Natürlich ist das reizvoll. Ein Traditionsverein auf dem letzten Platz der Tabelle. Ungenutztes Potenzial, im ganzen Verein verstreut. Nationalspieler, die nur darauf warten, zu Höchstleistungen getrieben zu werden. Der Hamburger SV, ein ehemals glänzendes und spektakuläres Gebäude, das seit Jahren vor sich her schimmelt und auf Restauration wartet.
Thorsten Fink wird das Wrack übernehmen. Beim FC Basel hat der 43-Jährige in den vergangenen zwei Jahren bewiesen, dass er nicht zu der Sorte Trainer gehört, die es einzig ihrem fußballerischen Talent zu verdanken haben, dass sie jetzt eine Mannschaft leiten dürfen. Zwei Mal wurde er Schweizer Meister, zuletzt sorgte sein Team in der Champions League für Furore. Um ein Haar hätten die Fink-Männer sogar bei der englischen Größe Manchester United gewonnen. Dementsprechend emotional fiel auch der Abschied vor ein paar Tagen aus, Tränen in der Kabine inklusive.
Ab ins Hamburger Haifischbecken
Von Basel nach Hamburg. Vom Kuschelbett ins Haifischbecken. Das wird nicht gut gehen. Nicht bei diesem HSV.
Der Liga-Opa aus dem Norden hat sich in den vergangenen Jahren so viele Peinlichkeiten erlaubt, dass man viele schon wieder vergessen hat. Zusammengefasst geht die jüngere HSV-Vergangenheit so: Im Sommer 2009 verlässt Sportdirektor Beiersdorfer entnervt vom Gezanke den Verein. Als Nachfolger sind Oliver Kreuzer und Roman Grill im Gespräch. Keine Hochkaräter, trotzdem sagen beide schließlich ab. Die Suche geht weiter, Monate verstreichen, der gemeine Beobachter fragt sich: Wie schwierig ist es, einen verdammten Manager zu finden?! Beim HSV sehr schwierig. Sommer 2010, endlich: Urs Siegenthaler will’s machen. Vielen ist der Chefscout der Nationalmannschaft durch den Film „Sommermärchen“ bekannt, wo er den Spielern die jeweiligen Gegner und deren Kultur erklärte. Siegenthaler jedoch wurde vergessen zu erklären, dass er keinen Platz im Vorstand bekommt. Absage. Na ja, der Nächste kommt bestimmt. Matthias Sammer! Doch in letzter Sekunde will auch der DFB-Sportdirektor nicht mehr. Im März werden noch die Vorstände Bernd Hoffmann und Katja Kraus gefeuert, mehr Chaos kannst du nicht haben.
In diesem Sommer wollten sie in Hamburg auf Reset drücken. Mit dem neuen Sportdirektor Frank Arnesen von Chelsea London am Steuer. Endlich Ruhe und Kontinuität. Von wegen …
Das Problem ist der Verein
Trainer Michael Oenning wurde nach läppischen sechs Spielen rausgeschmissen. Wenige Wochen vorher hatte Arnesen noch erklärt, dass der Coach „die Zeit bekommt, die er braucht“. Und weil Leute wie Michael Laudrup, Huub Stevens und Marco van Basten keinen Bock auf die Lachnummer HSV hatten, wurde schließlich Fink geholt. Wer glaubt, dass jetzt alles besser wird, der irrt. Und das liegt nicht an Fink. Das Problem ist der Verein – und der dänische Möchtegern-Retter Arnesen.
Hoffnungsträger Arnesen hat vier Spieler – zwischen 19 und 23 Jahre alt – von Chelsea mitgebracht, von denen genau einer (der serbische Verteidiger Rajkovic) eine Verstärkung ist. Arnesen hatte einen ganzen Sommer Zeit, zu befinden, ob Oenning der richtige Trainer ist. Mit dem Ergebnis, ihm das Vertrauen auszusprechen. Ein Vertrauen, das sich nach der ersten Krise blitzartig in Luft auflöste. Arnesen schafft es nicht, Ruhe in den Verein zu bringen. Auch wenn das bei einem Umfeld, das von chronischer Utopie befallen ist, zugegeben sehr, sehr schwierig ist. Die letzte Meisterschaft ist 28 Jahre her. Und es ist nun wahrlich nicht so, dass man seitdem öfters kurz davor stand. Auf alljährlichen Größenwahn und Titel-Erwartung wird trotzdem nicht verzichtet.
Der Klub hat kein Geld, es wurde in den vergangenen Jahren für überteuerte Neuzugänge verbrannt. An der Spitze stehen mit Aufsichtsratschef Otto Rieckhoff ein Zahlen-Genie und mit Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow ein Politiker, deren Sportfunktionärskompetenz noch nicht erkennbar war. Der HSV ist ein Fass ohne Boden. In diesem Verein kann man nur verlieren. Und so wird es Fink ergehen.
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