Eine politisch engagierte Frau passt nicht ins Rollenbild der CSU. Gabriele Pauli

„Eine Stadt ist immer ein Labor“

Experimente gehören für den Stadtplaner Leonhard Schenk zum Beruf. Warum er letztlich doch oft auf Altbewährtes setzt, erklärt er im Gespräch mit Lars Mensel.

The European: Herr Schenk, wieso werden in Deutschland keine neuen Städte gebaut?
Schenk: Neue Städte haben viel mit Bedarf und politischem Willen zu tun. Bis auf wenige Ausnahmen wurden alle deutschen Städte vor dem Jahr 1350 gegründet. Karlsruhe ist eine solche Ausnahme. Karlsruhe war eine politische Entscheidung – eine neue Stadt zum politischen Ruhm des Herrschers.

The European: Das ist heute schwerlich vorzustellen.
Schenk: Richtig, bei uns schon. Nehmen wir aber den Bedarf. Gar nicht lange her sind die Großwohnsiedlungen der 1960er- und 1970er-Jahre. Im Grunde waren das auch neue Städte: Es gab damals eine große Wohnungsnot und diese Städte wurden praktisch alle über Wohnungsbauprogramme erschaffen. Das waren moderne Stadtgründungen in Reinkultur. Mit der Energiekrise 1973 war dieses nicht immer erfolgreiche Experiment vorbei.

The European: Und heute?
Schenk: Die demografische Entwicklung spricht eher dagegen. Nur wenige Stadtbevölkerungen werden wachsen, an vielen Orten werden sie deutlich schrumpfen. Das ist aber nicht nur ein deutscher Prozess: In vielen Ländern ist der Sterbeüberschuss größer als die Geburtenrate.

The European: Wir haben bereits die Städte, die wir brauchen?
Schenk: Die Städte sind gewissermaßen gebaut. Und viele haben eine hohe Attraktivität, Menschen schätzen ihre Lebendigkeit und Geschichte, die sich in den Gebäuden und Stadträumen zeigt. Das sehen wir auch in dem aktuellen Trend der Innenentwicklung: Im Gegensatz zu den 1970er-Jahren geht es heute nicht mehr in die Fläche hinaus, sondern wir versuchen die Innenstädte weiter zu entwickeln und zu verbessern. Das ist nicht nur ökologisch, sondern erzeugt auch weniger Folgekosten.

The European: Wieso das?
Schenk: Nun, in einer neuen Stadt kommt alles aus einer Periode, das heißt, es altert auch alles gleichzeitig. In 20 bis 30 Jahren wären neue Städte komplett sanierungsbedürftig.

The European: In Asien werden sie trotzdem gebaut.
Schenk: Richtig. Aber China erwartet einen gewaltigen Urbanisierungsschub von über 200 Millionen Menschen in den nächsten Jahren. Das wäre, als ob die Hälfte der EU-Bevölkerung in Städte ziehen wollte, die erst noch gebaut werden müssten. Viele Neugründungen sind Entlastungsstädte für vorhandene Metropolen, sie entstehen in Südostasien z.B. in China rund um Shanghai oder in Korea rund um Seoul.

The European: Planstädte wie das chinesische Shenzhen können aber auch Sonderwirtschaftszonen sein, in denen bewusst auf den Bruch mit dem Bewährten gesetzt wird.
Schenk: Ja, Handel und Wandel gehören seit jeher zusammen. Problematisch wird es, wenn man alles auf eine Karte setzt, z.B. auf Wachstum um jeden Preis. Auch die Moderne arbeitete teils hochspezialisiert und brachte neue, zweckgebundene Städte hervor: Wolfsburg wurde als „Stadt des KdF-Wagens“ gebaut. Selbst im alten China gab es solch spezialisierte Städte, die beispielsweise auf Töpferarbeiten festgelegt waren. Da haben 200.000 Einwohner nichts als Töpferwaren hergestellt.

The European: Auch das zweckgebundene Eisenhüttenstadt entstand unter einem autokratischen System – der DDR.
Schenk: Im Prinzip sind viele Städte aus ökonomischen Gründen entstanden. Sie entstanden beispielsweise an der Kreuzung zweier Handelswege. Sie waren der Ort, wo produziert und Handel betrieben wurde. Städte wie Nördlingen lebten primär vom Tuchgewerbe, andere wie Schwäbisch Hall von der Salzproduktion.

„Eine Stadt muss dennoch immer wieder neu ausgehandelt werden“

The European: Nun wirken neue Städte aber oft sehr artifiziell. Kann Stadtplanung das vermeiden?
Schenk: Neue Städte mit monofunktionalistischer Prägung können schwerlich mit gewachsenen und daher vielschichtigen Städten mithalten. Vielleicht brauchen sie auch nur mehr Zeit. Unsere Städte haben sich über viele Jahrhunderte entwickelt. Prinzipiell ist Stadtentwicklung ein iterativer Prozess, wo man etwas macht, reflektiert, zurücknimmt, neu plant und wieder macht und so langsam sein Ziel erreicht. Viele berühmte Städte mit mittelalterlichem Stadtkern sind oft nur deshalb so gut erhalten, weil sie bis ins 19. Jahrhundert hinein von der ökonomischen Entwicklung weitgehend abgeschnitten waren. Das ist für uns heute ein Gewinn, für die Einwohner waren das nicht immer einfache Zeiten.

The European: Stadtplanung bedeutet also: Ausprobieren, bis etwas funktioniert?
Schenk: Ja und nein. Ich denke, dass wir uns heute Ausprobieren nicht leisten können. Rückblickend ist aber die ganze Geschichte der Stadt voll von immer wieder neuen, utopischen Ansätzen. Diese Utopien kommen jeweils aus einer anderen Geisteshaltung: Thomas Morus entwarf sein „Utopia“ als sozialistische Gesellschaft, ein Renaissance-Dichter beschrieb die „vernünftige Stadt“ mit einem „Tempel der Vernunft“. Auch in modernen Planstädten wie Brasilia oder Chandigarh ging es um das Beheben von Missständen durch neue Stadtmodelle.

The European: Das klingt doch erst einmal gut.
Schenk: Ja, aber beide orientieren sich an Leitbildern, die Momentaufnahmen waren. Damals war es visionär, die alten Städte zu verlassen und aufgrund der modernen Anforderungen ganz neue Wege zu betreten. Manche Beobachter sagten alleine aufgrund des wachsenden Verkehrsaufkommens den Untergang von New York voraus – das ist nicht eingetreten.

The European: In den 1970er-Jahren rechnete man mit einem immer weiter wachsenden Individualverkehr …
Schenk: Deswegen wurde bereits Brasilia absolut verkehrsgerecht gebaut. Alle Stadtteile erreicht man nur mit dem Auto, man kann nicht zu Fuß gehen. Das schätzte nicht zuletzt die Militärdiktatur, die nur ein paar Straßen, Brücken und Unterführungen sperren musste und schon herrschte Ausgangssperre. Städte, die aufgrund eines einzelnen Paradigmas gebaut wurden, funktionieren heutzutage oft nicht mehr.

The European: Das heißt? Werden sie abgesperrt und als Freilichtmuseum neueröffnet?
Schenk: Auch Chandigarh und Brasilia entwickeln sich weiter. Aber der Kern der Entwicklung leidet immer an den damals gesetzten Paradigmen. Was man im Boden verbuddelt, wie man die Grundstücke verteilt und in privates Eigentum überführt, bleibt über Jahrhunderte bestehen. Und daran leiden manche Stadtkonzepte, die sehr einschichtig entworfen wurden.

The European: Nun überlisten Pläne aber doch auch gerne ihre Planer. Wie gehen Sie damit um?
Schenk: Eine Stadt ist immer ein Labor. Brasilia wurde ausgehend von einem starken Bild – des „Flugzeugplans“ – entwickelt. Bilder sind immens wichtig, aber nicht zu Beginn einer Planung. Heute versuchen wir stattdessen, erst in die Zieldiskussion einzusteigen. Wird die unter demokratischer Beteiligung geführt, kann man anschließend über eine Lösung nachdenken. Eine Stadt muss dennoch immer wieder neu ausgehandelt werden – auch wenn sie bereits gebaut ist.

The European: Wie können Planer das tun?
Schenk: Indem sie Optionen anbieten. Planer müssen grundsätzlich Räume schaffen, in denen sich die Menschen wiederfinden und agieren können: Öffentliche Räume dürfen nicht primär dem Verkehr dienen, sondern sollen zum Aufenthalt oder zum Treffen einladen. Die Stadt sollte barrierefrei sein, mit Parks und Grünanlagen oder Kleingärten Rückzugsmöglichkeiten bieten. Und über allem steht die nachhaltige Entwicklung.

The European: … ein ziemlich überstrapazierter Begriff.
Schenk: Richtig, aber einer mit dreihundertjähriger Geschichte! Er geht auf die Forstwirtschaft zurück, wo man nur so viele Bäume schlagen soll, wie durch Aufforstung nachwachsen können. Und in der Stadtplanung betrifft Nachhaltigkeit praktisch alle Bereiche: Energie, Bauen, Wohnen, Arbeitsplätze, Bildung und Gerechtigkeit.

The European: Spricht das nicht für eine neue Stadt?
Schenk: Neue Städte binden viele Ressourcen. Müssen wir alles neu machen, wenn das Alte auch bewährt ist und große Qualitäten hat? Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit gab es in den 1970er-Jahren schon einmal einen Bologna-Prozess, nicht in der Bildung, sondern im Städtebau: Ausgehend von der Stadtsanierung in Bologna untersuchten Architekten und Stadtplaner damals die als veraltet geltende Stadt und kamen zu dem Schluss, dass darin eigentlich unglaublich viel Potenzial steckt. Man muss keine Wohnmaschinen bauen, sondern kann das Alte weiterentwickeln. So entstand der Paradigmenwechsel in der Postmoderne, das Alte wieder zu akzeptierten und davon zu lernen. In Städten aus der Moderne – wie Brasilia – wurde dagegen alles neu erfunden. Heute schauen wir auf alte und neue Städte und lernen von beiden.

The European: Wir schlagen vor, eine neue Stadt als Experimentierlabor zu bauen und zukunftsweisende Projekte darin zu erproben.
Schenk: Es wäre sehr verlockend, darüber nachzudenken.

The European: Was wäre das Ziel einer neuen Stadt?
Schenk: Ganz banal gesagt, müsste sie lebenswert sein. Zunächst müsste sie multifunktional gemischt, eine Stadt der kurzen Wege sein. Das bedeutet, dass Freizeit-, Wohn- und Arbeitsstätten nicht voneinander getrennt wären, sondern in unmittelbarer Nähe zueinander liegen würden, innerhalb des Quartiers und auch innerhalb der Gebäude. Diese würden mehr Energie erzeugen, als sie selbst verbrauchen. Die Architektur wäre abwechslungsreich, am menschlichen Maßstab orientiert, die Baustoffe nachhaltig und recyclingfähig, die Gestaltung hochwertig, stimmig und nicht kurzlebig und modisch.

The European: Wie sieht es mit technischer Infrastruktur aus?
Schenk: Ein Bonmot sagt: High-Tech-Architektur löst auf perfekte Art Probleme, die es ohne sie nicht gäbe. Technische Lösungen auf gesamtstädtischer Strukturebene können sehr sinnvoll sein, denken wir beispielsweise an intelligente Energienetze. Aber viele Planer nehmen Abstand von einer zunehmenden Durchtechnisierung. Sehen Sie: Omas alter Holztisch kann Kratzer vertragen, aber der moderne Glastisch braucht nur einen Sprung zu kriegen und schon ist er kaputt oder zumindest unansehnlich. Ich bin kein Technikfeind, aber wir sollten immer überlegen, ob im Einzelfall die Low-Tech-Lösung nicht die beste ist, weil wir mit ihr nicht alle 20 Jahre empfindliche oder veraltete Technik ersetzen müssen.

The European: Eine neue Stadt wäre nicht unbedingt nachhaltig.
Schenk: Richtig. Heute müssen wir aber alles unter diesem Gesichtspunkt betrachten.

The European: Aber wie vermeiden Sie, dass Nachhaltigkeit zur Sackgasse wird? Dass revolutionäre Ideen von ihr erstickt werden?
Schenk: Ein lateinamerikanischer Stadtplaner hat einmal gesagt: „Die nachhaltige Stadt ist die, die ihre Menschen glücklich macht.“ Das Glück umfasst alle Bereiche des Lebens – und der Planung. Frei nach Heinrich Zille, kann man mit einer schlechten Planung Menschen genauso erschlagen wie mit einer Axt. Viele Banlieues haben genau das gemacht – obwohl sie mit guten Absichten gebaut wurden. Aus Utopie kann Grauen werden.

„Wir müssen uns Gedanken über den Zusammenhalt machen“

The European: Nehmen die Menschen einen so durchgeplanten Raum denn überhaupt an? In Nova Huta, dem sozialistischen Idealstadtteil von Krakau, bauten die Menschen erst einmal eine Kirche auf ihren zentralen Platz.
Schenk: Heute orientiert man sich eher am Menschen als an der großen Idee. Von Le Corbusier bis zu dem großmaßstäblichen Wohnungsbau der 1970er-Jahre zieht sich die Idee, dass der Staat die Versorgungssicherheit garantiert: Er baut Wohnungen für Menschen, die nur noch einziehen müssen. Irgendjemand hat entschieden, was für die Menschen am besten ist – und sie gar nicht erst nach ihrer Meinung gefragt. Von so ideologisch geprägten Planungsansätzen sind wir mittlerweile abgekommen. Partizipation und Teilhabe rücken in den Vordergrund.

The European: Wie könnte eine neue Stadt da Akzente setzen?
Schenk: Wir können nicht einfach neue Städte bauen, nur weil uns z.B. die Gentrifizierung Sorgen macht. Wir brauchen Schutz für Benachteiligte und Minderheiten. Die Politik muss steuern und beispielsweise Wohnbaugenossenschaften fördern. Wir brauchen ein großes Bildungs-, Sport-, Freizeit- und Kulturangebot, das allen Bürgern – unabhängig von der Größe des Geldbeutels – zur Verfügung steht. Wir müssen uns über den Zusammenhalt der bestehenden Stadtgesellschaft Gedanken machen.

The European: Das heißt?
Schenk: In der Stadt muss es eine soziale Mischung geben! Weder Wohlstandsoasen oder abgeschlossene „Gated Communities“ noch Armutsgettos. Das leisten viele Bestandsquartiere bereits. Gründerzeitquartiere setzen im Gegensatz zu Neubaugebieten nicht nur auf Mittelschicht, wo die Menschen unter sich bleiben und sich sicher fühlen, aber wo die Diversität verloren geht …

The European: … welche schließlich auch Kreativität und neue Ideen hervorbringen kann.
Schenk: Genau, und nicht alles ist planbar. Letztlich ist Stadtplanung – nach dem Stadtplaner Gerd Albers – das Bemühen um eine den menschlichen Bedürfnissen entsprechende Ordnung des räumlichen Zusammenlebens in der Stadt. Bemühen führt bekanntermaßen nicht immer zum Erfolg, häufig aber doch.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Asit Biswas: „Wasserknappheit wird kein Problem sein“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Ddr, Indien, Stadt

Debatte

Riester reloaded

Medium_8ec3aebb49

Die Nahles-Rente

Die Ergebnisse der beiden „Rentengipfel“ im November 2016 dokumentieren die Kapitulation der Großen Koalition vor der Altersarmut. Auch die von Andrea Nahles vorgeschlagene „gesetzliche Solidarrent... weiterlesen

Medium_eaab4c14d5
von Christoph Butterwegge
29.11.2016

Debatte

Schäubles Rentenkürzungen

Medium_5d36389636

Jeder sechste Deutsche lebt in Armut

Eine gute Rente für alle ist finanzierbar, wenn es den Mut und die Bereitschaft gibt, sich mit Superreichen und Konzernen anzulegen. Und alle sollten in eine einzige Rentenkasse einzahlen: nicht nu... weiterlesen

Medium_6337c9a454
von Sahra Wagenknecht
11.11.2016

Debatte

Immer mehr Menschen fliehen vor dem Krieg

Medium_40743ce9c3

Merkel, die getreue Vasallin der USA

Merkel steht für Aufrüstung, Waffenexporte, Unterstützung der Öl- und Gaskriege der USA und Konfrontation mit Russland. weiterlesen

Medium_169fd8a9b4
von Oskar Lafontaine
21.10.2016
meistgelesen / meistkommentiert