Ihr seid nicht nur Konsumenten. Ihr seid Bürger, das heißt Gestalter, Mitgestalter. Joachim Gauck

Falsche Ehre

Fußball-Reporter müssen gute Schauspieler sein. Denn auf der Pressetribüne gilt es, die Emotionen zu unterdrücken. Wer sagt das eigentlich?

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz: Auf der Pressetribüne wird nicht gejubelt, Emotionen sind verpönt. Ohne Ausnahmen, keine Widerrede. Fußball-Reporter müssen schließlich unparteiisch sein und dementsprechend professionell auftreten. Ein Konsens – nicht etwa bei Zuschauern und Spielern – sondern bei den Journalisten selbst. Doch wie viel Sinn hat diese Selbstkasteiung?

Fast alle Reporter sind Fans

Die meisten Fußball-Journalisten sind auch Fans, vermutlich 99 Prozent. Ich persönlich kenne niemanden, der nicht mit einem Verein zumindest sympathisiert. Denn die Leidenschaft zu diesem Beruf ist in den meisten Fällen der Leidenschaft zu einem bestimmten Klub entwachsen. Und obwohl der Berufsalltag oft ein Stück der Zuneigung frisst – man lernt die Akteure und Strukturen besser kennen, als einem lieb ist – sind die meisten in ihrem Herzen eben parteiisch. Doch es gibt nur wenige Journalisten, die dazu stehen: so wie 11-Freunde-Chefredakteur Philipp Köster (Arminia Bielefeld) oder Kommentator Manfred Breuckmann (Schalke 04). Der Rest schauspielert lieber.

Ich erinnere mich noch gut an das Champions-League-Match zwischen dem VfB Stuttgart und FC Barcelona im Februar 2010. Wie alle auf der Pressetribüne erwartete ich (VfB-Fan) eine klare Niederlage gegen das Superstar-Ensemble aus Katalonien. Eine Überraschung, die wohl jeder dem VfB an diesem Abend gönnte, schien unmöglich. Doch die Stuttgarter spielten sich in der ersten Halbzeit in einen solchen Rausch, dass das 1:0 durch Cacau irritierend verdient war. Beim Jubeln über das Tor schaute ich nach rechts und links und sah, wie fast alle Journalisten krampfhaft cool blieben, während der Rest im Stadion explodierte. Besonders stach der Redakteur eines großen Fußball-Magazins heraus, der seit Jahren über den VfB berichtet. Dieser Mann verharrte auf seinem Platz, schaute stoisch nach vorne und nicht mal eine Fingerkuppe regte sich. Vielleicht hatte er einfach nur einen schlechten Tag. Wahrscheinlicher, dass diese Regungslosigkeit der Ausdruck seines Anspruchs auf Professionalität war.

Vor wenigen Tagen sprach ich mit einem Freund und Kollegen, der für eine große Tageszeitung über einen Bundesligisten berichtet. Auch er würde im Stadion nie und nimmer Emotionen zeigen. Das ginge so weit, dass er selbst ein Fallrückziehertor nicht beklatschen dürfe. Woher diese Regel kommt und für wen er das tut, fragte ich. „Es ist einfach unprofessionell“, antwortete er. Als Argument für ihn fiel mir noch die Sicht der Fans ein. Wer Geld für eine Zeitung ausgibt, kann erwarten, dass der Spielbericht nicht mit persönlichen Anfeindungen oder unverhältnismäßigen Lobpreisungen durchsetzt ist. Und dass alle Kicker gleich bewertet werden.

Fantum darf nicht den Artikel beeinflussen

Genau das ist der springende Punkt: Das Fantum sollte keinen Einfluss auf das Geschriebene haben. Wer Dortmund-Reporter ist und zugleich die Borussen mag, muss einem Mats Hummels nach einem schlechten Spiel auch die Note 5 geben. Und wer das trennen kann, darf meiner Meinung nach auch auf der Pressetribüne fiebern. Ich habe es zumindest noch nie erlebt, dass Anhänger im Stadion die Journalisten ob ihrer Emotionen kontrollieren.

Als es vor wenigen Wochen im Champions-League-Qualifikationsspiel zwischen Kiew und Gladbach darum ging, ob die Bundesliga mit drei oder vier Mannschaften in der Königsklasse vertreten ist, versuchte der ZDF-Kommentator Oliver Schmidt nicht, seine Sympathie für das deutsche Team zu verbergen. „Leute, egal, ein Tor und wir sind in der Verlängerung. Verdient, da sind wir uns doch einig, hätte es Borussia Mönchengladbach“, rief er. Es dauerte nicht mal 24 Stunden, bis Schmidt dafür auseinandergepflückt wurde. Dirk Gieselmann schimpfte auf „11freunde.de“ „dass die Grenze endgültig überschritten war, als er seine Zuhörer in der Schlussphase zwang, im Tiegel seiner tumben Begeisterung mit ihm zu verschmelzen“. Und so erklärt sich auch der Zirkus: Denn wieder war es ein Journalist, der einen anderen Journalisten dafür geißelte, auch Fan zu sein …

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