Randsportart Fußball

von Lukas Hermsmeier24.04.2012Gesellschaft & Kultur

Überall dominieren die Hauptstadt-Klubs, nur im Fußball nicht. Was Hertha fehlt, ist eine Philosophie, wie sie die Füchse Berlin haben.

Originell ist es nicht, Michael Preetz in diesen Tagen Unvermögen zu unterstellen. Doch wer sich Herthas derzeitigen Zusammenfall anschaut, gekrönt mit der Niederlage gegen den Tabellenletzten Kaiserslautern am Wochenende, hat gar keine andere Wahl. Der 44-jährige hat in den vergangenen drei Jahren so viele Fehlentscheidungen getroffen (Spieler, Trainer, Außendarstellung), dass der Abstieg in die Zweite Liga nur verdient und konsequent wäre. Und wenn sogar der Bundestrainer Joachim Löw, gewiss kein Stinkstiefel und von Beruf aus zu einem gewissen Maß an Diplomatie verpflichtet, die Personalpolitik von Preetz öffentlich zerreißt, dann herrscht in der Hauptstadt absoluter Konsens: Michael Preetz sollte lieber gehen. „Du musst doch einen Trainer holen, der für die Vereins-Philosophie steht. Berlin holt sich drei oder vier verschiedene Philosophien in einem Jahr. Da kann man sich ausrechnen, dass das nicht auf fruchtbaren Boden fällt. Diese ständigen Trainer-Wechsel sorgen dafür, dass am Ende nichts mehr zusammenpasst“, sagte Löw am Wochenende und fasste damit die Hertha-Krise kurz und knackig zusammen.

Eishockey, Basketball, Volleyball und Handball dominieren Berlin

Die vielen Fehleinkäufe, der Irrsinn mit den ganzen Trainer-Wechseln, die Peinlichkeiten in der Außendarstellung, die aktuelle Statistik (nur sechs Siege in 32 Spielen, 59 Gegentore) – das reicht eigentlich, um Herthas Situation zu beschreiben und zu begreifen. Ein Blick über den Tellerrand belegt aber noch eindrucksvoller, wie traurig es um die Alte Dame steht. Ein Blick zu den anderen Berliner Sportvereinen. Die Eisbären Berlin spielen am Dienstag gegen die Adler Mannheim erneut um die Deutsche Eishockey-Meisterschaft. Sie sind Berlins verlässliche Sportgröße, wurden in den vergangenen sieben Jahren fünfmal Meister und sind besonders im Osten verankert. Wem Vereinstreue und Leidenschaft wichtig sind, muss zum EHC gehen. Viele der Führungsspieler sind seit Jahren dabei (Ustorf, Felski, Busch), bei Heimspielen kocht die O2 World. Die Basketballer von Alba Berlin gehen als einer der Favoriten in die Play-offs, die in zwei Wochen beginnen. Um den Sponsor wird der Familien-Klub in ganz Europa beneidet – und um den Zuschauerschnitt von knapp 11.000. Die BR Volleys (immerhin mit zuletzt über 7.000 Zuschauern in der Max-Schmeling-Halle) wurden am Sonntag Deutscher Meister und haben einen großen Anteil daran, dass Volleyball immer massentauglicher wird. Und die Füchse Berlin, vor wenigen Jahren noch Handball-Zweitligist, marschierten in dieser Saison sogar ins Champions-League-Viertelfinale. Eishockey, Basketball, Volleyball, Handball, in all diesen Sportarten dominieren die Berliner Vereine das Geschehen, in diesen Ligen wird Berlin mit Respekt betrachtet. Eisbären, Alba, BR Volleys, Füchse, aus unterschiedlichen Gründen sind diese Vereine erfolgreich. Was alle eint, sie haben eine Philosophie. Ein Konzept. Eine Idee. Das, was Hertha nicht hat.

Her mit einem neuen Manager und einer Philosophie

Besonders brutal fällt der Vergleich mit den Füchsen aus, an deren Spitze Geschäftsführer Bob Hanning, ein enger Vertrauter von Hertha-Geschäftsführer Ingo Schiller, steht. Der frühere Trainer hat den Verein seit 2005 fast im Alleingang nach oben geführt, leitet ihn mit Weitsicht und Kompetenz. Die Füchse bauen auf ihre Jugendabteilung, haben Identifikationsfiguren im Kader (Christophersen, Heinevetter), geben nicht mehr Geld aus, als sie haben, und werden von Saison zu Saison beliebter. Und das Wichtigste: Die Füchse verlieren ihren Weg nicht aus den Augen. Doch wofür steht Hertha? Will man die Jugendspieler langfristig ans Profiteam führen oder bildet man sie nur aus, um sie teuer zu verkaufen? Setzt man auf schönspielende Brasilianer oder auf Kämpfer? Hat man den Anspruch, Europa League zu spielen oder sieht man sich als tapferer Abstiegskämpfer? Ob in der Ersten oder in der Zweiten Liga: Der Verein muss in diesem Sommer den längst überfälligen Schnitt vornehmen. Weg mit Preetz, weg mit all den Spielern, die sich eigentlich zu gut für Hertha finden. Her mit einem neuen Manager und einer Philosophie. Damit man in Berlin bald auch wieder Fußball-Fan sein kann.

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