Fortschritt braucht den Schritt nach vorne, nicht zurück. Franz Müntefering

„Wir brauchen flexible Eigentumsrechte im Internet“

Welche Rolle spielt Copyright in einer zunehmend digitalen Gesellschaft? Inanna Fronius und Martin Eiermann sprachen mit dem Wirtschaftswissenschaftler Linus Dahlander über Urheberrechte, Demokratisierung des Wissens und die Intelligenz der Masse.

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The European: Mark Surman von der Mozilla Foundation hat im Interview einmal das Internet mit einer Legokiste verglichen: Man nimmt sich die Bausteine und macht etwas neues daraus. Ist das mit bisher existierenden Copyright-Normen möglich?
Dahlander: Die meisten Menschen würden wahrscheinlich zustimmen, wenn ich sage, dass sehr wenige Dinge wirklich neu sind. Die meisten Erfindungen und Innovationen kombinieren Bekanntes in neuer Form. Dafür muss man allerdings auf vorhandenes Wissen zugreifen können. Je flexibler unsere geistigen Eigentumsrechte sind, desto besser können wir diesen Zugang garantieren. Ich bin skeptisch, ob die heutigen Rechtsnormen die kommenden zehn Jahre überleben werden.

The European: Bedeutet das auch, dass wir unsere Definition von Plagiaten verändern müssen? Es wird weniger wichtig, wer etwas geschrieben hat und wichtiger, was man geschrieben hat?
Dahlander: Sie müssen Tribut zollen, wenn Sie sich bei den Ideen anderer bedienen. Das ist für mich als Forscher sehr wichtig. Wenn man auf den Schultern von Riesen steht, dann muss man sich vor der Leistung anderer auch verbeugen. Man darf sich die Ideen nicht einfach aneignen und dabei nicht auf die Ideengeber verweisen.

The European: Könnte ein flexibler Ansatz – wie etwa bei den Creative Commons Lizenzen – eine Lösung sein, oder ist der Einfluss solcher Modelle doch eher begrenzt?
Dahlander: Wir tendieren dazu, die Motivation der Menschen zu unterschätzen. Viele Künstler machen das aus Spaß, nicht aus wirtschaftlichen Erwägungen. Diejenigen, die wirklich auf den Profit aus sind, haben andere Geschäftsmodelle zur Verfügung. Es gibt zum Beispiel einen Trend, Geld nicht mehr mit dem Verkauf der eigentlich zentralen Produkte sondern zur andere Dienste und Nebenprodukte zu verdienen. Was mir an Creative Commons gefällt, ist die Flexibilität. Es gibt verschiedene Lizenzen für verschiedene Anforderungen; das hat Potential. Traditionelle Organisationen werden trotzdem dagegen kämpfen, weil sie die Dinge immer schon anders gemacht haben und das auch einfacher für sie ist. Sie schaffen den Übergang zu neuen Copyright-Modellen nicht, weil man dafür eine komplett andere Geisteshaltung braucht. Langfristig ist dieser Ansatz aber zum Scheitern verurteilt.

“Es gibt sehr viele Geschäftsmodelle, die im Netz funktionieren können”

The European: Wodurch ist diese Geisteshaltung charakterisiert?
Dahlander: Die junge Generation ist mit dem Internet aufgewachsen und versteht, dass alles eine soziale Dimension hat. Wenn man nicht am Verkauf von CDs verdienen kann, dann lässt sich Geld vielleicht mit T-Shirts der Bands oder mit Konzertkarten machen. Im Bereich von Open Source verdient man kein Geld mit Softwareentwicklung. Aber es ist fantastisch, das in seinem Lebenslauf zu haben. Vielleicht gibt es also eine Firma, die einen deshalb einstellt um eine Brücke zu schlagen zwischen der Netzgemeinde und der Geschäftswelt. Es gibt sehr viele Geschäftsmodelle, die im Netz funktionieren können. Die Herausforderung ist, diese Modelle zu finden und umzusetzen.

The European: Apple hat vor kurzen die neuen Zahlen zum iTunes Store veröffentlicht, der Umsatz steigt rapide an. Ist das ein Zeichen für Veränderungen im Nutzerverhalten? Wir sind heute deutlich offener für die Idee im Internet Geld für Musik zu bezahlen als noch vor fünf Jahren?
Dahlander: Manche Menschen sind bereit, zu bezahlen. Aber das hängt immer von den Angeboten ab. Schauen wir uns das iPad an: Die besten Apps sind diejenigen, die nicht einfach Inhalte aus dem Internet neu verpacken, sondern die ganz gezielt die technischen Fähigkeiten des iPad ausnutzen. Manche Firmen haben es mit diesem Ansatz geschafft, neue Kunden zu akquirieren. Aber das setzt einen Mentalitätswandel voraus.

The European: Man könnte auch sagen, dass das Netz den Konsumenten gestärkt hat. Ich muss nicht mehr ein ganzes Album kaufen, nur weil ich einen Song haben will. Ich habe die Auswahl zwischen verschiedenen Plattformen und Anbietern.
Dahlander: Genau. Ein Beispiel dafür ist Spotify. Die Menschen bezahlen dafür, weil sie sehr viel Kontrolle über die Musik haben. Vor einigen Jahren hat sich jeder Musik umsonst aus dem Netz gezogen. Dann kam iTunes und wir haben die Musik gekauft. Jetzt sehen wir Geschäftsmodelle, bei denen man nicht mehr für die Musik bezahlt, sondern für eine Plattform, die man vom Handy oder vom Computer aus aufrufen kann, um Musik zu hören. Dieser Trend hat dazu geführt, dass sich Firmen anpassen müssen.

The European: Apple wird gleichzeitig sehr dafür kritisiert, dass seine Plattformen abgegrenzte Räume im Netz sind, mit komplizierten und unflexiblen Nutzungsbedingungen.
Dahlander: Ja, es gibt viele Bedenken, dass der App Store nicht flexibel genug ist. Aber das ist gleichzeitig das schöne an der Plattform: Alles ist standardisiert, die Einnahmen werden automatisch geteilt.

The European: Wir sollten also nicht annehmen, dass alle Nutzer Flexibilität und Offenheit suchen, sondern eher geführt werden wollen?
Dahlander: Es wird immer eine digitale Elite geben, die gegen die Trends des Marktes anwirkt. Diese Leute sind oftmals auf der Suche nach neuen und flexibleren Lösungen. Das reicht vielleicht aus, um ein Gegengewicht zu Apple zu etablieren. Aber denken Sie daran, dass es sehr viel Aufwand ist, genug Künstler und Nutzer anzulocken, damit diese offenen Plattformen auch funktionieren können.

The European: Was ist mit Projekten wie dem Google Arts Project oder Google Books? Sollten wir uns weniger um Copyright sorgen und mehr Zeit darauf verwenden, kostenlosen Zugang zu Wissen zu ermöglichen und diesen Zugang zu demokratisieren?
Dahlander: Ich glaube, dass Zugang zu Wissen immer eine gute Sache ist. Vor allem die Menschen in armen Ländern haben plötzlich Zugang zu Magazinen und Büchern, die sonst komplett außerhalb ihrer Reichweite gewesen wären. Es gibt immer noch einen hohen Prozentsatz der Weltbevölkerung, der diesen Zugang nicht hat, aber daran arbeiten wir. Als Wissenschaftler fällt mir auf, dass viele akademische Journale wirklich nicht zu Gunsten der Autoren und Wissenschaftler arbeiten. Viele Leute drängen darauf, dass sie flexibler agieren, aber die Magazine nehmen die Wissenschaft in den Schwitzkasten und fordern, dass man das Copyright an sie abtritt.

The European: Veröffentlichen Sie ihre Arbeiten nur in diesen Magazinen oder auch auf Ihrer Webseite?
Dahlander: Ich veröffentliche vor allem in Magazinen. Die wollen nicht, dass Arbeiten aus der Vergangenheit dann auf der Webseite auftauchen, sondern drängen darauf, dass die entsprechenden Forschungsergebnisse über die eigenen Vertriebskanäle zugänglich sind. Die wissenschaftlichen Journale sollten also ihre Bedingungen ändern und sich öffnen, damit jeder Wissenschaftler die Arbeiten auch ins Netz stellen kann, ohne dabei das Gesetz zu brechen.

The European: Bauen Sie diesen Druck auf?
Dahlander: Wir sollten unsere Arbeiten einfach ins Netz stellen. Es gibt Universitäten, die das aktiv fördern. Manche Unis haben sogenannte “Digital Commons”-Initiativen und veröffentlichen zum Beispiel die letzten Arbeitsversionen von Forschungsgruppen. Das ist eine gute Entwicklung, da sich der Zugang zur Wissenschaft verbessert.

“Wir haben die Schaltstellen im System bisher unterschätzt”

The European: Sie haben argumentiert, dass das Internet dazu führt, dass vertikale Organisationsstrukturen durch laterale Strukturen ersetzt werden. Was heißt das in der Praxis?
Dahlander: Bei der traditionellen Karriereleiter beginnen sie als Angestellter und werden dann zum Abteilungsleiter oder Manager. Aber bei ganz vielen offenen Innovationsprozessen gibt es niemanden, der über dem Rest steht. Stattdessen gilt das Prinzip der lateralen Macht: Manche Menschen haben mehr Kontrolle über das Projekt, aber nicht über die Projektmitarbeiter. Manche arbeiten sehr intensiv, andere eher wenig. Die Herausforderung ist dann, die Kommunikation in diesem Netzwerk zu organisieren. Wenn viele mitarbeiten und niemand die Kontrolle hat, ist es schwierig, Entscheidungen zu treffen. Wir haben festgestellt, dass Menschen mit lateraler Macht vermehrt koordinierende Aufgaben wahrnehmen, um das Kollektiv als Ganzes am laufen zu halten.

The European: Wenn wir über Wikipedia sprechen, denken wir oftmals an ein sehr egalitäres Kollektiv. Aber es gibt Redakteure, die deutlich mehr Einfluss auf die Enzyklopädie haben als der durchschnittliche Nutzer.
Dahlander: Wikipedia ist ein gutes Beispiel für unsere Feststellungen. Es gibt innerhalb von Wikipedia eine relativ kleine Elite, die sehr viel laterale Macht angehäuft hat. Wenn sie Teil dieser Elite sind, können Sie mir zwar nicht befehlen was ich zu tun habe, Sie können aber ihre Entscheidungen von der Qualität meiner Arbeit anhängig machen und zum Beispiel meine Vorschläge zurückweisen. Wir haben diese Schaltstellen im System bisher unterschätzt.

The European: Jaron Lanier hat sich in seinem Essay “Digital Maoism” mit Schwarmintelligenz im Netz beschäftigt. Er schreibt: “Der Schwarm ist meistens dumm und langweilig. Warum sollten wir darauf hören?” Wie ist die Qualität lateraler System, wenn sie das mit traditionellen Organisationsstrukturen vergleichen?
Dahlander: Der Vorteil dieser Netzwerkstrukturen ist, dass Ideen an der Peripherie entstehen können und dann in Richtung der Schaltstellen wandern. Aber dafür ist es notwendig, dass die Menschen mit lateraler Macht auch vom Rest des Netzwerks akzeptiert werden. Wenn Sie einen Manager im Anzug nehmen und ihn an eine dieser Schaltstellen verfrachten, dann würde sein Legitimationsproblem die Vorteile des Netzwerks untergraben. Das ist ein interessanter Nebeneffekt: Im Internet ist ein anderer Typus von Manager gefragt.

The European: Lassen Sie uns einen Schritt zurücktreten und das Große Ganze betrachten. Richard Tuck hat vor einigen Jahren ein Buch geschrieben mit dem Titel “Free Riding”…
Dahlander: Ja, das kenne ich.

The European: Er argumentiert, dass wirtschaftliches Trittbrettfahren ein relativ modernes Phänomen ist, dass im 19. Jahrhundert mit dem Beginn der modernen Marktwirtschaft aufkam. Wirtschaft wurde zum Wettbewerb und war damit oftmals auch egoistisch geprägt. Wir haben jetzt viel über Kollaboration und Kooperation gesprochen. Glauben Sie, dass das Netz auch Auswirkungen auf unser Verständnis von Wirtschaft haben wird?
Dahlander: Das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, dass wir oftmals die Rolle des Wettbewerbs überschätzen, vor allem bei diesen neuen Organisationsformen. Wenn Sie aufs Land fahren, ist die Wirtschaft dort oftmals nicht besonders egoistisch. Die Menschen kennen sich, man fühlt sich verbunden und vertraut sich. Es gibt starke soziale Normen, die Kooperation über den Wettbewerb stellen. Das ist ein Modell, das Sie auch auf das Netz anwenden können. Es gibt komplexe Gemeinschaften, die sehr kollaborativ sind und genau aufpassen, dass niemand sich auf Kosten anderer als Trittbrettfahrer betätigt. Aber dafür brauchen Sie wirklich die Komponente der sozialen Interaktion. Wenn die Menschen voneinander isoliert sind, führt das zu mehr Wettbewerb.

The European: Das Internet macht es notwendig, dass wir unsere sozialen Fähigkeiten neu entwickeln?
Dahlander: Ja, ein bedeutender Faktor ist die Interaktion von Menschen. Der ständige Austausch führt zu neuen Chancen und neuen Ideen, die dann wiederum unsere Vorstellungen beeinflussen können. Der zweite Faktor ist die Barrierefreiheit: Wenn jeder überzeugt ist, dass er oder sie sich mehr beteiligen kann, dann glaube ich daran, dass wir uns besser verhalten als in der Vergangenheit.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Herbert Wiesner: „Wir müssen die Würde des Textes bewahren“

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