Ein Mindestlohn spricht für die Demokratie. Michael Burda

Lieben lernen

Das Urteil übers deutsche Fernsehprogramm ist oft vernichtend. Aber wenn die Deutschen ihr Fernsehen nicht zu schätzen lernen, bekommen sie weiter ein Programm, das sie verdienen.

Das Fernsehen steht nicht unbedingt in der Gunst der Kritiker, es verliert sein Publikum, und die Trends im Fernsehen werden woanders gemacht. Kommen einmal innovative Formate auf den Bildschirm, beginnt sofort eine moralinsaure und bürgerlich distinkte Diskussion, der es nur um eines geht: das Fernsehen und seine Programme abzuwerten. So geschehen vor mehr als zehn Jahren, als die erste Staffel von „Big Brother“ gesendet wurde, so ein paar Jahre später, als die erste Staffel von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ das Publikum faszinierte, und wieder etwas später, als Heidi Klum begann, „Germany’s Next Topmodel“ zu suchen. Von Unkenntnis über den internationalen Fernsehmarkt geprägt, wurden hier Sendungen einer vehementen Kritik unterzogen, deren Adaptionen in zahlreichen Ländern der Welt gezeigt werden, und die in anderen Ländern sogar begehrte Fernsehpreise gewonnen hatten. Woran liegt das?

Kein Mut zum Risiko

Im deutschen Fernsehen wurden zwar bereits seit den 1950er-Jahren auch importierte Sendungen aus dem Ausland, meist den USA oder Großbritannien, gezeigt, doch im Wesentlichen beschäftigte man sich mit sich selbst. Lediglich durch die Einführung des privaten, kommerziellen Fernsehens wurde diese Selbstgefälligkeit ein wenig erschüttert. Das Beben blieb jedoch aus. Während die öffentlich-rechtlichen Sender in überheblicher Selbstzufriedenheit immer nur auf den eigenen Nabel schielten, scheuten die privaten Sender das Risiko und adaptierten lieber Formate, die bereits in anderen Ländern erfolgreich waren. Mut zum Risiko und zu Experimenten ist dem deutschen Fernsehen daher weitgehend fremd. Fernsehinnovationen finden woanders statt.

Zum Beispiel in den USA, wo sich dank kommerzieller Kabelsender wie HBO oder Showtime eine neue Serienkultur entwickelt hat. Außergewöhnliche Themen, komplexe Erzählweisen und filmische Ästhetik begeistern Kritik und die besser gebildete Mittelschicht. Das deutsche Fernsehen ist davon weit entfernt, auch wenn es Ausnahmen von der Mittelmäßigkeitsregel gibt, z.B. „Im Angesicht des Verbrechens“ oder „Unsere Mütter, unsere Väter“. Wie es besser geht, haben die skandinavischen Länder, vor allem Dänemark, vorgemacht. Mit „Kommissarin Lund“, „Die Brücke“ oder „Borgen – Gefährliche Seilschaften“ wurden Serien kreiert, die nicht nur die Dänen selbst begeistern, sondern ein internationales Publikum. Das dänische Fernsehen und die dänischen Produzenten haben eine unverwechselbare Handschrift des dramatischen Erzählens geschaffen, die wiederum in die USA abstrahlt, wo diese Serien adaptiert wurden. Auf europäischer Ebene hat es zuletzt mit „Borgia“ den Versuch gegeben, eine internationale Serie zu produzieren – immerhin so erfolgreich, dass bereits eine zweite Staffel abgedreht wurde. Obwohl in Deutschland ein Bedarf an interessanten Geschichten und anspruchsvollen Serien besteht, kommen die Serieninnovationen eher aus dem skandinavischen Raum oder aus Großbritannien. Um die Serienproduktion auf europäischer Ebene zu fördern, führt das Potsdamer Erich-Pommer-Institut seit 2012 jährlich das vom MEDIA-Programm der Europäischen Union geförderte „European TV Drama Series Lab“ durch. Hier kommen Autoren und Produzenten aus den europäischen Ländern zusammen, um von den Machern erfolgreicher US-Serien zu lernen. Ziel ist es, ein Netzwerk europäischer Professionals zu schaffen, die mit ihren Ideen und Produkten qualitativ hochwertiges Fernsehen machen – für ein europäisches Publikum, und das sind die verschiedenen nationalen Publika, auch das deutsche Publikum.

Aber mit dem deutschen Publikum ist es so eine Sache. Es findet das Fernsehen irgendwie generell nicht so toll. Sonst würden sich an einem normalen Tag erheblich mehr gewillte und willige Zuschauer vor den heimischen Bildschirmen jeglicher Größe versammeln. Das Fernsehen ist nicht der Deutschen liebstes Kind, schon gar nicht des Feuilletons, das gerne von der hohen Warte der vermeintlich bildungsbeflissenen Kultur, die natürlich auch moralisch überlegen ist, auf das herabguckt, was dann als „Trash-“ oder „Unterschichtenfernsehen“ bezeichnet wird. Dass diese Form des Show-Fernsehens dann doch manchmal ein großes Publikum erreicht, ficht die Kritiker natürlich nicht an, weil die eigene Betroffenheit über allem steht.

Wer fernsieht, hat ein schlechtes Gewissen

Das Fernsehen hat in Deutschland ein schlechtes Image, ja es ist stigmatisiert. Wer fernsieht, hat ein schlechtes Gewissen, denn es gäbe sicherlich Sinnvolleres zu tun. So kommt es, wie es kommen muss: Weil alle das Fernsehen schlechtreden, wird es immer schlechter – aber nur, wenn man nicht genau hinguckt. Zahlreiche Adaptionen international erfolgreicher Shows finden zumindest ihr Publikum, wenn auch nicht die Kritiker. Bei den anspruchsvollen Serien verhält es sich umgekehrt, die Kritiker sind begeistert, die Mehrheit der Zuschauer mag sich ihnen nicht widmen. Was ist also zu tun? Wie kann das deutsche Fernsehen besser werden? Was muss sich ändern?

  • Es muss mehr Redakteure geben, die Fernsehen lieben, anstatt es zu hassen.
  • Es muss mehr Mut zum Risiko bei Programminnovationen geben.
  • Es muss eine ausgewogene Mischung aus Gebrauchsfernsehen und Event-TV geben.
  • Neue Serien müssen experimenteller erzählt werden, und die Budgets pro Episode müssen drastisch steigen.
  • Altbackene journalistische Formate wie die Politmagazine und Polittalks müssen zugunsten exzeptioneller Unterhaltung und Fiktion reduziert werden.
  • Die öffentlich-rechtlichen Sender müssen verpflichtet werden, mehr als 80 Prozent der eingenommenen Gebührengelder in die Produktion von Programm zu investieren.
  • Die Sender müssen kreativen Produzenten mehr Verwertungsmöglichkeiten einräumen, um den Ideenwettbewerb anzuheizen und langfristig eine ambitionierte Produktionslandschaft zu schaffen.
  • Das deutsche Fernsehen muss sich mehr an internationalen Qualitätsstandards als am eigenen Mittelmaß orientieren.
  • Das deutsche Publikum und das deutsche Feuilleton müssen das Fernsehen lieben lernen! – Denn sonst bekommen sie das Fernsehen, das sie verdient haben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Klaudia Wick.

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