Die Agenda 2010 war politisch ein Erfolg, aber kommunikativ ein Desaster. Uwe Knüpfer

„Kultur ist kein Ausstellungsstück“

Was verlieren wir, wenn kulturelles Erbe verloren geht? Martin Eiermann sprach mit der Linguistin Luisa Maffi über den Wert der Vielfalt und die Verbindung zwischen Naturwissenschaft und sozialen Fragen.

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The European: Anthropologen warnen uns davor, dass die Hälfe aller Sprachen innerhalb dieses Jahrhunderts aussterben könnte. Das bedeutet aber nicht, dass wir dadurch sprichwörtlich „sprachlos“ werden: Das Verschwinden alter Sprachen ist Teil des kulturellen Prozesses. Warum also machen wir uns Sorgen?
Maffi: Das ist eine Einstellung, die oft von Menschen vertreten wird, deren eigene Sprache und Kultur nicht bedroht sind. Die westliche Kultur ist international verbreitet und wir vertreten daher leicht die Auffassung, dass andere Menschen so werden wollen wie wir. Aber wir müssen das Problem auf den Kopf stellen und aus der Perspektive der bedrohten Minderheiten betrachten: Was heißt es für ein Volk, seine Sprache und Kultur zu verlieren? Und welche Auswirkungen hat der Verlust der sprachlichen Vielfalt für die Menschheit insgesamt?

The European: Was sind denn die globalen Konsequenzen? Die Effekte für unser eigenes Leben halten sich in Grenzen.
Maffi: Die menschliche Evolution hat dazu geführt, dass wir uns über Jahrtausende kulturell und linguistisch voneinander differenziert haben. Die evolutionäre Bedeutung sprachlicher Vielfalt ist durchaus mit der biologischen Vielfalt komplexer Ökosysteme zu vergleichen: Wir werden durch Heterogenität insgesamt widerstandsfähiger. Heute durchleben wir eine Epoche, in der wir durch die Dominanz der westlichen Kultur einander immer ähnlicher werden. Das kulturelle Repertoire der Menschheit verkleinert sich. In der Vergangenheit konnten wir immer wieder Anregungen für ein soziales und nachhaltiges Leben in anderen Kulturen finden, doch diese Möglichkeiten nehmen heute ab. Der Linguist Peter Mühlhäusler hat das als „blinden Fleck der Kultur“ bezeichnet. Die Realität ist unverkennbar, aber wir verleugnen sie trotzdem.

The European: Wir verlassen uns auf den Kanon unseres eigenen kulturellen Wissens, anstatt ihn zu hinterfragen?
Maffi: Die Bandbreite der Sichtweisen zur menschlichen Existenz nimmt ab und ist immer stärker abhängig vom Credo des ewigen Wachstums. Aber Wachstum kann innerhalb eines endlichen Systems nicht unendlich sein. Es gibt genügend Kulturen, die daher eine sehr andere Sichtweise haben. Die Beziehung zwischen Mensch und Natur wurde nicht nur im Westen diskutiert.

„Wachstum kann nicht unendlich sein“

The European: Es gibt ein starkes empirisches Argument gegen diese Sichtweise: Wenn Menschen vor die Wahl gestellt werden, Englisch zu lernen und in urbane Räume zu übersiedeln, lehnen nur wenige ab. Die Geschichte der Globalisierung ist nicht frei von Ausbeutung, aber wir können sie auch als emanzipatorischen und befreienden Prozess begreifen. Also: Wir müssen diesen Prozess weiter befeuern.
Maffi: Wahlfreiheit ist wichtig. Aber Ihr Argument zeigt nur eine Seite der Medaille: Wir sollten es den Menschen nämlich auch freistellen, für die Erhaltung der eigenen Kultur zu kämpfen. Kultur ist kein Ausstellungsstück, das am besten hinter Glas im Museum betrachtet werden sollte; Kultur lebt und verändert sich. In vielen Fällen können wir auch nicht sagen, dass eine Hinwendung zur westlichen Kultur aus freien Stücken geschieht. Kulturelle Angleichung ist oft ein erzwungener Prozess: Wenn Sie beispielsweise jemanden zu einer Entscheidung zwingen, ohne die notwendigen Informationen bereitzustellen, dann kann das nicht als freie Entscheidung gelten. Wenn jemand unter Armut leidet, weil durch die Globalisierung die lokale Wirtschaft zusammengebrochen ist, dann ist ein Umzug in die Stadt vielleicht die einzige Alternative.

The European: Dann lassen Sie uns über relativen Fortschritt sprechen: Selbst eine erzwungene Handlung kann positive Konsequenzen haben. Hat die Welt von der Verbreitung der westlichen Kultur profitiert?
Maffi: Insgesamt nein. Denken Sie nur an die Slums, die sich in den Entwicklungsländern gebildet haben. Das Versprechen von Wohlstand ist für die meisten Menschen ein Traum geblieben. Kulturelle Identitäten und sozialer Zusammenhalt sind durch die Globalisierung geschwächt worden. Blühende Kulturen sind entwurzelt worden; viele Millionen Menschen sind zu Migranten geworden. Das ist tragisch – vor allem, wenn man sich bewusst macht, dass 85 Prozent der weltweiten kulturellen Vielfalt von indigenen Kulturen ausgehen.

The European: Wir haben vor einiger Zeit mit dem Anthropologen Wade Davis gesprochen, der ebenfalls für den Erhalt kultureller und religiöser Praktiken plädiert: „Wir dürfen nicht diskriminieren, wir dürfen uns nicht zum Richter über kulturelle Wahrheiten aufschwingen.“ Aber sind das nicht genau die gleichen Argumente, mit denen wir innerhalb unserer eigenen Kultur für den Säkularismus kämpfen? Religion ist oft diskriminierend, mit absolutem Wahrheitsanspruch, ohne Wahlfreiheit.
Maffi: Ich finde es interessant, dass wir uns immer auf die extremen Aspekte von Religiosität beschränken: auf die Beschneidung von Frauen, auf das Steinigen von Ehebrechern und so weiter. Diese Dinge passieren – auch das Christentum war oft von Gewalt geprägt.

The European: Genau das wäre doch die Argumentation: Wir haben es im Westen geschafft, religiöse Dogmatik hinter uns zu lassen – warum sollten wir sie anderorts tolerieren? Der Relativismus stößt sich an den Idealen des Humanismus.
Maffi: Daher hat es Sinn, von Spiritualität und nicht von Religion zu sprechen. Wir sollten uns für die spirituelle Verbindung zwischen uns und dem Rest der Welt interessieren. Ich glaube, dass die aktuelle Krise eng mit dem Verlust dieser Verbindung zusammenhängt. Wir sehen uns als losgelöst von der Natur und als über sie dominierend. Dabei vergessen wir, dass unser Überleben aber immer noch komplett von der Umwelt abhängt. Spiritualität ist so tief im menschlichen Bewusstsein verankert, weil sie uns oftmals auf diese Verbindung aufmerksam macht.

„Wir glauben, alle Probleme mit Maschinen lösen zu können“

The European: Wann hat unser Denken sich verirrt?
Maffi: Mit der Aufklärung hat alles angefangen. Das Primat der Rationalität und die Trennung von Körper und Geist haben dort ihren Ursprung, noch vor der Industrialisierung. Im 19. Jahrhundert kam dann die Überzeugung dazu, dass sich jedes Problem mit Maschinen lösen ließe. Heute bestimmt das Vertrauen in unsere Technologie unser Denken. Wir haben verlernt, nachhaltig zu leben – denn wenn es ein Problem gibt, müssen wir angeblich einfach bessere Technologien entwickeln. Doch unsere heutige Technologie ist zwar sehr gut darin, die Umwelt auszubeuten und zu zerstören, aber nicht sehr gut geeignet, die Umwelt zu beschützen oder Umweltschäden zu reparieren. Grüne Technologien sind ein guter Ansatz, aber nicht ausreichend – es sei denn, wir justieren auch unseren Wertekanon neu. Am Ende des Tages bleibt die Erde ein endliches System und wir müssen auf ihr leben können.

The European: Manche Umweltschützer argumentieren jetzt, dass der Mensch nicht mehr im Zentrum unseres Denkens stehen sollte. Ihr Projekt scheint etwas bescheidener: Sie fragen, wie sich der Mensch mit der Umwelt arrangieren kann.
Maffi: Genau. Es besteht kein Zweifel, dass wir eine clevere und vielseitige Spezies sind. Unsere Fähigkeit zu kultureller Entwicklung hat sogar dazu geführt, dass wir evolutionäre Prozesse aushebeln können. Aber heute haben wir eine andere Aufgabe: Wir müssen nach innen blicken und uns fragen, was zu tun ist, um die Balance zwischen Mensch und Natur wieder herzustellen. Der Humanismus kann uns dabei helfen: Rationalität hat uns an die Spitze der evolutionären Hierarchie katapultiert, und Rationalität kann uns auch dabei helfen, über unsere eigene Zivilisation zu reflektieren.

The European: Sie haben vorhin den Vergleich zwischen kultureller und biologischer Komplexität gezogen. Ich bin momentan erstaunt, wie viele Metaphern aus Physik, Biologie oder Netzwerk-Theorie wieder Einzug in politische und wirtschaftliche Diskurse halten. Können die Sozialwissenschaften etwas von den Naturwissenschaften lernen?
Maffi: Ich würde von Anwendungen sprechen, nicht von Metaphern. Aus theoretischer Sicht sind Sozialsysteme genauso komplex wie in der Natur vorkommende Systeme. Mit meinem Partner David Rapport, einem Ökologen, untersuche ich momentan die Überschneidungen zwischen biologischer Widerstandsfähigkeit und Kultursystemen. Wir sollten eigentlich von ökokulturellen Systemen sprechen und die beiden Komponenten nicht auseinanderdividieren. Wenn Sie sich mit Jäger-und-Sammler-Gesellschaften beschäftigen, sehen Sie, wie eng Kultur und Natur verzahnt sind. Es spricht nichts dagegen, die gleiche Logik auf Systeme anzuwenden, in denen der Mensch dominant ist.

The European: Die Resilienztheorie postuliert die Existenz von sogenannten „tipping points“. Wenn ein bestimmter Grad der Veränderung erst einmal erreicht ist, kann ein komplexes Ökosystem sehr schnell instabil werden. Was bedeutet das für unsere Kultur?
Maffi: Wir sollten vor lauter Bäumen nicht den Wald vergessen. „Tipping points“ gibt es überall: Wälder, Steppen, die Tundra und Küstenregionen durchlaufen massive Veränderungen. Das beeinflusst nicht nur die Natur, sondern auch die Menschen, die dort leben. Im Nahen Osten hat die industrielle Landwirtschaft dazu geführt, dass ganze Sumpfgebiete trockenfallen. Das Volk der Madan ist komplett aus seinem angestammten Lebensraum vertrieben worden. Millionen sind ausgegeben worden, um das Ökosystem wieder herzustellen – fast ohne Erfolg. Kaum jemand weiß genau, was mit der Kultur der Madan passiert ist.

„Wir verzögern die Konsequenzen unseres Handelns“

The European: Die Konsequenzen werden oft von Kulturen außerhalb Europas und Nordamerikas getragen. Der ultimative „tipping point“ wäre es doch, wenn wir selbst unter den negativen Konsequenzen des menschlichen Fortschritts zu leiden hätten. Veränderungen sind einfacher durchzusetzen, wenn wir persönlich betroffen sind.
Maffi: Die Großen Seen in Nordamerika sind ein gutes Beispiel. Dort befindet sich das größte Süßwasserreservoir der Welt – doch das Ökosystem steht vor dem Kollaps. Die erste Welle der europäischen Einwanderung hat die Ureinwohner verdrängt, jetzt wird der moderne Lebenswandel von den Konsequenzen der letzten zweihundert Jahre bedroht. Verschmutzung, giftige Algen, die Ausbreitung künstlich angesiedelter Arten und die Folgen industrieller Entwicklung haben die Seen schon massiv verändert. Die milliardenschwere Fischerei-Industrie steht vor dem Aus, die Gesundheit der dort lebenden Menschen ist gefährdet.

The European: Ich will das nicht kleinreden – aber diese Phänomene sind keine existenziellen Bedrohungen. Es ist unschön, dreckige Strände zu haben und ungesund, verschmutztes Wasser zu trinken. Aber das kulturelle Überleben steht nicht auf dem Spiel.
Maffi: Das stimmt. Aber schauen Sie: Die Natur ist bereits beschädigt, Fischer verlieren ihre Arbeit. Wir befinden uns auf dem besten Weg hin zu gravierenderen Folgen. Im Westen gehen wir immer noch davon aus, dass wir alles bekommen können, was wir wollen – wenn nicht hier, dann aus anderen Ländern. Wir verzögern also die Konsequenzen unseres Lebenswandels. Diejenigen, die heute schon die Folgen zu spüren bekommen, sind andere. Aber es gibt immer weniger Orte, bei denen wir uns bedienen können. Früher oder später müssen wir uns mit den Konsequenzen auseinandersetzen.

The European: Das heißt?
Maffi: Es ist nie einfach, den eigenen Lebensstil zu hinterfragen. Ein Ansatz ist es vielleicht, Mensch und Natur wieder zu verbinden. Wichtig ist, dass wir Veränderungen unseres Lebenswandels nicht als Opfer begreifen, sondern als positiv. Hier kommt der Bildung eine wichtige Rolle zu: Bildung des Kopfes und auch des Herzens. Nur so können wir über unsere Prioritäten nachdenken und unsere Politik, Wirtschaft und Kultur überdenken. Nachhaltigkeit ist das Wort der Stunde.

The European: Der Ökonom Herman Daly argumentiert, dass wir umweltschädigendes Verhalten so teuer machen müssen, dass es sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt. Wer Umweltschäden besteuert, schafft Anreize zum Umweltschutz.
Maffi: Kein Zweifel – unser Wirtschaftssystem basiert auf Anreizen. Viele davon führen zu Verhaltensweisen, die wirklich nicht nachhaltig sind. Wenn wir die Wirtschaft verändern wollen und uns Gedanken über die Kosten der Wachstumsfixierung machen, merken wir, dass das ganze System umgekrempelt werden muss.

The European: Ist das ein Thema, bei dem sich neue politische Allianzen ergeben können? Linken Umweltschützern und manchen Konservativen geht es gleichermaßen um den Umgang des Menschen mit der Natur.
Maffi: Ich glaube an solche Allianzen und vor allem an die Allianz aller Menschen. Wir sind ein gigantischer, multilingualer, multikultureller Schwarm. Wenn ich mir die Macht des menschlichen Gewissens bewusst mache, habe ich Hoffnung für die Zukunft. Für unsere Zukunft, die Zukunft unserer Kinder, und die kommender Generationen.

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