Fußball ist in den vergangenen zwei Wochen aus seinem Kokon geschlüpft. Die über Jahrzehnte verhärtete Hülle – einfach abgelegt. Ein zartes, friedliches Geschöpft hat sich ans Tageslicht getraut. Denn Fußball, das war für den gemeinen Fan stets ein Spiel auf Leben und Tod, eine Suppe aus Blut und Schweiß. Und für einen Teil der Anhängerschaft sogar noch mehr: Krieg.
Und heute, im Sommer 2011? Die Frauen-Weltmeisterschaft lässt unseren Volkssport in einem uns bislang unbekannten Licht erscheinen. Wir erleben Fußball, wie wir es noch nie getan haben: friedlich, freundlich, froh. Und sonst nichts.
Ein Lob der Leichtigkeit
16.950.000. In Worten: sechzehnmillionenneunhundertfünfzigtausend. So viele Menschen saßen beim Viertelfinal-Aus gegen Japan vor den Fernsehern. 774.480 der 900.000 Karten sind insgesamt vergeben. Und auf den Fanmeilen dieses Landes fieberten Zehntausende vor den Großbildleinwänden mit. Ob in den Fußgängerzonen, an Stammtischen, bei der Arbeit – Fußball, ja Frauen-Fußball, war die vergangenen zwei Wochen irgendwie allgegenwärtig. Doch es ist kaum der sportliche Aspekt, der selbst Männer, die es nun wirklich nicht vorhatten, zu WM-Fans machte. Mit welcher Taktik wir spielen, wie stark der nächste Gegner ist, wen Trainerin Silvia Neid von Beginn an aufs Feld schickt? Fragen, die uns nicht weiter tangierten. Es ist die Leichtigkeit dieses Turniers, die uns begeisterte.
Vor zwei Monaten ging die Bundesliga-Saison zu Ende. Eines der Bilder, das von der zurückliegenden Spielzeit blieb: „Fans“, die ihre Aggressionen auf widerlichste Art und Weise an ihren eigenen (!) Vereinen ausließen. So geschehen in Köln, als die Spieler morgens beim Training auf einer Werbebande „Wenn Ihr absteigt, schlagen wir Euch tot“ lesen mussten. So geschehen in Frankfurt, als nur ein Warnschuss in die Luft den aufgebrachten Mob nach einer Niederlage zähmen konnte. Ebenfalls unvergessen, der Bierbecherwurf auf den Schiedsrichter-Assistenten bei einem Heimspiel von St. Pauli.
Fußball und Gewalt, nicht erst seit dieser Saison eine giftige Verbindung. 1.500 Polizisten bei Heimspielen von Dynamo Dresden oder Hansa Rostock, wohlgemerkt im vorigen Jahr noch Drittligisten, keine Ausnahme mehr.
Sport ist Spaß
Nein, Fußball das bedeutet nicht grundsätzlich Gewalt. Und der Großteil der Fans erlebt die Spiele auch so, wie man es tun sollte: zittern, feiern, trauern. Doch wenn auch nur ein Bruchteil der Zuschauer sich offenbar so viel Macht zu eigen macht, dass Spieler Angst um ihr Leben haben, dann sagt das auch etwas über den Zustand dieses Sports aus.
Jetzt also die Frauen-WM. Mit den vielen Kindern, Frauen und besonnenen Männern auf den Tribünen und vor den Fernsehern. Auf mögliche Randale angesprochen, meinte der Frankfurter Polizeisprecher vor ein paar Tagen: „Diese Fangemeinde reguliert sich selber. Für diese Menschen ist die WM ein Event. Da wird gefeiert und nicht geprügelt.“
Fußball als Event, das ist nichts Neues. Das Frauen-WM-2011-Event hat aber einen entscheidenden Vorteil. Es bietet gewaltbereiten Menschen keinen Rahmen.
Leserbriefe
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Dieses Wundenlecken ist durchaus amüsant anzusehen. Jetzt, da also die WM völlig verkorkst ihr für diese Mannschaft würdiges Ende gefunden hat (man sollte sich nichts vormachen: souveräne Leistung ist anders!), muss es doch noch etwas geben, das weiterhin eine völlig überbewertete Begeisterung rechtfertigt… Also fängt man an und sagt, dass Frauen-Fußball z.B. auf der Arbeit allgegenwärtig war. Nun gut, ich kenne die Kollegen Herrn Hermsmeiers nicht, aber an der Uni war dieses Thema noch weniger beachtet als das Mensa-Angebot.
Also protokolliert man, dass Zehntausende auf Fanmeilen feierten… Nun gut, in Berlin hat man 2006 / 2010 auf EINER Fanmeile Zehntausende versammelt. DAS ist für mich Begeisterung.
Dass man nun Gewaltfreiheit anpreisen muss, damit diesem Ereignis noch etwas abzugewinnen ist, zeigt doch erst, wie verzweifelt die Berichterstattung einem nichtvorhandenen Phänomen hinterherläuft. Tragisch, dass sich der Journalismus mittlerweile der zwanghaften Gender-Gleichstellung prostituiert. Entlarvend ist da schon die ewige Argumentation, dass die Frauen ja zwei Titel in den letzten Jahren geholt hätten. Das mag sein, doch macht es das Spiel nicht spannender oder schöner. Um es mal ironisch auszudrücken: Wäre Deutschland Weltmeister im Korbflechten oder Sockenstricken, dann macht es das nicht spannender.
Die Propagandaschlacht, die eine Randsportart bei den Frauen zu einem Massenphänomen hochjubeln wollte, hat einen Rohrkrepierer produziert.
Das ist eigentlich alles.
Die Frage bleibt: Wer hat sich diese Agitation ausgedacht? Hat Alice Schwarzer den charakterschwachen Theo Zwanziger mit Ohrfeigen bedroht? Angela Merkel die Frauenquote bei den öffentlich rechtlichen Staatssendern verordnet?
Wenn zu einem Spiel der Männerbundesliga im Schnitt 42.000 Zuschauer kommen, zu einem Spiel der Frauen-Bundesliga 800, dann ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass es unter den vielen Fans der Männer auch ein paar Idioten gibt. Und? Das macht das behäbige Spiel der Frauen nicht besser. Langsam, langweilig und gewaltfrei. Na großartig. Ich hätte das Turnier vielleicht ansprechender gefunden, wenn dieser Jubel-verordnende Medien-Hype nicht gewesen wäre, nach dem Motto: Jetzt finden wir alle Frauen-Fussball ganz toll. Dann hätte man über Fussball reden können. So bin ich froh, wenn diese volkserziehenden Gender-Spiele endlich abgepfiffen werden.
Beim Frauenfußball sind Follower keine Identifier. Das macht den Unterschied. Keiner hat ne Ahnung, aber man geht gerne zum Event. Oder wie der Frankfurter Polizist es sagte:
„Diese Fangemeinde reguliert sich selber. Für diese Menschen ist die WM ein Event. Da wird gefeiert und nicht geprügelt.“
Apropos Frankfurt: Außerhalb der Fanmeile ist nichts los. Der Autor übertreibt mithilfe seiner Ahnungslosigkeit maßlos, das große Event ist die Frauen-WM im Vergleich gewiss nicht. Auch die Gewalt bei den Männern wird auf das Heftigste übertrieben.
“Ein zartes, friedliches Geschöpft hat sich ans Tageslicht getraut.”
Bis auf Marta. Diese zeigte Körpereinsatz. Und wurde deswegen von den deutschen Eventsuchern ausgebuht.
Die Begründung liefert der Autor auch prompt:
“Doch es ist kaum der sportliche Aspekt, der selbst Männer, die es nun wirklich nicht vorhatten, zu WM-Fans machte.”
Stimmt, um den Sport geht es nicht. Sondern um ein in Watte gepacktes Event. Und wehe eine Fußballerin spielt da nicht mit.
Ich verstehe weder, worauf Herr Hermsmeier hinaus wollte, noch die Macho-Anwandlungen meiner drei Vorschreiber.
Frauenfußball ist nicht Männerfußball. Es muss anders gesehen und verstanden werden, das haben die Gegner dieser Frauensportart noch nicht so ganz begriffen und dauert wohl noch einige Zeit?
Keine Angst, Alles wird gut. Wer sich zu Leichtathletik-EM’en oder -WM’en eine Karte kauft, oder sich bei regionalen Sportfesten dieser Art einfindet, schaut bei den Frauen genauso zu, wie bei den Männern, obwohl die Leistungen im gleichen Segment nicht miteinander vergleichbar oder kompatibel sind. Gleiches gilt natürlich auch bei diversen Mannschaftssportarten, die von beiderlei Geschlechtern betrieben werden. Das gehört längst zu unserer Sportkultur. Sicher ist das noch nicht überall angekommen, denn . . .
. . . beim Fußball brauchen manche Menschen, vorwiegend (aber nicht nur) Männer ein bisschen länger. Warum eigentlich? Muss man davon ausgehen, dass das Gros der Fußballanhänger ein wenig eingeschränkter in seinem Welt- und Frauenbild ist, als die sonstigen Sport-Konsumenten? Sind es gar homosexuelle Hintergrundfantasien, die Männer zu Männern ins Stadion treiben und das Spiel der Frauen meiden lassen? Da bin ich schon froh, dass zu den Männern in den letzten Jahren zunehmend auch Frauen, auch junge und auch Hübsche, in die Stadien strömen, damit “Schlimmeres” vermieden wird.
Und so, wie die Frauen zunehmend zu den Männern ins Stadion kommen, werden nach dieser Frauen-WM trotz aller Unkenrufe und zum Teil dümmlicher Kommentare mit Sicherheit künftig auch mehr Zuschauer, Frauen und Männer in die Stadien zum Frauenfußball kommen und man wird sich daran gewöhnen, dass es diese Sportart gibt, dass sie anders zu bewerten ist, aber eben auch schön anzuschauen und spannend sein kann.
So sei es!
Ich habe es mir zur Regel gemacht, persönliche Beleidgungen arroganter Schnösel nicht mehr zu kommentieren. Und ich bin sicher, dass statt der bisher 800 Zuschauer bei Spielen der Frauen-Bundesliuga zukünftig 850, vielleicht sogar 900 kommen werden. Und ich freue mich, wenn es denen gefällt.
Aber bei “schön anzuschauen und spannend” musste ich dann doch lachen. Das Spiel zwischen USA und Brasilien gestern war spannend. Der ganze Rest dieser WM war lahm und langweilig.