Ehe jetzt einer im 20. Stock sitzt und den ganzen Tag nur fernsieht, bin ich schon fast erleichtert, wenn er ein bisschen schwarz arbeitet. Thilo Sarrazin

„Hilfsorganisationen handeln im Eigeninteresse“

Milliarden von Euro fließen jedes Jahr als Spenden in Entwicklungsländer und Katastrophengebiete. Effizient eingesetzt wird nur ein Teil des Geldes. Nina Klotz sprach mit der Autorin und Aktivistin Linda Polman über die Herausforderungen für Hilfsorganisationen und die Notwendigkeit aufgeklärter Spender.

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The European: Dirk Niebel hat vor etwa zwei Wochen Gelder für Entwicklungshilfe insbesondere in Afghanistan eingefroren mit der Begründung, man müsse zunächst die Korruption im Land in den Griff bekommen. Was halten Sie davon? Handelt der Bundesentwicklungsminister richtig?
Polman: Ja, besonders im Fall von Afghanistan. Dort leistet die internationale Hilfe nämlich einen beträchtlichen Beitrag zu den Problemen. Die Amerikaner und die Briten, die dort die größten Geber sind – und wir reden hier von richtig, richtig viel Geld, Milliarden von Dollars –, nutzen die Hilfsgelder als politische und militärische Instrumente: Sie wollen raus aus Afghanistan. Deshalb schmeißen sie ohne Ende Geld ins Land – als ob Geld allein das Land wiederherstellen könnte! Fragen Sie mal Hilfsorganisationen in Afghanistan. Die werden Ihnen bestätigen, dass sie einfach nicht wissen, wohin mit all dem Geld. Die haben keine Chance, das alles auszugeben. Kaum ist ein neues Projekt angelaufen, klingeln schon die nächsten Millionen auf ihrem Konto. Das hilft natürlich alles gar nichts, im Gegenteil, es fördert die Korruption im Land. Das ist eine absolut unverantwortliche Art der Entwicklungshilfe. Vor diesem Hintergrund finde ich es eine kluge Entscheidung von Deutschland, hier nicht weiter Geld reinzupumpen, auch wenn ich nicht weiß, welche politischen Absichten sich hinter diesem Zug verbergen.

The European: So gar nicht selbstlose Hilfe ist gar nicht so selten. Auch bei der amerikanischen Hilfe nach der Erdbebenkatastrophe in Haiti haben einige vermutet, Grund dafür könnte sein, dass die USA sich so vor einer Flüchtlingswelle schützen wollten.
Polman: Das ist mit der Grund, warum die USA sich schon immer sehr um Haiti gekümmert haben, nicht nur nach der Katastrophe. Haiti liegt geografisch sehr nah, es gibt in den USA eine riesengroße haitianische Gemeinde, mehr als 3 Millionen Menschen. Die amerikanische Regierung will natürlich verhindern, dass immer mehr Haitianer ins Land kommen und dass gekenterte und ertrunkene Flüchtlinge an die Strände von Miami gespült werden. Darüber hinaus war die massive Hilfe der Amerikaner vielleicht auch ein kleines Machtspiel mit Hugo Chávez. Politisches Kalkül ist oft Motivation für Katastrophenhilfe. Aber das ist nur ein kleiner Teil des Problems.

„Es ist unnötig, den gleichen Fehler immer wieder zu machen“

The European: Ein großes Problem hingegen, so schreiben Sie in Ihrem Buch „Die Mitleidsindustrie“, gerade bei Einsätzen in Kriegsgebieten, ist, dass die Hilfsorganisationen fast immer mit den Eliten des Landes ins Geschäft geraten. Oft sind das die Kriegstreiber oder die Profiteure, es sind diejenigen, die die Macht haben, die Hilfe zu manipulieren und das Beste für sich selbst herauszuholen, bevor überhaupt etwas beim einfachen Volk ankommt. Aber ist es nicht unumgänglich für Hilfsorganisationen, mit denjenigen in Schlüsselpositionen, also der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Elite, zusammenzuarbeiten, um überhaupt etwas ausrichten zu können?
Polman: Ja, schon, aber es wäre wünschenswert, dass sich das irgendwann nach ihrer Ankunft ändert. Nehmen wir zum Beispiel Haiti oder Somalia oder Sudan oder Äthiopien: Dort überall sind die Hilfsorganisationen nicht plötzlich von heute auf morgen eingereist. Sie sind da schon seit Jahrzehnten. Und ich finde es einfach unnötig, den gleichen Fehler jahrzehntelang zu machen. Inzwischen kennen die Helfer die Strukturen und die lokalen Player, sie wissen, was mit ihrer Hilfe passiert. Deshalb hätten sie auch schon längst etwas ändern müssen. Aber sie tun nichts. Sie lassen sich weiter manipulieren. Wenn man ganz neu in eine Zone kommt, ok. Dann braucht man ein bisschen Zeit, um zu wissen, wer hier wer ist. Aber selbst dann würde man doch von einer Hilfsorganisation erwarten, dass sie weiß, wie es läuft. Wie es immer läuft.

The European: Wie sollten die Organisationen denn Ihrer Meinung nach vorgehen?
Polman: Vor allem sollten sie miteinander kommunizieren. In Krisengebieten arbeiten oft Hunderte unterschiedlicher Hilfsorganisationen einzeln vor sich hin. Die alle machen ihre eigenen kleinen Deals mit den Politikern und Diktatoren vor Ort. Stattdessen sollten sie gemeinsam ein machtvolles Team bilden, das sich gegen das korrupte Regime stemmt und ihm klarmacht, dass es Hilfe nur nach ihren Spielregeln geben wird.

The European: Das machen sie aber nicht, weil auch Hilfsorganisationen Unternehmen sind und marktwirtschaftlich handeln.
Polman: Genau. Sie machen das nicht, weil sie immer auch in ihren eigenen Interessen handeln. Es ist im Interesse von Oxfam, dass sie die Spendengelder zu verteilen bekommen und nicht USAid, zum Beispiel. Es ist in ihrem eigenen Interesse, allein zu agieren. Es wäre aber im Interesse der Bedürftigen vor Ort, wenn sie zusammenarbeiten würden. Und eigentlich, finde ich, sollten deren Interessen doch die erste Priorität sein.

The European: Aber selbst wenn die Organisationen sich zusammenschlössen und gemeinsam in Krisengebiete gingen, stünden sie immer noch vor einer schwierigen ethischen Frage: Was tun mit denen, die vom Krieg profitiert haben? Was tun mit den Eliten, die möglicherweise auch Hilfe brauchen? Darf man den Tätern helfen?
Polman: Das ist ein fürchterliches Dilemma. Und an diesem Punkt bin ich sehr froh, nicht selbst in einer Hilfsorganisation zu arbeiten und solcherlei Entscheidungen treffen zu müssen. Aber dieses Dilemma bringt nun mal der Beruf mit sich. Vielleicht wäre es auch hier sinnvoll, wenn die Organisationen sich zusammenschließen und gemeinsam sagen würden, wo sie welche Grenze ziehen. Das müsste man in jedem Konflikt, in jedem Land und vielleicht sogar in jedem Dorf aufs Neue diskutieren. Aber dieses Dilemma wird es immer geben. Gegen den Missbrauch durch korrupte Regime könnte man mit einem festen Zusammenschluss der Organisationen etwas ausrichten.

„Wir sollten gutes Verhalten belohnen und schlechtes bestrafen“

The European: Ist da Ihrer Meinung nach nun die Politik gefragt, die Hilfsorganisationen enger zusammenzubringen?
Polman: Ich kenne die eine Lösung nicht. Wir haben immerhin mal die Vereinten Nationen mit dem Ziel gegründet, das Wohlergehen der Menschen der Welt zu koordinieren. Trotzdem stehen wir vor diesen Problemen in der Entwicklungshilfe. Von sich aus wird sich die Hilfsindustrie jedenfalls nicht ändern. Dafür müssten sie sowohl ihr Geld als auch ihre Aufträge teilen. Das wollen sie nicht. Die Einzigen, die etwas erreichen können, sind wir. Wir, die öffentliche Meinung. Hilfsorganisationen geben sehr viel auf die öffentliche Meinung. Und wir brauchen mehr Journalisten, die einsehen, dass Entwicklungs- und Katastrophenhilfe sehr viel mehr ist, als eine Story über ein gerettetes Waisenkind. Hier geht es um eine Multimilliarden-Industrie. Und so wie überall, wo es um Milliarden geht, gibt es hier unterschiedliche Interessen, Politik, Machenschaften, die es aufzudecken gilt. Es ist die Pflicht der Journalisten, das ganze Bild zu zeigen. Schließlich geht es um unser aller Geld – entweder in Form von Steuern oder von Spenden. Insofern ist auch der Spender selbst gefragt, jeder von uns also.

The European: Das heißt?
Polman: Wir sollten gutes Verhalten belohnen und schlechtes bestrafen. Wenn sich Organisationen sich zusammenschließen, ethische Grenzen abstecken und eine gemeinsame Strategie zu ihrem Vorgehen entwickeln, dann sollten wir sie belohnen, indem wir genau ihnen unser Geld anvertrauen. Das klingt natürlich viel leichter, als es vermutlich ist. Aber in diese Richtung sollte es gehen.

The European: Für Journalisten ist es aber nicht immer leicht, die Einsätze von Hilfsorganisationen in Krisengebieten zu kritisieren – schließlich sind diese Organisationen oft der einzige Weg, überhaupt in diese Gebiete zu gelangen und berichten zu können.
Polman: Das stimmt nicht. Ich habe so viele Freunde, freiberufliche Fotografen und Reporter, die sind in die gefährlichsten Regionen der Welt gereist, ohne dabei auch nur einmal mit den dort arbeitenden Hilfsorganisationen gesprochen zu haben. Was Sie eben sagten, ist eine häufig verwandte Entschuldigung von Journalisten, warum sie nicht auf die Missstände hingewiesen haben. Die sagen dann: „Ich musste mit Ärzte ohne Grenzen nach Dafur reisen, anders wäre ich überhaupt nicht reingekommen.“ Aber das ist einfach nicht wahr. Wissen Sie, Journalisten sind, so wie Sie vielleicht und ich auch manchmal, ein bisschen faul. Die Reise mit der Hilfsorganisation ist der leichte Weg. Auf eigene Faust in sehr gefährliche Regionen zu fahren, wo es so gut wie keine Hotels oder Transportmittel gibt, ist um Längen anstrengender. Manchmal haben wir auch ein bisschen Angst davor, in fremde Länder zu reisen, wo Unruhen herrschen. Natürlich ist es sicherer, im Tross einer NGO dorthin zu reisen. Es ist auch sehr bequem, in deren weißen Jeeps durchs Land kutschiert zu werden. Und letztlich – heute ein ziemlich entscheidendes Argument – ist es billiger, mit den NGOs zu reisen als in Eigenregie. Die übernehmen meist Flug- und Transportkosten für die Journalisten. Und das begrüßen viele Redaktionen sehr.

„Mit Geld kann man Probleme nicht immer lösen“

The European: Was sollen wir denn tun, wenn wir in den nächsten Tagen wieder Post von der Caritas bekommen, die uns auffordert, für Pakistan zu spenden?
Polman: Als Bürger eines demokratischen Landes ist es Ihre Pflicht, ein bisschen zu recherchieren. Finden Sie erst einmal heraus, wofür die Caritas dieses Geld überhaupt braucht. Googlen Sie! Fragen Sie, ob gerade die Caritas Geld für Pakistan braucht. Welche Projekte haben die da? Macht das überhaupt Sinn für Pakistan zu spenden? Ich geben Ihnen an dieser Stelle mal ein anderes Beispiel: Japan. Die japanische Regierung hat ausdrücklich gesagt: Wir wollen keine Hilfe, wir wollen keine Spenden für die Opfer der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe. Und trotzdem haben etliche Hilfsorganisationen Spendengelder für Japan gesammelt. Wissen Sie, warum? Weil Hilfsorganisationen an dem, was sie an Spenden eintreiben, prozentual mitverdienen.

The European: Wäre es demnach nicht besser, gar nicht an große Hilfsorganisationen zu spenden?
Polman: Wenn man das möchte, kann man das tun. Aber mir wäre wichtig, dass die Leute Folgendes verstehen: Geraten Sie bei Naturkatastrophen in fernen Ländern nicht in Panik. Nehmen Sie sich Zeit, recherchieren Sie die Arbeit der Hilfsorganisationen, die dort im Einsatz sind. Für den Anfang der Arbeit ist immer ausreichend Geld da. Und: Mit Geld kann man die Probleme dort sowieso nicht immer lösen. Im Gegenteil: Oft ist das Problem sogar, dass es zu viel Geld gibt. Und noch ein Letztes: Wenn Sie wirklich helfen wollen, dann suchen Sie sich ganz in Ruhe eine Organisation oder ein Projekt aus, das sie überzeugt. Bleiben Sie dabei. Unterstützen sie diese Organisation dauerhaft, beobachten sie, wie sie sich entwickelt. Das bringt viel mehr, als mal für diese Erdbeben- und mal für jene Bürgerkriegsopfer zu spenden.

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