Mainstream ist eigentlich nur uncool, wenn du Alternative sein willst. Rea Garvey

Der Ball ist zu rund

Glattgelutscht, ohne Ecken und Kanten: Der moderne Fußball verliert seinen Charakter. Wo sind nur all die Stinkefinger abgeblieben?

Ich wünsche mir einen übergewichtigen Philipp Lahm, der nervige Reporter vor laufenden Kameras wegbrüllt. Ich wünsche mir einen grotesken Schiedsrichter-Fehler, der ein WM-Finale entscheidet. Und mündige Fans, die mit kampfeslustigen Plakaten die Verbände angreifen. Ich wünsche mir: überraschenden und ungerechten Fußball.

Denn dieser Sport ist krank. Diagnose: Langeweile. Die Genese lässt sich mit dem Leben Joschka Fischers vergleichen. Vom vorlauten Sponti zum gleichgeformten Lobbyisten. „Der Fischer“ mag reicher, seriöser und anerkannter sein als „der Joschka“ – er ist definitiv lascher. So wie der heutige Fußball.

Welche Momente und Geschichten aus den vergangenen Jahrzehnten sind hängengeblieben? Die Maradona-Hand, der Effe-Finger, das Wembley-Tor, die Daum-Koks-Pressekonferenz. Großeltern erzählen ihren Enkeln nicht von diesem einen Unentschieden, wo beide Mannschaften fehlerfrei agierten und sich anschließend ausgesprochen fair die Hände schüttelten. Sie erzählen von Skandalen und emotionalen Feuerwerken.

Wer bei den Interviews nach Schlusspfiff pfiffig-reflektierte Antworten erwartet, wurde schon immer enttäuscht. Wer eigenständige Meinungen hören will, der wird wenigstens in den Archiven fündig. Vergangenheit. Da ist nun eine Generation hochgezüchtet worden, so PR-verseucht, dass sie fast nur aus Opportunisten besteht. Es scheint, als ob die Berater ihren Spielern vor allem eintrichtern: Jeder Mut, jede Provokanz, jede Autonomie ist karriereschädigend. Bloß keine Ecken und Kanten. Befolgt von Neuer, Khedira, Bender und wie sie alle heißen. Prototypen nach Löws geschliffenem Muster. „Das Team ist wichtiger als der einzelne Spieler“, „Ich warte auf meine Chance“. Auswendig gelernte Sätze. Gähn. Ich kann sie nicht mehr hören.

Die Akademisierung des Fußballs ist nicht mehr aufzuhalten. Alles und jeder wird vermessen, beobachtet, überprüft. Stichwort Ernährung. Sind Bauchumfang und Laktatwerte eines Spielers wirklich wichtiger als die Anzahl der Tore, die er schießt? Der Bremen-Brasilianer Ailton kam Sommer für Sommer mit Wampe aus dem Urlaub. Wohltuend unseriös, aber kaum noch möglich – zu clean ist das Geschäft.

Nicht nur die Profis, auch die Fans werden gegängelt und überkontrolliert. Vor einigen Wochen wurde den Anhängern des Viertligisten Fortuna Köln verboten, ein Anti-Nazi-Plakat im Stadion aufzuhängen. Fans des VfB Stuttgart durften zu Ende der letzten Spielzeit keine Choreographien mehr präsentieren. Wohl zu bunt. Nur zwei Beispiele, die aber zeigen, wie sehr Individualität und eigene Meinung mittlerweile unterbunden werden.

Fehlerminimierung als oberste Devise. Dass ein Pep Guardiola den Gegner in der Spielvorbereitung intensiver durchleuchtet, als es ein Sepp Herberger tat, kann man ihm nicht ankreiden. Es ist die logische Konsequenz des technischen Fortschritts. Doch man wird der FIFA irgendwann vorwerfen müssen, dass sie das Spiel kaputt professionalisiert hat. Bei der WM im kommenden Jahr wird erstmals Torlinientechnologie (Tor-Kameras oder Chip im Ball) eingesetzt. Es dauert wohl nicht mehr lang, bis der Schiedsrichter gar keine Fehler machen kann. Zu welchem Preis? Dass die 90 Minuten nonstop zerpflückt und von der Tribüne aus dirigiert werden. Die Wahrheit liegt spätestens dann nicht mehr auf dem Platz.

Fußball ist zur Wissenschaft geworden. Und daran haben alle – Spieler, Trainer, Funktionäre, Verbände, Sponsoren, Fans – ihren Anteil. Diese Entwicklung ist auch nicht pauschal zu verteufeln. Doch eine dreckige Weste ist spannender als eine weiße. Das Spiel braucht Freiraum, Luft zum Atmen. „Ohne Fehler keine Tore“, hat Otto Rehhagel mal gesagt. Und ohne Fehler kein Spaß.

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