Wir müssen lernen, dass Konsum an sich kein Wert ist. Ranga Yogeshwar

Oscar bekommen, doch nichts gewonnen

Die gespielte Aufmerksamkeit aus Hollywood für Whistleblower Edward Snowden ändert nichts an dessen prekärer Situation. Mehr als eine Geste ist der Oscar für „Citizenfour“ nicht.

2013 hatte Barack Obama noch eine „Happy #Oscars night“ via Twitter gewünscht, inklusive eines bodenständigen Sonnenbrille-im-Privatkino-Fotos. In diesem Jahr hielt sich der US-Präsident mit Grüßen zurück, wohl ob der Ahnung, wer da später ausgezeichnet werden würde. Reden ist ja schließlich Silber und Schweigen ist, genau, Gold, und das gab es für den Film „Citizenfour“. Und dann standen sie da, es war 19.52 Uhr in Los Angeles, tatsächlich auf der großen Bühne: Laura Poitras und Glenn Greenwald, die von der US-Regierung vielleicht meistgehassten Journalisten, und neben ihnen Lindsay Mills, die Freundin des von der US-Regierung vielleicht meistgesuchten Mannes: Edward Snowden.

Der verlogenste Moment der Oscar-Verleihung

Als die Filmemacherin Poitras in ihrer Ansprache die NSA als „Bedrohung für die Demokratie“ angriff, wurde sie nicht wie viele ihrer Vorredner von der Musik abgewürgt, sondern vom Klatschen des Publikums unterbrochen. Der Kameraschwenk ins Publikum zeigte, wie manche Celebrities euphorisch jubelten, andere bemüht politisch guckten und einige so einen „Worum geht’s hier eigentlich?“-Ausdruck auf dem schönheitsoperierten Gesicht hatten. Der absolute Großteil schien sich über „Citizenfour“ als besten Dokumentarfilm jedenfalls zu freuen. Es war der politischste und zugleich verlogenste Moment der diesjährigen Oscar-Verleihung.

Edward Snowden? Der saß in seinem Versteck irgendwo in oder bei Moskau vor dem Bildschirm und musste – das schrieb er gestern auf der Internet-Plattform „Reddit“ – lachen, als Moderator Neil Patrick Harris kalauerte, dass der Protagonist des Filmes, „for some treason“ (also wegen Geheimnisverrates, was so wie „for some reason“ klingt) nicht hier sein könne.

Halten wir also fest: Bei der wichtigsten Preisverleihung der Vereinigten Staaten wurde ein Film ausgezeichnet, der einen Mann als Helden porträtiert. Roter Teppich, Primetime, Big Stage. Doch dieser gefeierte Mann konnte unglücklicherweise nicht erscheinen, weil die Regierung der Vereinigten Staaten in ihm keinen Helden, sondern einen Verräter sieht.

Ein paar E-Mails schreiben, googeln und einen Porno schauen

Das kann man jetzt natürlich als einen Sieg der Kultur über die Politik verdrehen. Oder wenn man zu doof dafür ist, kann man zumindest so tun. Und so werden bestimmt einige der Hollywoodmenschen bei der Aftershowparty ganz eifrig die Bedeutung dieses Filmes, dieses Preises und, ach ja, des ganzen Themas abgenickt – aber spätestens am nächsten Morgen den Namen Laura Poitras auch wieder vergessen haben. Und für die Millionen Fernsehzuschauer ging das mediokre Leben nach den dreieinhalb Stunden Verleihung sowieso notgedrungen weiter: also ein paar E-Mails schreiben, die Freundin anrufen, bei Google nach einem neuen Arzt suchen, schnell noch einen Porno schauen. Und dabei von den Nachrichtendiensten überwacht werden. Ooopsi.

Genau hier liegt doch die Verlogenheit der Debatte. Der mutige Edward Snowden und die begnadete Laura Poitras machen in diesem großartigen Film etwas eigentlich Unfassbares fassbar: die willkürliche, illegale, schamlose, bedrohliche, alltägliche Überwachung der Bevölkerung. Der größte Polit-Skandal der Internet-Ära. Doch dass Edward Snowden wohl nie wieder ein Leben in Freiheit führen kann, scheint zu viele Menschen höchstens halbherzig zu interessieren (auch die eigene Überwachung interessiert zu wenige Menschen).

Die Heuchler applaudieren

Der Oscar für „Citizenfour“ ist kein Sieg der Kultur über die Politik. Er ist vielmehr geheuchelte Bedrückung – genau einen Abend lang. Würden sich all die Menschen, die dem Most Wanted Man am Sonntag vermeintlichen Beistand zuklatschten, tatsächlich für das Thema interessieren und wären sie dann auch noch geistig in der Lage, diese Machenschaften in all ihren Dimensionen zu erkennen, würde es der US-Regierung vielleicht nicht so einfach fallen, den Whistleblower Snowden als Staatsfeind Nummer 1 darzustellen.

In der vergangenen Woche deckte das von den Journalisten Laura Poitras, Glenn Greenwald und Jeremy Scahill gegründete Investigativ-Portal „The Intercept“ auf, dass die NSA und sein britisches Pendant GCHQ die Verschlüsselungscodes des führenden SIM-Karten-Herstellers Gemalto gestohlen haben. Die Geheimdienste haben sich also Zugang zu Handy-Gesprächen von Millionen Menschen verschafft. Ohne Edward Snowden würde es diese Enthüllung nicht geben, die Journalisten werteten die Dokumente des ehemaligen NSA-Mitarbeiters aus. Diese Geschichte ist längst nicht vorbei. Die Journalisten wühlen sich derzeit durch die Unterlagen – und sie finden immer mehr.

An Schizophrenie mangelt es auch Deutschland nicht

Wenn Oscar-Kameras laufen, macht sich Empörung gut. Nur: Damit Edward Snowden endlich in Frieden gelassen wird, braucht es mehr als das. Es braucht einen Aufstand, es braucht Druck. Und keine Schauspieler, die sich bei nächstbester Gelegenheit wieder mit dem Präsidenten verbünden (Clint Eastwood steht da mal nicht in Verdacht).

Die Demokraten wollen Snowden im Gefängnis sehen und die Republikaner wünschen sich den 31-Jährigen wohl ganz woanders. Mit der politischen Opposition hat es sich in den USA insofern erledigt. Umso wichtiger wäre die Korrektur durch andere Staaten. Doch an Schizophrenie mangelt es auch Deutschland nicht. „Citizenfour“ wurde unter anderem in Berlin produziert und vom NDR und BR, also von Landesrundfunkanstalten, mitfinanziert. Doch als Edward Snowden im Sommer 2013 um Asyl in Deutschland bat, teilte das Auswärtige Amt mit, dass die „Voraussetzungen für eine Aufnahme“ nicht vorliegen. In Wahrheit lag nicht genug Rückgrat und zu viel falsche Diplomatie vor. Zur Erinnerung: Auch Gespräche der Bundeskanzlerin wurden von der NSA abgehört. Doch mehr als die Mundwinkel für einen Moment noch ein wenig tiefer zu ziehen, machte Angela Merkel nicht, zu wichtig der große Partner USA.

Was Edward Snowden heute anders gemacht hätte

Als Edward Snowden am Montag während des Livechats auf der Internetseite „Reddit“ gefragt wurde, ob er etwas anders machen würde, wenn er die Zeit zurückdrehen könnte, antworte er: „Ich wäre etwas früher mit den Dokumenten an die Öffentlichkeit gegangen.“ Edward Snowden, das zeigt auch der Film „Citizenfour“ so beeindruckend, stellt das gemeinschaftliche Wohl so beispiellos über sein eigenes. Er meint es ernst. Und deshalb werden auch die Journalisten Greenwald und Poitras nicht müde zu betonen, dass der Schutz der Informanten eine der zentralen Aufgaben sei.

Der Oscar für „Citizenfour“ war eine Geste. Nicht mehr. Vielleicht regt sie ein paar Tausende Menschen an, diesen Film zu schauen, die es sonst nicht getan hätten. Wichtiger wäre allerdings, dass in den USA endlich ein Druck auf die Regierung entsteht, Edward Snowden nicht länger als Verbrecher zu jagen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European, Steffen Meyer, Emanuel Richter.

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Mehr zum Thema: Whistleblowing, Oscar-verleihung, Edward-snowden

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