Man hat versucht, mich bürgerlich zu vernichten. Thilo Sarrazin

„Berliner laufen fast alle im gleichen Look herum“

Sie studierte BWL und arbeitete beim Fernsehen; heute führt sie eines der erfolgreichsten Berliner Modelabel. Alexandra Schade sprach mit der Gründerin von Lala Berlin, Leyla Piedayesh, über deren ungewöhnlichen Weg in die Mode, den Modegeschmack der Berliner und die bevorstehende Fashion Week.

The European: Berlin wird dieses Jahr 775 Jahre alt. Was wünschen Sie denn der Stadt zum Geburtstag?
Piedayesh: Ich wünsche dieser Stadt noch mehr Energie, noch mehr Individualität und viel mehr Haltung.

The European: Was kann die Stadt Ihrer Meinung nach besonders gut?
Piedayesh: Tolerant sein. Diese Metropole mit dieser Historie ist meiner Meinung nach sehr zurückgelehnt, entspannt und lässt zu. Wenn ich an Berlin denke, denke ich an frei sein.

The European: Und was überhaupt nicht?
Piedayesh: Charmant sein. Diese direkte, ehrliche Art bedarf eines gewissen Gewöhnungsprozesses.

„Ich kam zur Mode wie die Jungfrau zum Kind“

The European: Ihr Weg zur Mode ist ziemlich ungewöhnlich. Wie sind Sie ins Geschäft gekommen?
Piedayesh: Wie die Jungfrau zum Kind. Etwas unerfahren, aber mit einer Vision, stand ich auf einmal vor der Geburt einer eigenen Modekollektion. Es ist wirklich mehr oder weniger Schicksalsfügung gewesen. Lala Berlin war das Kind, das mir in den Schoß gelegt wurde und um das ich mich jetzt kümmere. Langsam ist es größer als ich selbst.

The European: Wie schwer war es, von anderen Modemachern akzeptiert zu werden?
Piedayesh: Darüber mache ich mir keine Gedanken. Mein Fokus liegt wo ganz anders. Ich konzentriere mich auf den Ausbau meiner Marke Lala Berlin. Wir sind nur in wenigen Jahren vom Mikrokosmos zum Makrokosmos geworden. Ich bin nicht nur Designerin, vielmehr auch Unternehmerin und habe eine gewisse Verantwortung meinen Mitarbeitern gegenüber.

The European: Die erste Kollektion war eine aus Strick, das ja lange ein altmodisches Image hatte. War das nicht ein Risiko?
Piedayesh: Auch hier war es nicht so, dass ich mir gedacht habe, Strick würde der nächste Trend. Ich hatte einfach schon immer eine Liebe für Strick, vor allem für Kaschmir. Die ersten Sachen habe ich selbst gestrickt und so hat sich das dann alles um diesen Strickbereich herum entwickelt.

The European: Kreativen sagt man oft nach, dass sie mit Geld nicht so gut umgehen könnten. Hilft Ihnen Ihr kaufmännischer Hintergrund?
Piedayesh: Ja, natürlich hilft das. Ich bezweifele aber, dass ich dadurch Risiken besser erkennen kann. Das hat eher etwas mit dem gesunden Menschenverstand zu tun gepaart mit Intuition.

The European: Ist Mode für Sie eher Kunst oder Handwerk?
Piedayesh: Ich glaube, die Schneiderei ist das Handwerk. Was aber ist überhaupt Kunst? Ich glaube, dass kommerzielle, tragbare Mode nicht zur Kunst gehört, weil der Ansatz ein anderer ist. Wenn es in die konzeptionelle Modegestaltung geht und darum, dem Produkt die Nützlichkeit wegzunehmen, dann geht es vielleicht in Richtung Kunst.

„Aus dem Zeitalter der Zielgruppendefinition sind wir schon lange heraus“

The European: Die Modebranche gilt als oberflächlich, Models werden häufig nicht für besonders intelligent gehalten. Was entgegnen Sie solchen Vorwürfen?
Piedayesh: Wie bei den meisten Klischees, ist auch hier sicherlich ein wenig Wahrheit dabei, aber man kann sich das nicht so leicht machen und pauschalisieren. Ich habe intelligente, witzige, dumme, traurige, lebhafte Models kennengelernt und viele sehr kluge, tiefsinnige Menschen in dieser Branche.

The European: Für wen machen Sie Mode?
Piedayesh: Für alle Frauen, die meinen Stil mögen, die Philosophie und sich einfach in meiner Mode wohlfühlen. Ich glaube, dass wir aus dem Zeitalter der Zielgruppendefinition schon lange heraus sind, weil die moderne Frau so nicht denkt.

The European: Ist dieses Nichtschubladen-Denken ein Grund für Ihren Erfolg?
Piedayesh: Es ist wichtig eine Identität zu bewahren und nach außen zu tragen. Das ist bei Lala Berlin sehr stark ausgebildet. Man erkennt es durch die Prints oder auch durch eine starke Farbe. Nicht nur die Geschichte oder die Persönlichkeit ist wichtig, sondern dass das ganze Produkt eine Identität hat und bewahrt. Eine Haltung und einen Inhalt.

The European: Nun ist Lala Berlin nicht ganz günstig.
Piedayesh: Ich würde es sehr gerne ändern, denn die jungen Mädchen, die ich auch erreichen möchte, können sich die Sachen nur schwer leisten. Aber Qualität hat nun mal ihren Preis.

The European: Das könnten Sie ja ändern …
Piedayesh: Ein Großteil der Kollektion ist 100 Prozent Seide, Kaschmir. Wir achten sehr auf das Thema Nachhaltigkeit und wo wir unsere Kollektion produzieren und unter welchen Bedingungen. Ich möchte es nicht ändern.

The European: Welches Kleidungsstück sollte jede Frau besitzen?
Piedayesh: Das ist ein bisschen schwierig, da es „jede Frau“ nicht gibt. Man sollte eine gute Jeans im Schrank haben, eine weiße Bluse aus Seide oder schönem Popeline. Dazu ein gut sitzendes Jackett, toller Gürtel und natürlich ein Lala-Berlin-Tuch.

The European: Würde die Mode von Lala Berlin anders aussehen, wenn Sie nicht in Berlin wären?
Piedayesh: Das weiß ich nicht. Ich hätte mich vielleicht anders entwickelt, wenn ich in Paris gewesen wäre. Am Ende ist Lala Berlin ein Spiegelbild dessen, was ich als Frau gut finde und worin ich mich wohl fühle.

The European: Wie finden Sie den Modegeschmack der Berliner? Den Deutschen sagt man ja nach, nicht besonders gut angezogen zu sein.
Piedayesh: Die Berliner sind grundsätzlich schon etwas modischer. Experimenteller. Ich würde mir noch mehr Individualität wünschen. Die laufen ja fast alle im gleichen Look rum – uniformiert und gesteuert von großen Monolabel-Stores. Die Sehnsucht, die wir damals hatten – eine gute Hose von Ann Demeulemeester oder einen Anzug von Comme des Garçons uns leisten zu können –, die ist gar nicht mehr da. Wir haben gespart. Das Bewusstsein für Qualität, für dieses Lebensgefühl – das ist verloren gegangen.

„International hat die Fashion Week keine große Bedeutung“

The European: Anfang Juli findet die nächste Fashion Week statt und Lala Berlin ist diesmal nicht dabei. Warum?
Piedayesh: Zum einen ist die Fashion Week schon wieder zwei Wochen früher angesetzt. Das bringt ein Zeitproblem wegen der Produktion und überhaupt wegen der Fertigstellung der Kollektion mit sich. Zum anderen wird die Kollektion größer und man muss sehen, wo die Prioritäten liegen. Meine liegen darin, dass die Kollektion professionell und ordentlich fertig wird und gut aussieht. Ich habe am Ende nichts davon, mit einer halbgaren Geschichte auf die Bühne zu gehen.

The European: Von welcher internationalen Bedeutung ist die Fashion Week inzwischen?
Piedayesh: International hat sie keine große Bedeutung. Es reicht auch, wenn es Berlin gelingt, etwas für den deutschsprachigen Raum zu schaffen. Der deutsche Markt ist einer der größten in Europa.

Zum 775. Geburtstag von Berlin befragen wir prominente Köpfe der Stadt.

Teil 1 der Berlin-Interviews: Wladimir Kaminer: „Nein ist das Lieblingswort der Berliner“

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Anne Maria Jagdfeld: „Inspiration findet man überall“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Berlin, Design, Mode

Debatte

Der Bundestag als modisch unberührtes Terrain

Medium_c52e2ad27c

Chanel steht ihr gut

Politiker ziehen sich zu schlecht an. Gysi, von der Leyen, Hofreiter und Co. in der Stilkritik. weiterlesen

Medium_a2da25d87f
von Meltem Toprak
06.11.2014

Debatte

Visuelle Formeln in der Politik

Medium_a5ff9bfd02

Jacke wie Hose

Eine modischere Politik zu fordern ist unsinnig. Es ist doch egal, wie sich Politiker anziehen. weiterlesen

Medium_146745f538
von Viola Hofmann
05.11.2014
meistgelesen / meistkommentiert