Wenn wir ein bisschen mehr schwäbische Hausfrau mit auf den Weg nehmen, dann können wir das System stabiler gestalten. Josef Ackermann

Scheinsensibel

Als Ralf Rangnick mit Erschöpfungssyndrom seinen Rücktritt bekannt gab, kam dafür von Waldemar Hartmann gleich die verbale Klatsche. Der ehemalige Kommentator ist zum Sprachrohr des Stammtischs verkommen.

Eigentlich gibt es nicht einen einzigen Grund dafür, sich ernsthaft mit Waldemar Hartmann zu beschäftigen. Er ist weder schlau noch interessant, und ich erinnere mich auch nicht an eine beeindruckende Leistung. Ein prominenter Fußball-Clown aus Bayern, der mal Fußball-Moderator war. Einer, der gerne duzt und trinkt, manche Leute erheitert und andere nervt, Geschmackssache eben.

Sprachrohr des Stammtischs

Beim sonntäglichen Doppelpass vor einer Woche hat Waldi, so nennen ihn ja viele, was der Waldi auch ziemlich gut findet, jedoch etwas gesagt, das in Erinnerung geblieben ist. Es ging um Ralf Rangnick, der kurz zuvor als Trainer von Schalke 04 zurückgetreten war – wegen eines Burn-outs. „Es soll keiner Koch werden, der die Hitze nicht aushalten kann.“ – Wenn die anderen sich nicht trauen, sag ich halt, wie es ist, wird er sich gedacht haben. Waldi Hartmann, das Sprachrohr des Stammtischs.

Ja ja, den Mann einfach quatschen lassen. Jede Form von Aufmerksamkeit hat der nicht verdient. Doch ich befürchte, dass Waldi Hartmann mit dieser verqueren, dummen, kalten Meinung nicht alleine dasteht. Auch wenn die Öffentlichkeit nach dem Selbstmord Robert Enkes so wahnsinnig sensibel zu sein scheint.

Ob Spieler, Trainer, Funktionäre – viele zollten Rangnick nach dessen Entscheidung, das Profi-Geschäft zumindest temporär freiwillig zu verlassen, Respekt. Der Fußball-Lehrer wurde mit Lob und Unterstützung überschüttet. Starke Gesten. Manchen habe ich diese Worte nicht geglaubt.

Und dann wären da noch die ganz normalen Fans. Wer einen Abend in einer Fußball-Kneipe verbringt und aufmerksam zuhört, wird merken, dass viel Waldi in der Luft ist. Denn Waldemar Hartmann hat noch einen anderen Faktor ins Spiel gebracht: Geld. Profis und Trainer seien ja finanziell abgesichert, meint er. Da seien psychische Erkrankungen ja leichter zu ertragen.

Mut für Rangnicks Offenheit

Solche Meinungen mit Argumenten zu entkräften, ist wohl unmöglich. Trotzdem ein Versuch: Was wäre im Fall Rangnick denn die Alternative gewesen? Angenommen, Rangnick wusste, dass das Profi-Geschäft ihn vielleicht überfordern würde. Deswegen dem Beruf, den man so gerne ausüben möchte, nicht nachgehen? Und ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass Ralf Rangnick erst im Laufe der Jahre, speziell in den vergangenen Monaten, gemerkt hat, dass er dem Druck nicht mehr standhält?

Waldemar Hartmann hat mit seinen Aussagen endgültig bewiesen, dass er nicht verdient, im Fernsehen reden zu dürfen. Doch er hat unfreiwillig auf ein Problem aufmerksam gemacht: Es gibt noch viele Menschen, die nichts, nichts, wirklich nichts verstanden haben. Von einer Gesellschaft, wo jeder einen Schritt wie den von Rangnick als mutig und respektabel empfindet, sind wir weit entfernt.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Lukas Hermsmeier: Mut im Bauch

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