Generalisierungen sind weder hilfreich, noch angebracht. Ali Kizilkaya

Grotesker Diktatursprech

„Systempresse“, „EUdssR“ oder „Scheindemokratie“: Glaubt wirklich jemand, dass Angela Merkel den Mainstream-Medien die Agenda vorgibt? Eine Empörung.

Ein neuer politischer Jargon breitet sich aus im Lande, verführt Menschen, prägt ihr Denken. Gemeint ist das Vokabular der selbsternannten „PC-Opfer“, wie Jan Fleischhauer sie gerade treffend nannte. Also der Streiter wider die „politische Korrektheit“, die für sie zum Feindbild und Kampfbegriff geworden ist. Von der sie sich und das Land bedroht sehen, und zwar so sehr, dass sie als stramme Widerständler „so tun, als seien sie das Opfer einer Diktatur“, wie Alan Posener das Phänomen auf den Punkt brachte. Von „gleichgeschalteten Medien“, „Gesinnungsterror“ und „Blockparteien“ ist etwa die Rede.

„Qualitätsumgehungsmedien“ wie das „Neue Süddeutschland“

Nun kann man gewiss Aspekte der „politischen Korrektheit“ wie etwa das „Gendermainstreaming“ kritisch sehen oder ablehnen. Völlig legitim. Nur ist die Begriffswahl, mit der das zunehmend geschieht, in einer Weise überzogen, wie man es nicht für möglich gehalten hätte. Wie die Merkmale eines totalitären Regimes klingen die Worte, derer man sich gerne im nationalkonservativen und libertären Milieu für die Kritik an der „politischen Korrektheit“ bedient. Wer sie isoliert betrachtet, käme gewiss nicht auf die Idee, dass damit die deutsche Gesellschaft und ihre Medienlandschaft im Jahre 2014 gemeint sein könnten. Sondern würde eher vermuten, dass hier die Realität in Nordkorea, der früheren DDR und UdSSR beschrieben wird. Aber es geht nicht um die Sowjetunion und auch nicht um den SED-Staat.

Diese Widerstandskämpfer meinen unser Land. Sind Sie als Leser erstaunt, verblüfft? Dann geht es Ihnen wie mir. Anfangs fand ich es grotesk, inzwischen finde ich es erschreckend.

Reichhaltige Quellen für solche Wortprägungen sind etwa Leserbriefe unter vielen Artikeln, die sich kritisch mit der Partei „Alternative für Deutschland“ beschäftigen, aber auch Artikel und User-Kommentare im libertären oder national-konservativen Milieu. Man stößt dort – wenngleich natürlich nicht in jeweils all diesen Quellen jeder Begriff vorkommt – neben den eingangs erwähnten Worten etwa auf Ausdrücke wie „Qualitätsumgehungsmedien“, „Politikerdarsteller“, „unkritischer Systembürger", „Neues Süddeutschland“ (gemeint ist die Süddeutsche Zeitung), „Meinungsbolschewiki“, „toleranzbesoffene Politiker“, „Scheindemokratie“ und so weiter.

Eine Hermeneutik der Verdächtigung

Man mag diese überziehenden Polemiken erst einmal als skurriles Gedankengut abtun. Bis man näher hinsieht und bemerkt, wie es sich immer stärker verbreitet und eine Hermeneutik der Verdächtigung betreibt. So wurde der „Schweizerische Volkspartei“ (SVP)-kritische Sebastian Pfeffer in User-Leserbriefen auf der Internet-Seite „PI-News“ attackiert, nur weil er, wie er später selbst einräumte, einen journalistischen Fehler machte. Er hatte sich verhört und deshalb Christoph Mörgeli falsch zitiert. Man unterstellte ihm jedoch Absicht und sprach etwa davon, „mit welch perfider Demagogie die deutsche Mainstream-Presse die Menschen zu beeinflussen versucht“.

Womit wir bei einem der wichtigsten Themen in diesem Zusammenhang sind. Die „Mainstream-Medien“ sind sozusagen das Feindbild Nummer 1 des „PC-Widerstands“. Oftmals werden sie auch noch drastischer als „Systempresse“ bezeichnet. Und ihre Vertreter als „Systemjournalisten“. Zwar sind die meisten Journalisten tatsächlich eher links ausgerichtet und das kann man aus konservativer Sicht durchaus kritisieren. Aber sind sie deshalb einem autoritären „System“ zuzuordnen oder Teil von angeblich „gleichgeschalteten Medien“? Gewiss nicht. Man fragt sich, wie diese Verähnlicher von Demokratie und Diktatur sich deutsche Redaktionen vorstellen. Was heißt „Gleichschaltung“? Dass die Bundeskanzlerin in einer mindestens wöchentlichen Telefonkonferenz den Chefredakteuren z.B. der FAZ, SZ, WELT, taz und des Tagesspiegels vorgibt, was sie zu schreiben haben?

Lieblingsfeind EU

Ein durchaus amüsantes Detail am Rande wohnt der ständigen Verwendung des Begriffs der „Mainstream-Medien“ übrigens auch inne: Denn oftmals haben die Leute, die jetzt über diese wettern, sonst durchaus einen dezidierten Vorbehalt gegenüber Anglizismen. Aber das schert sie in diesem Falle nicht, weil die „Mainstream-Medien“ ein so schöner plakativer Kampfbegriff sind.
Ein weiteres Lieblingsfeindbild in diesen Kreisen ist die EU. Sicher gibt es viel an ihr und der Euro-Politik zu kritisieren, unbestritten. Aber auch hier ist der Jargon bedenklich: „EUdSSR", „Pestkröten-Bürokratie in Brüssel", oder, wie Marc Jongen sie in seinem in Opfersprache abgefasstem, auf cicero.de veröffentlichtem „AfD-Manifest“ nannte: „Die Europäische Union – Zentralmonster der strukturellen Korruption im politischen System Europas“.

All diese Verbalexzesse betreiben eine absurde Gleichstellung Deutschlands und auch Europas anno 2014 mit diktatorischen Regimen.

Man könnte statt „absurd“ auch „lächerlich“ sagen, wenn dieser Jargon nicht eine ungeheure Anmaßung und Unverschämtheit gegenüber den Opfern echter Diktaturen wäre. Das Ansehen des Films „Das Leben der Anderen“ und die Lektüre der Bücher Solschenizyns sei diesen Leuten dringend empfohlen.

Sprache prägt Denken

Aber auch das würde wohl nichts nutzen. Zu sehr gefällt man sich in seinen Feindbildern. Es ist einfach zu schön und zu bequem, PC-Opfer zu sein. Allerdings sollte man die Auswirkungen des beschriebenen Vokabulars nicht unterschätzen. Versuchen Sie mal, Leuten, die diese Begriffe verwenden, zu erklären, wie grotesk ihr Diktatursprech ist. Dann werden Sie erleben, dass Sie rational nicht mehr durchdringen. Die Sprache prägt nun einmal das Denken, und wer sich in Kreisen bewegt, in denen dieser Jargon verwendet wird, glaubt offenbar irgendwann wirklich, dass in Deutschland eine Art totalitäres Regime herrscht. Das eigentlich Erschreckende an dieser Entwicklung ist, dass sie immer mehr in konservativen Kreisen um sich greift. Und das ist tatsächlich sehr bedenklich.

Seltsam übrigens auch, wenn man, wie viele Anhänger und Sympathisanten der AfD, permanent von „Altparteien“ redet, zugleich aber nationalkonservatives Gedankengut vor sich herträgt. Als „Neupartei“ sozusagen. Ach ja, „Neusprech“ im Orwell’schen Sinne wittern die PC-Gegner auch ständig. Ziemlich verwirrend, das Ganze. „Alt“ und „neu“ sind in der Diktion dieser Kreise fallweise beide böse. Wie es jeweils gefällt. Das könnte man hinnehmen. Die Pflege von Feindbildern, die sprachliche Diskreditierung unserer Demokratie als de facto-Diktatur aber keineswegs.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Junge Grüne , Philip Stein.

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