Die meisten Massenmörder sind merkwürdig. Mark Benecke

Porno for Pyros

Interessant, wie Bands mit miserablen Namen meist auch entsprechend miese Musik produzieren. Oder darf man von Nickelback wirklich mehr erwarten können?

Als ich in der fünften Klasse war, habe ich mit meinen Schwestern und einer Freundin eine Band gegründet. Keine von uns hatte auch nur einen musikalischen Knochen in sich, aber das sollte uns nicht aufhalten. Wer braucht Instrumente, wenn man Tennisschläger und Mülleimer hat?

Und warum sollte man seine ersten lyrischen Schritte in seiner Muttersprache wagen, wenn man doch seit fast zwei Monaten Englisch in der Schule hat? (Für die Grammatiknazis sei gesagt, dass das früher so hieß: Man hatte Englisch, wie man auch Geschi, Reli und Geo hatte.)
Wir hatten also Englisch und damit einen Wortschatz von ungefähr zwanzig Wörtern. Genug, um groteske Liedtexte daraus zu schustern und uns den verruchten Namen „The Dead Body“ zu geben, benannt nach unserem Soon-to-be-Kassenschlager und einzigem Lied.

Wie die meisten Passionen in diesem Alter hatte auch das Bandprojekt eine Halbwertszeit von nicht ganz einem Nachmittag und es wurde schnell begraben. Samt einer Metallbox, deren Inhalt, unser erstes und einziges Lied, für spätere Generationen bewahrt werden sollte.
Im Garten ruht noch immer, wir haben alle „vergessen“ wo, unser peinliches Mahnmal.
Wir waren damals ungefähr elf oder zwölf Jahre alt, wir hatten eine Entschuldigung dafür, uns mit diesem unrühmlichen Namen zu bekleiden.

Nickelback, die Pussycat Dolls und Caught in the Act hatten/haben es nicht.

The Who?

Man darf ahnen, es geht mir heute mit dieser emotionalen, gleichsam edukativen Einleitung um Bandnamen, schöne, coole, gute, schlimme, schreckliche und unerträgliche.

Um abwechslungshalber schon zu Beginn etwas Nettes zu sagen, starte ich mit einem meiner Lieblingsbandnamen (und Band) The Who. All jenen, die seit fünfzig Jahren in einer schalldichten Käseglocke leben oder im Rahmen eines geheimen Nasa-Austauschprojektes auf Melmak lebten, sei verziehen, wenn sie dies nicht wissen: The Who war neben Bands wie The Rolling Stones und The Beatles eine der erfolgreichsten und aus persönlicher Sicht besten Rockbands der 60er- und 70er-Jahre.

Die Band, die neben ihrer Musik für das chronische Zerstören ihrer Instrumente im Anschluss ihrer Konzerte bekannt war, musizierte teilweise unter dem Namen The High Numbers, blieb dann aber doch bei The Who hängen. Dieser Name entstand, heißt es, aus der Unfähigkeit ihrer Elterngeneration, sich all die The … Bands zu merken, die damals aus dem Boden schossen. Wenn Namen wie The Velvet Underground (übrigens ein großartiger Name) oder The Doors fielen, fragte die verwirrte Mamá stets: „The Who?“

Noch konsequenter in ihrer defensiven Namenswahl und mit die besten Musiker dieser Zeit waren The Band. Nachdem sie über einen längeren Zeitraum immer wieder die Band verschiedener Frontmänner wie Bob Dylan und Ronnie Hawkins stellten, schien es ihnen nur logisch, auch später als eigenständige Gruppe mit „The Band“ aufzutreten.

Wie der Name, so die Musik

Interessant ist, wie seltsamerweise die meisten guten Bandnamen auch gute Musik hervorgebracht haben, genauso wie grausige Bandnamen wie Puddle of Mudd, La Bouche und Panic at the Disco erwartungsgemäß das Trommelfell beleidigen.

Tic Tac Toe treiben uns noch heute die Schamesröte ins Gesicht, wenn wir an Hallen angefüllt mit zu „und warum (nur für den Kick für den Augenblick)“ heulenden Teenies denken. Das Gleiche gilt für Captain Jack und Whigfield. Auch Linkin Park und Blink 182 bestätigen meine Theorie.

The Whitest Boy Alive, The Strokes, Kings of Convenience und Absynthe Minded könnten auf der Gute-Musik-Seite meinen Beweis perfektionieren, gäbe es da nicht ein paar Bands mit dämlichen Namen, die aber gute Musik machen. Wie zum Beispiel Starsailor, I am Kloot oder die großartigen Old Crow Medicine Show.

Ein Name, bei dem ich mich immer noch nicht entscheiden kann, auf welche Seite er gehört, ist Blitzen Trapper. Eine besonders gute Band, die ich im Sommer habe live sehen und interviewen dürfen. Natürlich habe ich mich ganz artig auf das Gespräch vorbereitet, indem ich andere Interviews studierte, die die Band bereits gegeben hatte. In jedem einzelnen gaben sie einen anderen Grund für ihren ungewöhnlichen Namen an. Mal war es ein südamerikanischer Indianerstamm, mal ein afrikanisches Gürteltier. Wie sie mir später gestanden, gibt es in Wirklichkeit keinen nachvollziehbaren Sinn hinter Blitzen Trapper, außer dass ihnen der Klang gefiel.

Oder man macht es gleich wie Peter, Bjorn and John und lässt den leidigen Namen ganz sein. Sie haben mir die Optionen genannt, die bei Bandgründung im Raum standen – The Rockers war noch das Harmloseste …

Oft ist mir jedoch ein bedeutungsfreier Name lieber als beispielsweise Rammstein. Neben meiner Unfähigkeit, ihr Schaffen als Musik anzusehen, kann ich es nur grotesk finden, seine Band nach einem Flugunglück zu benennen. Zumal mit dem Liedtext „RAMMSTEIN, ein Mensch brennt, RAMMSTEIN, Fleischgeruch in der Luft, RAMMSTEIN, ein Kind stirbt, RAMMSTEIN, die Sonne scheint!“

Es gibt natürlich auch Bands, deren Musik im Angesicht ihrer unfassbaren Bandnamen völlig irrelevant wird.

Testicle Popsicle habe ich beispielsweise auf Myspace gefunden und auch Porno for Pyros (zu Deutsch: Porno für Brandstifter) und Crippled Black Phoenix sind im Circle der Beschissenheit fast schon wieder bei cool angekommen.

Ich eröffne hiermit die Kommentare und bitte um den miesesten Bandnamen nebst Def Leppard …

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Louisa Löwenstein: Lauschangriff

Leserbriefe

Aus der Kolumne

Hört, hört

Lauschangriff

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Die meisten Menschen haben den Anstand, nur in ihren eigenen vier Wänden zu singen, denn die meisten können es nicht. Dies hat aber Generationen von schauerlichen Stimmen nicht hindern können. Allen voran Florence Foster Jenkins.

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von Louisa Löwenstein
28.04.2011

Bei mir bist du schön

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Oh komm doch, komm zu mir, komm gib mir deine Hand … Dafür, dass Deutsch eine so grausame Sprache sein soll, haben sich ihrer erstaunlich viele englischsprachige Musiker bedient.

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von Louisa Löwenstein
14.04.2011

Killing me softly

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Ian Curtis hat sich mit einer Wäscheleine erhängt, Jeff Buckley ist im Mississippi ertrunken und Falco kam betrunken aus einer Touristendisko, als er sich totfuhr. Der Mythos ist ihnen sicher, aber ein paar Jahre mehr wären doch auch schön gewesen.

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von Louisa Löwenstein
07.04.2011

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