehr zu spüren, heißt es, sie seien egotaktische Leistungsstreber.

Als Vertreterin der viel diskutierten Gruppe muss ich zugeben: Sie haben uns ertappt. Es stimmt, viele von uns konzentrieren sich auf ihre Ausbildung und auf eine vielversprechende Karriere. Auch ich fand es traurig, dass die letzten Studentenproteste im Sand verlaufen sind, weil Kommilitonen vor der wichtigen Klausur keine Vorlesung mehr verpassen wollten oder schon auf dem Weg zum zukunftsweisenden Praktikum waren. Auch ich finde Ego-Studenten unsympathisch.

Bevor man aber über die politische Antriebslosigkeit einer ganzen Generation schimpft, muss die Frage erlaubt sein, wer uns „junge Leute“ denn zu dem gemacht hat, was wir sind. Nicht wir sind schuld an der angeblich fehlenden Aufbruchstimmung, sondern diejenigen, die uns genau dafür tadeln: Unsere Vorgängergenerationen, die Entscheider der letzten Jahrzehnte, die Generation 50plus.

Burn-out als Teil des Lehrplans

Die Generationen unserer Eltern sind es, die dafür sorgten, dass Schüler am Gymnasium plötzlich ein Jahr weniger Zeit bis zum Abitur hatten. Das bedeutet vollere Stundenpläne, noch mehr Nachmittagsunterricht, noch mehr Auswendiglernen. Wir „zwischen 1985 und 2000 Geborenen“ sind wohl die ersten, die noch vor dem Abitur im Unterricht die Definition von „Burn-out“ auswendig lernen mussten. Dank G8 haben einige von uns so früh ihren Schulabschluss in der Tasche, dass sie ohne Begleitung ihrer Eltern nach 24 Uhr nicht mehr auf der Erstsemesterparty sein dürfen.

Die 68er und Babyboomer sind es, die dafür sorgten, dass die Bologna-Reform das Universitätsleben dem Schulalltag immer mehr angleicht: Die Stundenpläne bleiben voll, die Anwesenheit bei Lehrveranstaltungen ist verpflichtend und die Semesterferien werden durch lange Prüfungsphasen immer kürzer.

Unternehmen fürchten uns

Kein Wunder, dass bei einem so straffen Zeitplan kaum mehr Platz für politisches Engagement bleibt. Auch kein Wunder, dass wir uns nach einem streng durchgetakteten Ausbildungsplan zur Belohnung einen gut bezahlten Job wünschen. Und schließlich sind da auch noch die Horrormeldungen vom Rentensystem. Keiner kann uns sagen, ob und wie viel Rente uns im Alter bleibt. Auf die Einhaltung des Generationenvertrags können wir uns nicht mehr verlassen.

Also, liebe Generation 50plus, seien Sie nicht so streng mit uns. Während Sie uns noch für unseren fehlenden Revolutionsgeist tadeln, werden wir von Unternehmen bereits gefürchtet. Mit unseren Wünschen nach Work-Life-Balance und flexiblen Arbeitsmodellen können Personaler noch nichts anfangen. Schon jetzt heißt es, dass wir Jungen den Arbeitsmarkt sehr stark verändern werden.

Doch Moment, bedeutet das nicht, dass wir einen tiefgreifenden Wandel bewirken? Und wären wir dann, liebe 50pluser, streng genommen nicht sogar doch noch revolutionär?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Madeleine Hofmann: Jung und verzogen?

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