Ich bin nicht der Oberlehrer, der anderen Zeugnisnoten erteilt. Rainer Brüderle

Die schönste Nebensache der Welt

Dass unsere Frauen Weltmeister werden, war ungefähr so gesetzt wie das Happy End in Hollywood-Filmen. Man zittert, ist sich zwischendurch unsicher und am Ende wird doch alles gut. Jetzt das ernüchternde Aus. Was also bleibt von dieser WM?

Fußball ist in den vergangenen zwei Wochen aus seinem Kokon geschlüpft. Die über Jahrzehnte verhärtete Hülle – einfach abgelegt. Ein zartes, friedliches Geschöpft hat sich ans Tageslicht getraut. Denn Fußball, das war für den gemeinen Fan stets ein Spiel auf Leben und Tod, eine Suppe aus Blut und Schweiß. Und für einen Teil der Anhängerschaft sogar noch mehr: Krieg.

Und heute, im Sommer 2011? Die Frauen-Weltmeisterschaft lässt unseren Volkssport in einem uns bislang unbekannten Licht erscheinen. Wir erleben Fußball, wie wir es noch nie getan haben: friedlich, freundlich, froh. Und sonst nichts.

Ein Lob der Leichtigkeit

16.950.000. In Worten: sechzehnmillionenneunhundertfünfzigtausend. So viele Menschen saßen beim Viertelfinal-Aus gegen Japan vor den Fernsehern. 774.480 der 900.000 Karten sind insgesamt vergeben. Und auf den Fanmeilen dieses Landes fieberten Zehntausende vor den Großbildleinwänden mit. Ob in den Fußgängerzonen, an Stammtischen, bei der Arbeit – Fußball, ja Frauen-Fußball, war die vergangenen zwei Wochen irgendwie allgegenwärtig. Doch es ist kaum der sportliche Aspekt, der selbst Männer, die es nun wirklich nicht vorhatten, zu WM-Fans machte. Mit welcher Taktik wir spielen, wie stark der nächste Gegner ist, wen Trainerin Silvia Neid von Beginn an aufs Feld schickt? Fragen, die uns nicht weiter tangierten. Es ist die Leichtigkeit dieses Turniers, die uns begeisterte.

Vor zwei Monaten ging die Bundesliga-Saison zu Ende. Eines der Bilder, das von der zurückliegenden Spielzeit blieb: „Fans“, die ihre Aggressionen auf widerlichste Art und Weise an ihren eigenen (!) Vereinen ausließen. So geschehen in Köln, als die Spieler morgens beim Training auf einer Werbebande „Wenn Ihr absteigt, schlagen wir Euch tot“ lesen mussten. So geschehen in Frankfurt, als nur ein Warnschuss in die Luft den aufgebrachten Mob nach einer Niederlage zähmen konnte. Ebenfalls unvergessen, der Bierbecherwurf auf den Schiedsrichter-Assistenten bei einem Heimspiel von St. Pauli.

Fußball und Gewalt, nicht erst seit dieser Saison eine giftige Verbindung. 1.500 Polizisten bei Heimspielen von Dynamo Dresden oder Hansa Rostock, wohlgemerkt im vorigen Jahr noch Drittligisten, keine Ausnahme mehr.

Sport ist Spaß

Nein, Fußball das bedeutet nicht grundsätzlich Gewalt. Und der Großteil der Fans erlebt die Spiele auch so, wie man es tun sollte: zittern, feiern, trauern. Doch wenn auch nur ein Bruchteil der Zuschauer sich offenbar so viel Macht zu eigen macht, dass Spieler Angst um ihr Leben haben, dann sagt das auch etwas über den Zustand dieses Sports aus.

Jetzt also die Frauen-WM. Mit den vielen Kindern, Frauen und besonnenen Männern auf den Tribünen und vor den Fernsehern. Auf mögliche Randale angesprochen, meinte der Frankfurter Polizeisprecher vor ein paar Tagen: „Diese Fangemeinde reguliert sich selber. Für diese Menschen ist die WM ein Event. Da wird gefeiert und nicht geprügelt.“

Fußball als Event, das ist nichts Neues. Das Frauen-WM-2011-Event hat aber einen entscheidenden Vorteil. Es bietet gewaltbereiten Menschen keinen Rahmen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Daniel Mack, Matthias Heitmann, Stefan Erhardt.

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