Der Mythos vom Endkampf

von Leonid Luks2.05.2014Außenpolitik

Alexander Dugins hasserfüllte Ideologie gilt als Blaupause für Putins Vorgehen in der Ukraine. Doch wie groß ist sein Einfluss wirklich?

Die heutige Ukraine-Krise scheint sich nach einem Szenario zu entwickeln, das Alexander Dugin (geb. 1962) – einer der aggressivsten Verfechter der neoimperialen Revanche im postsowjetischen Russland – bereits im Jahre 1997 entworfen hat.

In seiner damals veröffentlichten Monografie „Die Grundlagen der Geopolitik“, die man als „Lehrbuch des Hasses“ bezeichnen kann, schreibt er:

bq. „Das weitere Bestehen der Ukraine in ihren jetzigen Grenzen, mit ihrem Status als ,souveräner Staat‘ stellt einen ungeheuren Schlag für die geopolitische Sicherheit Russlands dar … Die Existenz einer einheitlichen Ukraine ist nicht hinnehmbar.“

In seinen heutigen Stellungnahmen zur Ukraine-Krise äußert sich Dugin ähnlich. Er ruft die russische Regierung unentwegt zu einer offensiveren Politik gegenüber dem westlichen Nachbarn auf. In seinem Artikel vom 11. April schreibt er:

bq. „Um die Krim zu behalten, benötigen wir unbedingt den Südosten (der Ukraine). Die Krim wiederum brauchen wir, um Russland … zu revitalisieren … Entweder der Südosten oder der Tod.“

Die scheinbare Übereinstimmung zwischen den Dugin’schen plakativen Parolen und der tatsächlichen abenteuerlichen Ukraine-Politik Moskaus sowohl auf der Krim als auch im ukrainischen Südosten veranlasst einige Autoren dazu, Dugin als den eigentlichen ideologischen Drahtzieher der heutigen russischen Außenpolitik zu betrachten. In diesem Sinne argumentieren z. B. die Autoren eines vor Kurzem in „Foreign Affairs“ erschienenen Artikels, der den Titel “„Putin’s Brain. Alexander Dugin and the Philosophy behind Putin’s Invasion of Crimea“”:http://www.foreignaffairs.com/articles/141080/anton-barbashin-and-hannah-thoburn/putins-brain trägt.

Dugins Etikettenschwindel

In Wirklichkeit bestehen aber, ungeachtet mancher Übereinstimmungen im Falle der Ukraine, beachtliche Unterschiede zwischen dem außenpolitischen Programm Putins und demjenigen Dugins, die man nicht vernachlässigen darf. Dies ist sogar dann der Fall, wenn die beiden die gleichen Begriffe verwenden. So will z.B. Putin bekanntlich an Stelle der untergegangenen UdSSR eine „Eurasische Union“ gründen, die als eine Art Sowjetunion im neuen Gewand konzipiert ist, Dugin wiederum betrachtet sich selbst als Erben der 1921 im russischen Exil entstandenen und Ende der 1930er-Jahre in der Versenkung verschwundenen „Eurasierbewegung“. Auch viele Analytiker sehen im Dugin’schen Programm eine Wiederanknüpfung an die Lehre der „klassischen“ Eurasier . So beispielsweise die Autoren des bereits erwähnten Artikels in „Foreign Affairs“.

Im Grunde betreibt aber Dugin, wenn er sein ideologisches Konstrukt als Fortsetzung der „klassischen“ eurasischen Ideen bezeichnet, einen Etikettenschwindel. Denn zwischen seinem Konstrukt und dem Programm der 1921 gegründeten „Eurasierbewegung“ bestehen unüberbrückbare Gegensätze.

Eines der wichtigsten Ziele des „klassischen“ Eurasiertums war die Abschirmung Russlands und des gesamten eurasischen Subkontinents von den kulturellen Einflüssen des Westens. Ihr Programm war keineswegs expansionistisch, sondern isolationistisch.

Eine derartige Selbstbeschränkung kommt indes für Dugin wie auch für seine Anhänger nicht infrage. Ihr Ziel ist die totale Bezwingung des westlichen Gegners, vor allem der liberal geprägten angelsächsischen Seemächte. Eine Versöhnung zwischen den beiden Lagern sei unmöglich, behaupten sie. In einem Leitartikel, der 1996 in der von Dugin herausgegebenen Zeitschrift „Elementy“ erschien, konnte man lesen: „Zwischen ihnen herrscht nur Feindschaft, Hass, brutaler Kampf nach Regeln und ohne Regeln.“

In den bereits erwähnten „Grundlagen der Geopolitik“ ruft Dugin Russland zu einem letzten Gefecht gegen die liberalen Sieger des Kalten Krieges auf. Sollte Russland auf seine imperiale Sendung verzichten, würden andere Staaten das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstandene Machtvakuum ausfüllen. Ehrfurcht gegenüber den anderen spiele im geopolitischen Kampf absolut keine Rolle, so Dugin. Hier zähle nur die Macht.
Diese Worte weisen eine verblüffende Ähnlichkeit zu den Gedankengängen auf, die Hitler in seinem sogenannten „Zweiten Buch“ von 1928 entwickelte: Jedes vitale Volk müsse expandieren, und zwar auf Kosten anderer, so Hitler. Der Verzicht auf Expansion bedeute Stagnation. Alle Mittel seien in diesem Kampf erlaubt.

Die Wiederherstellung des russischen Imperiums stellt für Dugin keinen Selbstzweck dar. Das eigentliche Ziel des wiederhergestellten Imperiums soll der Kampf um die Weltherrschaft sein. Er schreibt: „Das neue Imperium soll eurasisch, großkontinental und in weiterer Perspektive – global _(so im Original – L.L.)_ sein. Der Kampf der Russen um die Weltherrschaft ist noch nicht zu Ende.“

Endkampfszenarien im Sinne Dugins prägen indes nicht die Vorgehensweise der heutigen russischen Führung. Zwar kann sie sich mit der Auflösung der Sowjetunion, die Putin im April 2005 als die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete, nicht abfinden. Nach einer Weltherrschaft, wozu Dugin sie anspornen möchte, strebt sie aber nicht. Sie ist eher isolationistisch gesinnt und will sich, ähnlich übrigens wie die klassischen Eurasier, vor allem von westlichen Einflüssen abschirmen. Denn sie weiß, dass ihr System der „gelenkten Demokratie“, das auf einer weitgehenden Entmündigung der Gesellschaft basiert, mit den westlichen Wertvorstellungen nicht zu vereinbaren wäre. Daher ihre panische Angst vor den emanzipatorischen Impulsen des Euromajdan. Das bedingte ihre Bestrafungsaktion gegen Kiew sicherlich viel stärker als die Solidarisierung mit den russischsprachigen Landsleuten in der Ukraine.

Was Dugin von der Putin-Equipe zusätzlich unterscheidet, ist die Einstellung zum „Dritten Reich“. Die heutige russische Führung gebärdet sich als entschlossene Kämpferin gegen die „faschistische Gefahr“. Im russischen Parlament wurde vor Kurzem ein Gesetzentwurf gebilligt, der für die „Rehabilitierung des Nationalsozialismus“ hohe Strafe vorsieht. Dugins Einstellung zum Nationalsozialismus hingegen ist bei Weitem nicht so eindeutig. In der bereits erwähnten Zeitschrift „Elementy“ kritisierte er zwar den Nationalsozialismus für seinen engstirnigen Nationalismus, bezeichnete aber zugleich den Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ als eine „verheerende Niederlage für die Ideologie des Dritten Weges“, die Dugin sehr positiv bewertet. Im gleichen Artikel äußerte er auch seine Bewunderung für manche Aspekte der SS-Ideologie. Die SS selbst charakterisierte er als „eine Art Ritterorden nach mittelalterlichem Vorbild mit solchen Idealen wie körperliche Askese, Armut und Disziplin“.

Pure Heuchelei

Dass Dugin sich, ungeachtet derartiger Äußerungen, heutzutage zu einem „Vorkämpfer gegen den Faschismus in der Ukraine“ stilisiert, kann nur als pure Heuchelei bewertet werden.

Obwohl Dugin zurzeit unzählige Lobeshymnen auf Putin verfasst, ist es ihm nicht gelungen, seine Endkampfideologie in den Status eines offiziellen Regierungsprogramms zu erheben. Was allerdings große Sorgen bereiten muss, ist die Tatsache, dass er seit Jahren seine Hasstiraden in den staatlich kontrollierten Medien ungehindert verkünden kann. Nicht weniger bedenklich ist auch der Umstand, dass Dugin im Jahre 2008 zum Leiter des neugegründeten Zentrums für die Erforschung des Konservatismus an der Soziologischen Fakultät der Moskauer Staatsuniversität ernannt wurde. Damit erhielt er die Möglichkeit, seine abstrusen Thesen als Professor der bedeutendsten Hochschule Russlands zu verbreiten.

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