Steuersenkungen durchzusetzen ist finanzpolitisch derzeit absolut unseriös. Wolfgang Thierse

Scheinsensibel

Als Ralf Rangnick mit Erschöpfungssyndrom seinen Rücktritt bekannt gab, kam dafür von Waldemar Hartmann gleich die verbale Klatsche. Der ehemalige Kommentator ist zum Sprachrohr des Stammtischs verkommen.

Eigentlich gibt es nicht einen einzigen Grund dafür, sich ernsthaft mit Waldemar Hartmann zu beschäftigen. Er ist weder schlau noch interessant, und ich erinnere mich auch nicht an eine beeindruckende Leistung. Ein prominenter Fußball-Clown aus Bayern, der mal Fußball-Moderator war. Einer, der gerne duzt und trinkt, manche Leute erheitert und andere nervt, Geschmackssache eben.

Sprachrohr des Stammtischs

Beim sonntäglichen Doppelpass vor einer Woche hat Waldi, so nennen ihn ja viele, was der Waldi auch ziemlich gut findet, jedoch etwas gesagt, das in Erinnerung geblieben ist. Es ging um Ralf Rangnick, der kurz zuvor als Trainer von Schalke 04 zurückgetreten war – wegen eines Burn-outs. „Es soll keiner Koch werden, der die Hitze nicht aushalten kann.“ – Wenn die anderen sich nicht trauen, sag ich halt, wie es ist, wird er sich gedacht haben. Waldi Hartmann, das Sprachrohr des Stammtischs.

Ja ja, den Mann einfach quatschen lassen. Jede Form von Aufmerksamkeit hat der nicht verdient. Doch ich befürchte, dass Waldi Hartmann mit dieser verqueren, dummen, kalten Meinung nicht alleine dasteht. Auch wenn die Öffentlichkeit nach dem Selbstmord Robert Enkes so wahnsinnig sensibel zu sein scheint.

Ob Spieler, Trainer, Funktionäre – viele zollten Rangnick nach dessen Entscheidung, das Profi-Geschäft zumindest temporär freiwillig zu verlassen, Respekt. Der Fußball-Lehrer wurde mit Lob und Unterstützung überschüttet. Starke Gesten. Manchen habe ich diese Worte nicht geglaubt.

Und dann wären da noch die ganz normalen Fans. Wer einen Abend in einer Fußball-Kneipe verbringt und aufmerksam zuhört, wird merken, dass viel Waldi in der Luft ist. Denn Waldemar Hartmann hat noch einen anderen Faktor ins Spiel gebracht: Geld. Profis und Trainer seien ja finanziell abgesichert, meint er. Da seien psychische Erkrankungen ja leichter zu ertragen.

Mut für Rangnicks Offenheit

Solche Meinungen mit Argumenten zu entkräften, ist wohl unmöglich. Trotzdem ein Versuch: Was wäre im Fall Rangnick denn die Alternative gewesen? Angenommen, Rangnick wusste, dass das Profi-Geschäft ihn vielleicht überfordern würde. Deswegen dem Beruf, den man so gerne ausüben möchte, nicht nachgehen? Und ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass Ralf Rangnick erst im Laufe der Jahre, speziell in den vergangenen Monaten, gemerkt hat, dass er dem Druck nicht mehr standhält?

Waldemar Hartmann hat mit seinen Aussagen endgültig bewiesen, dass er nicht verdient, im Fernsehen reden zu dürfen. Doch er hat unfreiwillig auf ein Problem aufmerksam gemacht: Es gibt noch viele Menschen, die nichts, nichts, wirklich nichts verstanden haben. Von einer Gesellschaft, wo jeder einen Schritt wie den von Rangnick als mutig und respektabel empfindet, sind wir weit entfernt.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lukas Hermsmeier: Mut im Bauch

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Fussball, Gesellschaft, Depression

Debatte

Um die Politik-Bundesliga steht es nicht gut

Medium_19aad4e400

„Ich stifte eine Million Euro für Quereinsteiger in die Spitzenpolitik“

Günther Karl, ein Bauunternehmer aus Passau macht sich Sorgen um die Politik-Bundesliga. Dafür würde er sogar eine Million Euro in einen speziellen Fonds geben. Er glaubt die Ursachen der vermeintl... weiterlesen

Medium_c13f98e5ab
von Gunter Weißgerber
09.03.2018

Kolumne

Medium_b166e0eb31
von Hans-Martin Esser
03.03.2018

Debatte

Olympia und die Politik

Medium_404c036d35

Der Sport als Faktor in einer globalisierten Welt

Das Sommermärchen 2006 führte dazu, dass Deutschland endlich seinen Platz in der Welt in der Gemeinschaft mit den anderen gefunden hatte. Damit schließt sich der Kreis wieder. Politik, Wirtschaft u... weiterlesen

Medium_ad7ea38ca5
von Beatrice Bischof
24.01.2018
meistgelesen / meistkommentiert