Niemand wird als Abgeordneter geboren. Florian Bernschneider

„Guerillas kümmern sich nicht um Wahlen“

León Valencia Agudelo hat als Guerilla mehr als 20 Jahre gegen die kolumbianische Regierung gekämpft – bis er aufgab. Mit Alice Kohn spricht er über die aktuellen Friedensverhandlungen und den Weg zurück in die Gesellschaft.

The European: Herr Valencia, Sie waren Oberbefehlshaber der zweitgrößten kolumbianischen Guerilla-Bewegung, der ELN. 1994 haben Sie ein Friedensabkommen mit der kolumbianischen Regierung unterschrieben und einen ziviles Leben begonnen. Wie kam es dazu?
Valencia: Das war ein persönlicher Prozess, ein Wertewandel. Als ich jung war, arbeitete ich mit einem Bischof und einigen Priestern an sozialen Projekten in meiner Region. Durch diese Arbeit kam ich in Berührung mit den Ideen zur sozialen Gerechtigkeit, der Würde und der Partizipation der Bauern. So beschloss ich, in die Guerilla einzusteigen. Die Guerilla bedeutete, dass man bereit war, für diese Ideale sein Leben zu riskieren, und das Leben anderer. Das Leben war weniger wert als diese Ideale. Doch während meiner Zeit in der Guerilla erkannte ich, dass es umgekehrt ist. Das Leben ist viel wertvoller als diese Werte. Das war der erste Grund für meinen Ausstieg. Der zweite war die Krise des Kommunismus zu dieser Zeit. Die Mauer fiel, Kuba befand sich in einer Krise und in Zentralamerika wurden Friedensverhandlungen mit der Guerilla geführt. Ich fühlte, dass es einen politischen Wechsel gab. Diese Modelle, diese Ideen, für die wir einst kämpften, verloren an Wert. Deswegen habe ich die Guerilla verlassen.

The European: Also haben sich Ihre Ideale verändert, nicht die Art und Weise, mit der Sie für diese kämpfen?
Valencia: Ich vertrete immer noch eine sehr kritische Meinung zu der Regierung meines Landes, zur sozialen Ungerechtigkeit, zur politischen und sozialen Ausgrenzung großer Teile unserer Bevölkerung und der Selbstsucht der politischen und wirtschaftlichen Elite. Meine Kritik habe ich beibehalten, aber ich habe sie in eine intellektuelle Arbeit transformiert. Ich schreibe Bücher und Kolumnen; ich untersuche die Realität meines Landes und trage etwas zur öffentlichen Debatte bei. Man kann für seine Ideale auch mit demokratischen Mitteln kämpfen.

„Es gibt keine Romantisierung des Friedens“

The European: Wie glauben Sie anhand Ihrer persönlichen Erfahrung, kann man die Guerilla-Gruppen überzeugen, den bewaffneten Kampf zu beenden?
Valencia: Die Guerilla ist schon davon überzeugt. Beide Gruppen, die FARC und die ELN, wissen, dass es Zeit für ein Friedensabkommen ist. Der Versuch, mittels Waffen und Gewalt die Macht zu übernehmen, ist gescheitert.

The European: Warum passiert das jetzt und nicht früher?
Valencia: Die Guerillas haben versucht, von 1994 bis 2005 eine große Armee aufzubauen, um die Macht im Land zu übernehmen. Die FARC soll bis zu 20.000 Männern gehabt haben und war damit die größte Guerilla-Armee Lateinamerikas. Sie haben sich durch den Drogenhandel finanziert und riesige Armeelager aufgebaut. Die FARC war sehr stark, doch hat sie in den vergangenen Jahren große Niederlagen erlitten und dadurch gemerkt, dass es nicht möglich ist, gewaltsam die Macht zu übernehmen.

The European: Also glauben Sie, dass die momentan stattfindenden Friedensverhandlungen in Havanna zwischen der FARC und der kolumbianischen Regierung eine gute Maßnahme sind, um den Frieden in Kolumbien wiederherzustellen?
Valencia: Ja. Ich denke, dass beide Parteien sehr realistisch sind. Auch die Regierung hat begriffen, dass sie die Guerilla-Gruppen mit militärischen Mitteln nicht besiegen kann, zumindest nicht kurz- oder mittelfristig. Und würde der Konflikt langfristig fortgesetzt, würde das nur mehr Opfer und auch Schäden für die Wirtschaft bringen. Es gibt hier keine Romantisierung des Friedens. Man verhandelt aus der Unmöglichkeit heraus, den anderen gewaltsam zunichtezumachen.

The European: Aber ihre ehemalige Guerilla-Gruppe, die ELN, nimmt nicht an den Friedensverhandlungen in Havanna teil, obwohl sie mehrfach darum geben hat. Warum lässt man sie nicht an den Gesprächen teilnehmen?
Valencia: Der Unterschied zwischen der ELN und der FARC ist, dass es bei der ELN keine einheitliche Führung gibt. Die ELN ist sehr dezentralisiert, das heißt, es müssen viel mehr Rücksprachen mit den einzelnen Einheiten gehalten werden, bevor man mit der Regierung verhandeln kann. Die Regierung versucht zunächst, mit der FARC weiter voranzuschreiten. Außerdem hat die ELN ihren programmatischen Schwerpunkt bei der Verwaltung der natürlichen Ressourcen. Das ist einer der wichtigsten Sektoren der kolumbianischen Wirtschaft, da wird es für die Regierung schwierig, Zugeständnisse zu machen. Die natürlichen Ressourcen haben einen unglaublichen Wert, zudem gibt es viele multinationale Firmen, die involviert sind. Was die Verhandlungen darüber hinaus kompliziert machen wird, ist die Forderung der ELN, die Zivilgesellschaft mit einzubeziehen.

The European: Im Falle eines Friedensabkommens, wie kann man ihrer Erfahrung nach einen ehemaligen Guerilla-Kämpfer am besten wieder in die Zivilgesellschaft eingliedern?
Valencia: Dieses Mal wird die Wiedereingliederung etwas anders verlaufen als in meinem Fall. Meine Motivation war es, öffentlich Politik zu machen. Wir Aussteiger wollten vom Land in die Stadt. Damals wurde zwischen Guerilla-Kämpfern unterschieden, die freiwillig ausstiegen, und denen, die gefangen genommen wurden. Die sozialen Dienste boten uns individuelle Betreuung und weitere Ausbildungsmöglichkeiten an. Das Gleiche wurde mit den Aussteigern der paramilitärischen Gruppen gemacht. Das hatte seine Erfolge, aber auch seine Defizite. Dieses Mal wird es eine kollektive Wiedereingliederung geben, keine individuelle. Viele ehemalige Guerilla-Kämpfer werden in den Regionen bleiben, in denen sie momentan kämpfen und werden dort ihre politische Arbeit fortsetzen. Das ist ein Thema, das in Havanna noch kräftig ausdiskutiert werden muss.

„Es muss eine Justiz für alle Beteiligten geben“

The European: Vielleicht ist eine kollektive Wiedereingliederung sogar der sicherere Weg. Sie sprachen soeben die paramilitärischen Gruppen an, einen weiteren Akteur in dem bewaffneten Konflikt. Die Demobilisierung dieser Gruppen 2005 hat in vielen Fällen nicht funktioniert. Viele der paramilitärischen Kämpfer sind am Ende doch wieder in den Untergrund gegangen und haben neue kriminelle Banden gegründet.
Valencia: Richtig. Bei den paramilitärischen Gruppen wurde ein großer Fehler begangen. 80 Prozent der Mitglieder wurden aus den Friedensverhandlungen ausgeschlossen. Man hat nur den Anführern und den Kämpfern der untersten Einheiten Zugeständnisse gemacht, viele von den Anführern leben jetzt in den USA. Doch die mittleren Führungsriegen haben der Regierung von Anfang an misstraut. Ich hoffe, die Regierung hat aus diesen Fehlern gelernt und wird diesmal einen eigenen Ansatz für die mittleren Führungsriegen vorweisen.

The European: Für die Mitglieder der Guerilla ist der Prozess der Wiedereingliederung auch eine ökonomische Frage. Es gibt Daten, die belegen, dass die FARC jährlich zwei bis drei Milliarden US-Dollar mit dem Drogenhandel einnimmt. Wer würde denn sich so ein gutes Geschäft entgehen lassen?
Valencia: Hier gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen den Guerilla-Gruppen und den paramilitärischen Gruppen. Die Guerilla-Gruppen nutzen den Drogenhandel für die Finanzierung ihrer Militäraktionen, nicht zur individuellen Bereicherung. Es gibt immer Einzelfälle, aber grundsätzlich geht es um die Finanzierung des bewaffneten Konfliktes. In dem Moment, wo dieser beendet wird, braucht die Guerilla auch den Drogenhandel nicht mehr. Bei den paramilitärischen Gruppen hingegen geht es vielen Anführern darum, sich selbst zu bereichern.

The European: Ihnen hat man damals Amnestie gewährt. In Havanna setzen die Unterhändler der FARC Straffreiheit für alle Guerilla-Mitglieder für die Verhandlungen voraus. Gleichzeitig verlangen die Angehörigen der Opfer eine rechtliche Aufarbeitung der Fälle. Wie kann man da eine Kompromisslösung für beide Seiten finden?
Valencia: Das ist wohl der schwierigste Punkt, der mit der FARC und mit der ELN ausgehandelt werden muss. Hier spielt mit man dem Fortgang der Friedensverhandlungen. Sollte man sich für einen juristischen Prozess entscheiden, wird die FARC die Verhandlungen sofort abbrechen. Als ich damals aus der ELN ausstieg, gab es eine Tradition der Amnestie in Kolumbien. Heute, denke ich, wird man versuchen, eine Transitionsjustiz zu schaffen, die eine Aufarbeitung der Wahrheit, Entschädigungsleistungen und alternative Strafen beinhaltet.

The European: Alternative Strafen?
Valencia: Sozialarbeit zum Beispiel. Nicht nur für die ehemaligen Guerilla-Kämpfer, sondern auch für die 4.000 Militärs, die für ihre Verbrechen während des bewaffneten Konflikts verurteilt worden sind. Außerdem sind viele Politiker in den bewaffneten Konflikt involviert. Es muss eine Transitionsjustiz geben, die für alle Beteiligten gilt.

The European: Sie sprachen soeben die Politiker an. Mit Ihrer Organisation „Frieden und Versöhnung“ haben Sie vor Kurzem einen Bericht herausgebracht, in dem Sie die Verbindung von den neu gewählten Parlamentsabgeordneten zu paramilitärischen Gruppen untersucht haben. Ist der kolumbianische Staat unter diesen Umständen in seiner Friedensarbeit wirklich glaubwürdig?
Valencia: Der kolumbianische Staat ist ein Hybrid. Er hat gesunde Institutionen, in denen Personen arbeiten, die das kolumbianische Recht respektieren. Aber es gibt auch viele Staatsmitarbeiter, die in illegale Geschäfte verwickelt sind und unsere Demokratie von innen aushöhlen. Unsere Stiftung arbeitet daran, diese Verbindungen aufzuspüren und öffentlich zu machen. 61 Parlamentarier wurden bisher verurteilt und 67 weitere Fälle werden momentan untersucht. Gerichtlich wurden diese sogenannten Para-Politiker abgestraft, aber politisch nicht. Sie sind weiterhin Teil einer Partei, sie werden weiterhin gewählt. Nach jeden Wahlen hoffen wir, die Dinge werden ein bisschen besser, aber bisher wurden wir enttäuscht.

The European: Gleichzeitig spricht man auch von dem Einfluss der Guerilla-Gruppen auf Politiker linker Parteien.
Valencia: Ja, es gibt Verbindungen von Politikern zu Guerillamitgliedern. Aber die sind sehr limitiert und auch mit anderen Absichten. Es gibt ideologische Verbindungen, aber die Guerilla will seit jeher den Staat in seiner aktuellen Form abschaffen, von daher hat sie kein Interesse, in diesem System mitzumischen. Die Para-Politiker verschaffen sich mithilfe der paramilitärischen Gruppen Stimmen, die Guerilla kümmert sich nicht um die Wahlen.

The European: Auch die FARC möchte den Staat in seiner aktuellen Form abschaffen. Bei den Verhandlungen in Havanna hat sie das Thema einer verfassungsgebenden Versammlung aufgebracht.
Valencia: Viele sprechen von einer verfassungsgebenden Versammlung. Selbst Politiker aus dem rechten Lager. Am Ende hat jeder aber eigene Vorstellungen davon, wie eine neue Verfassung aussehen soll. Es wird nicht leicht werden, einen Konsens zu finden. Aber ich denke, das ist kein Thema, was in den Friedensverhandlungen in Havanna besprochen werden soll. Das sollte im Kongress besprochen werden, und dann soll man entscheiden, wer alles an der Ausarbeitung der neuen Verfassung beteiligt sein wird.

Übersetzung aus dem Spanischen.

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