Ganz groß, Chef!

von Madeleine Hofmann29.04.2015Gesellschaft & Kultur

Vorgesetzte verlangen oft mehr von ihren Mitarbeitern, als sie selbst geben. In den Chefetagen mangelt es an sozialer Kompetenz. Dabei geht es auch anders.

Dan Price überraschte seine Mitarbeiter kürzlich mit einer schier unglaublichen Bekanntmachung: Innerhalb der nächsten drei Jahre wird er das Jahresgehalt jedes einzelnen Mitarbeiters auf mindestens 70.000 Dollar erhöhen. Das Geld zur Umsetzung seiner Pläne soll nicht nur aus dem jährlichen Gewinn des Unternehmens stammen. Um die Gehaltsschere zwischen ihm und seinen Mitarbeitern zu schließen, kürzt der Gründer des Finanzdienstleisters Gravity Payments aus Seattle auch sein eigenes Gehalt: Aus knapp einer Million werden 70.000 Dollar. Der 30-Jährige setzt damit ein Zeichen gegen Ungleichheit. Er möchte, dass seine Mitarbeiter glücklich sind, sich ein Haus kaufen und in die Ausbildung ihrer Kinder investieren können. Dafür verzichtet er selbst auf teure Autos und Luxus-Villen.

Dan Price beweist wahre Größe. Doch Chefs wie ihn gibt es zu selten. Erste Ergebnisse einer “Studie des Karrierenetzwerks Xing und der Marktforschungsfirma Statista”:http://www.augsburger-allgemeine.de/wirtschaft/Die-meisten-Chefs-erwarten-von-Angestellten-Ueberstunden-id33775012.html zeigen: In der Bundesrepublik erwarten Vorgesetzte sehr viel von ihren Angestellten, wollen ihnen selbst aber nur sehr wenig Flexibilität zugestehen. Überstunden ja, Anpassen der Arbeitszeiten an Veränderungen im Privatleben der Mitarbeiter nein. Es mangelt an Sozialkompetenz. Ob der Mitarbeiter neuerdings am Nachmittag die Kinder aus der Kita abholen muss, oder ihm sein Gehalt kaum zum Leben reicht, seit er eine Pflegekraft für die Eltern engagieren muss: sein Problem. Angestellte sind in den Köpfen von Vorgesetzten häufig nur Variablen im Unternehmen, die möglichst viel bringen, aber bitte keine Ansprüche stellen sollen.

Chefs mit sozialer Ader dringend erwünscht

Wichtige Führungskompetenzen bleiben auf der Strecke. Dabei geht es auch anders. Kaum jemand erwartet von seinem Vorgesetzten, dass er für die Belegschaft sein Gehalt kürzt, so wie es Dan Price tut. Es würde schon reichen, wenn der Chef seine Angestellten als Individuum mit eigenem Lebensplan wahrnimmt und seine Arbeit für das Unternehmen schätzt.

Als meine Bekannte Steffi in einem Mitarbeitergespräch eine Gehaltserhöhung forderte, fragte ihr Chef sie tatsächlich, wofür sie das geforderte Geld denn überhaupt brauche. Dass ihr die Gehaltserhöhung wegen der von ihr erbrachten Leistung zusteht, kehrte er unter den Tisch. Was das mit der Arbeitsmoral macht, liegt auf der Hand. Steffi hat sich einen neuen Job gesucht. Bei einem Arbeitgeber, der ihre Arbeit wertschätzt.

Was in den Mitarbeitern von Gravity Payments an dem Tag vorging, an dem ihr Chef sein Gehalt für sie kürzte, stelle ich mir so vor: Einige werden sich ungläubig gedacht haben: „Macht der Witze?“ Vielen war wahrscheinlich einfach nur ein Grinsen ins Gesicht gemeißelt, sie haben ihre Familien zum Essen eingeladen oder ihren Freunden ein Bier ausgegeben. Doch eine Reaktion wird bei allen gleich gewesen sein: Sie gehen ihrer Arbeit bei Gravity Payments jetzt noch lieber nach, denn das Wichtigste, was Dan Price’ Geste vermittelt, ist Anerkennung. Anerkennung der Arbeit und Anerkennung des Menschen, der hinter der Arbeitskraft steckt.

Sicherlich gibt es auch in Deutschland löbliche Unternehmen und tolle Chefs, die all diese Anforderungen an gute Führung erfüllen. Doch selbstverständlich sind diese Eigenschaften in der Chefetage leider noch lange nicht. Vielen ist nicht klar, dass gute Führungskompetenz nicht alleine durch Management-Lehrbücher und Kurse an privaten Elite-Hochschulen vermittelt werden kann. Am Ende, das bestätigt der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Warren Bennis, ist die Kernkompetenz von Führung eben doch: Charakter. Dan Price hat uns das bewiesen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Frau Weidel: Was hat es zu bedeuten, dass ich per Google nur Schweigen der AfD zu dieser Frage vorfinde?

Nach dem Attentat in Halle hat Boris Palmer (Die Grünen) an Alice Weidel (AfD) einen Offenen Brief geschrieben und fragt: "Wäre es nicht notwendig, dass Sie zu dieser Tatsache eine politische Bewertung abgeben? Wie stehen Sie dazu, dass Rassismus und Antisemitismus in Deutschland wieder zu Morden

Erdogan will die Tore bis Wien öffnen

Trumps wilder Rückzug aus Syrien macht Erdogan den Weg frei für seinen historischen Masterplan: Ein Eroberungsfeldzug zur Wiederherstellung des Osmanischen Reiches. Nicht nur die Kurden sind in Gefahr. Auch Europa droht gewaltiges Ungemach.

„Das Volk gegen seine Vertreter“ lautet Johnsons Devise

Der Mann hat keine Skrupel. Er agiert in einem bemerkenswert polemischen Wahlkampfmodus. Da wird das Florett der Rhetorik beiseitegelegt und zum rostigen Beil gegriffen. Boris Ziel sind Neuwahlen, weil er hofft, dass ihm die Wähler Recht geben und sich gegen ihre Vertreter im Unterhaus wenden werde

Fünf Gründe warum die Linkspartei an Geltungskraft verliert

Einst regierte die LINKE den Osten unisono und war als Kümmererpartei allgegenwärtig. Der deutsche Osten der Puls und die Partei seine Herzkammer. Doch die Windrichtung hat sich geändert, die Herzen auch: Die LINKE ist im Abschwung und verliert an Atem, ihr droht der Infarkt, wenn nicht gleich de

"Sag' mir, wo du stehst!"

Kann man den Klimawandel als ernstes Problem betrachten und trotzdem genervt sein von der allgegenwärtigen Klimapropaganda?

Der Islam und das linke Weltbild sollen mit allen Mitteln geschützt werden

Montag am frühen Abend im hessischen Limburg: Ein großer LKW steht vor der roten Ampel. Plötzlich reißt ein Mann (ca. 30 Jahre, Vollbart) die Fahrertür auf, starrt den LKW-Führer mit weit geöffneten Augen an. Dann zerrt er ihn mit Gewalt aus seinem Fahrzeug, setzt sich selbst rein und fährt

Mobile Sliding Menu