Sag mir nicht, Wandel sei unmöglich. Barack Obama

Patriotischer Tsunami

Der Realitätsverlust in der staatlich gelenkten Medienlandschaft Russlands nimmt unfassbare Ausmaße an. Eine nationalistische Welle überspült das Land.

Die „national-patriotische“ Euphorie, die in Russland seit der Annexion der Krim herrscht, gibt vielen Beobachtern Rätsel auf. Die in Moskau erscheinende regierungskritische Zeitung „Novaja gaseta“ spricht in diesem Zusammenhang sogar von einem „patriotischen Tsunami“. Russland scheint erneut ganz andere Wege zu gehen als der westliche Teil des Kontinents.

Die verheerenden Erfahrungen der beiden Weltkriege und des nationalsozialistischen Zivilisationsbruchs führten im Westen zu einer grundlegenden Veränderung der politischen Kultur. Man hat hier eingesehen, dass die Vergötterung des nationalen Egoismus, wie sie für frühere Epochen typisch gewesen war, in den Abgrund führt. Diese Erkenntnis lag den europäischen Integrationsprozessen zugrunde.

All die Erfahrungen, die den Europäern im Verlaufe des „kurzen 20. Jahrhunderts der Extreme“, zuteil geworden waren, scheinen in Russland jedoch keinen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben. Diesen Sachverhalt führen viele Autoren darauf zurück, dass in Russland so gut wie keine Aufarbeitung seiner totalitären Vergangenheit stattgefunden habe. Wie sonst lässt sich die Tatsache erklären, dass Josef Stalin – einer der blutigsten Tyrannen der neuesten Geschichte – von etwa der Hälfte der befragten Russen als ein „bedeutender Staatsmann“ angesehen wird.

Wenn man bedenkt, dass die Verbrechen Stalins sich in erster Linie gegen sein eigenes Volk richteten, dem er mitten im Frieden den Krieg erklärte, mutet diese Verklärung des Kreml-Despoten durch viele Nachfahren seiner Opfer besonders bizarr an.

Eine Art Nekrophilie

Dessen ungeachtet ist die These von der so gut wie nicht stattgefundenen Vergangenheitsbewältigung in Russland alles andere als genau. Wäre sie zutreffend, so wären weder die Erosion des sowjetischen Systems noch die Auflösung des „äußeren Sowjetimperiums“, also des Ostblocks, möglich gewesen. Denn das, woran die kommunistischen Regime letztendlich scheiterten, war nicht nur ihre wirtschaftliche und politische Insuffizienz, sondern in einem vielleicht noch größeren Ausmaß die „Wahrheit über sich selbst“.

Unantastbare Autoritäten und Tabus dürfe es nicht mehr geben, verkündete Michail Gorbatschow kurz nach dem Beginn der Perestroika und versetzte dadurch das Land in eine Art Wahrheitsrausch. Die Apologeten Stalins standen damals mit dem Rücken zur Wand. Und es war gerade die immer härter werdende Auseinandersetzung mit den stalinistischen Verbrechen, die der Perestroika eine beispiellose Dynamik verliehen hatte.

Mit Panik reagierten damals die Reformgegner auf diese Vorgänge. Die sowjetischen Medien gäben nur einer Partei, nämlich den angriffslustigen Zerstörern, die Möglichkeit sich zu äußern, beklagte sich im März 1988 der dogmatisch gesinnte Schriftsteller Jurij Bondarew. Und für den Schriftsteller Proskurin stellte das Wühlen in der Vergangenheit einen unappetitlichen Vorgang, eine Art Nekrophilie, dar.

All diese Versuche, einen Schlussstrich unter die damals erst begonnene Vergangenheitsdebatte zu ziehen, nutzten indes nichts. Presseorgane, die sich mit den stalinistischen Verbrechen besonders intensiv befassten, erreichten zum damaligen Zeitpunkt atemberaubende Auflagen.

Aber die Verfechter einer schonungslosen Abrechnung mit der kommunistischen Vergangenheit begannen allmählich nicht nur am Stalinschen Erbe, sondern auch am Lenin-Denkmal, also an den Grundlagen des Regimes, zu rütteln. Manche russische Reformer hoben nun hervor, dass die Ursprünge des stalinistischen Kommandosystems im Leninismus zu suchen seien. In einer Rede des Historikers Jurij Afanasjew, die die Regierungszeitung „Iswestija“ im März 1990 abgedruckt hat, konnte man Folgendes lesen: „Unsere gesamte Geschichte besteht aus Gewalt und Gewaltanwendung. Wenn unserer Führer und Gründer (also Lenin) tatsächlich Grundlagen gelegt hat, dann (war dies) die Einführung der staatlichen Politik der massiven Gewalt und des massiven Terrors als Prinzip“.

„Demokratie ohne Demokraten“

Auf derart scharfe Angriffe auf die Grundfesten des sowjetischen Systems reagierten seine Verteidiger mit Panik und Empörung zugleich. Dennoch vermochten sie die weitere Demontage des 1917 errichteten Regimes nicht aufzuhalten.

Man sollte in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass das sowjetische System im Verlaufe seiner Geschichte unzählige beinahe ausweglose Krisen überstanden hatte – den Bürgerkrieg, drei verheerende Hungerkatastrophen, die Zwangskollektivierung und das militärische Debakel in der Anfangsphase des deutsch-sowjetischen Krieges. Das, was dieses Regime aber nicht zu verkraften vermochte, war die Wahrheit über sich selbst. Daran ist es letztendlich auch zerbrochen.

Nach dem kläglichen Scheitern des kommunistischen Putschversuches vom August 1991 und nach dem Verbot der KPdSU im November 1991 schien Russland mit seiner totalitären Vergangenheit gänzlich gebrochen zu haben. Dieser Eindruck täuschte jedoch. Sehr schnell verloren die siegreichen Demokraten ihr Vertrauenskapital und befanden sich nun unter einem vergleichbaren Rechtfertigungsdruck wie kurz zuvor die von ihnen bezwungenen sowjetischen Dogmatiker.

Ähnlich wie seinerzeit die Weimarer Republik begann sich Russland in eine „Demokratie ohne Demokraten“ zu verwandeln. Die demokratischen Werte erlebten jetzt eine ähnliche Erosion wie früher die kommunistischen, schrieb 1992 der Publizist Leonid Radsichowski. Der Begriff „Demokratie“ werde allmählich zum Schimpfwort.

Sehnsucht nach Kontinuität

Solch eine rasante Diskreditierung der demokratischen Ideen, die kurz nach der Entmachtung der KPdSU zu beobachten war, hatte mehrere Ursachen. Dazu zählte die im Januar 1992 begonnene wirtschaftliche Schocktherapie, die nach Ansicht einiger Wirtschaftsexperten in ihrer ersten Phase zur Halbierung des Lebensstandards der Bevölkerung führte. Darüber hinaus muss man an dieser Stelle auch die Auflösung der Sowjetunion erwähnen, die von vielen Verfechtern des imperialen Gedankens in Russland als eine Art Apokalypse erlebt wurde. Die Fragen der Vergangenheitsbewältigung spielten von nun an für die Bevölkerungsmehrheit eine immer geringere Rolle.

Abgesehen davon fand in Russland ein Paradigmenwechsel statt, der recht typisch für Gesellschaften ist, die kurz zuvor eine tiefe Umwälzung erlebt haben. Zu diesem „postrevolutionären Syndrom“ hatte bereits vor vielen Jahren der britische Sowjetologe Edward Hallett Carr folgende Bemerkung gemacht: Jedem revolutionären Bruch mit der Vergangenheit folge nach einer gewissen Zeit die Sehnsucht nach der Wiederherstellung der geschichtlichen Kontinuität. Diese Beobachtung Carrs scheint auch für das postsowjetische Russland zutreffend zu sein. Wie lässt sich sonst die eingangs erwähnte „positive oder eher positive Bewertung der Rolle Stalins in der sowjetischen Geschichte“ durch mehr als 50 Prozent der Befragten erklären?

Leichfertiger Umgang mit „Faschismus“

Und wie verhält es sich mit der Einstellung der heutigen russischen Machtelite um Wladimir Putin zu Stalin? Putins Äußerungen hierzu sind recht ambivalent. So sagte er z. B. in einer Sendung des russischen Fernsehens vom Dezember 2009 folgendes: Alles Positive, das unter Stalin geschehen sei (damit meint Putin in erster Linie den Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg), sei zu einem unannehmbaren Preis erzielt worden. Millionen von Menschen seien vernichtet worden. Mit solchen Methoden dürfe man den Staat nicht führen. Auf der anderen Seite wendet sich Putin immer wieder gegen eine allzu negative Darstellung der russischen Geschichte. „Schulbücher müssen Stolz erwecken“, erklärte er vor einigen Jahren.

Diese „So-wohl-als-auch-Position“ lässt eine konsequente Vergangenheitsbewältigung nicht zu und trägt unterschwellig zur Rehabilitierung Stalins und Stalinscher Denkmodelle bei. Die Anknüpfung an diese Denkmodelle ließ sich besonders deutlich nach dem Ausbruch der Ukraine-Krise beobachten. Dies kann man nicht zuletzt am folgenden Beispiel verdeutlichen: Zum Wesen des Stalinismus gehörte die Errichtung einer fiktiven Welt, in der die wahren Sachverhalte buchstäblich auf den Kopf gestellt wurden. Beispielhaft hierfür war die Stalinsche Faschismusdefinition. So wurden zu Beginn der 1930er Jahre, als die NSDAP von Erfolg zu Erfolg eilte, beinahe alle nichtkommunistischen Gruppierungen Deutschlands, nicht zuletzt auch die SPD, als „faschistisch“ bezeichnet.

Alles, was nicht KPD gewesen sei, sei zum „Faschismus“ geworden, schrieb damals der kommunistische Dissident Heinz Schürer. Nie sei mit einem Ausdruck so leichtfertig umgegangen worden wie mit dem Begriff „Faschismus“.

Inseln der Sachlichkeit

Ähnliches lässt sich auch heute über die staatlich gelenkten russischen Medien sagen. Ungeachtet der Tatsache, dass bei den letzten ukrainischen Präsidentschaftswahlen die Kandidaten der rechtsradikalen „Swoboda“-Partei und des „Rechten Sektors“ zusammen weniger als zwei Prozent der Stimmen erhielten, wird die Kiewer Regierung als solche von den Moskauer Propagandisten als „faschistisch“ diffamiert. Die regierungsnahe Zeitung „Argumenty i fakty“ hat anlässlich des 73. Jahrestages des Hitlerschen Überfalls auf die Sowjetunion sogar Parallelen zwischen dem 1941 begonnenen Krieg und den heutigen Ereignissen in der Ukraine gezogen.

Dieser unfassbare Vergleich zeigt, welche Ausmaße der Realitätsverlust in der staatlich gelenkten Medienlandschaft Russlands bereits erreicht. Es besteht allerdings ein grundlegender Unterschied zwischen dem Stalinschen und dem gegenwärtigen Fiktionalismus. Immer wieder melden sich im heutigen Russland Stimmen zu Wort, die vom „patriotischen Tsunami“ nicht erfasst wurden und die versuchen, das Land auf den Boden der Realität zurückzubringen. Zu ihnen gehören die bereits erwähnte „Novaja gaseta“ oder der Petersburger Fernsehkanal „Doschd“. In der Stalin-Zeit wäre die Existenz solcher Inseln der Sachlichkeit undenkbar gewesen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Leonid Luks: Der Abschied vom Westen?

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