Shame on you, Barack Obama. Hillary Clinton

Der Problempeer

Er weiß genau, wo der nächste Fettnapf steht. Peer Steinbrück; Lautsprecher, Großverdiener, Sozialdemokrat. Eine Satire.

Es ist vier Uhr früh, als Peer Steinbrück von dem Holzbrett springt, auf dem er schläft. Das Krähen eines Obdachlosen auf der Straße hat ihn geweckt, sicherer als jeder Sonnenstrahl, lauter als jedes Handygesäge. Lässig wirft er seinen Schlafanzug ab, einen gedeckten Zweireiher, springt ins Bad und kärchert sich krustenfrei. Während er seine Sorgenfalten mit Eyeliner nachzieht, löst er im Kopf Räuberschachprobleme; mit ein paar routiniert gesetzten Botoxinjektionen verwandelt er seine natürliche Fröhlichkeit in die beliebte Leichenbittermiene. Seine eben erwachte Frau schweißt ihn in eine frische Anzuggarnitur ein, gibt ihm einen Kuss auf den Siegelring und brieft ihn kurz in Sachen Frühstück: Kleie mit Grütze, Graupen und Raupen, ein Fingerhut teil­entrahmter Kondensmolke. Steinbrück schüttelt sich vor Ekel, geht wieder zu Bett.

Die Arbeit beginnt zwei Stunden später, mit einem Gottesdienst, aus moralphilosophischen Gründen. Fünf Minuten spricht Steinbrück auf den Stromzähler ein, schildert ihm seine Verfehlungen und bittet um Vergebung, dann schließt er den Sicherungskasten. Steinbrück ist der einzige Deutsche, der seine Stromrechnung allein mit guten Worten bezahlen kann. Aus seinem Glauben an den Strom bezieht er die Energie, die es braucht, um gegen Merkel, die Mutter Europas, Politik zu machen. Streng genommen sinnlos; denn in der Sache, er weiß es, hat Merkel ja recht. Aber Opposition muss sein, eine Demokratie sieht ohne so weißrussisch aus! Die Demokratie braucht ihn, die Menschen brauchen ihn, Merkel braucht ihn. Ja, auch sie, die stolze imperatrix hornoxium: Wie jeder Sonnenstrahl eine Benzinpfütze benötigt, um nur recht schillern zu können, so braucht Merkel einen Widersacher, auf den Verlass ist; einen alten Kollegen, der ihrem Wahlsieg die nötige Würde zu geben vermag. Gegen Gabriel zu gewinnen, das wäre doch zu demütigend, das wäre wie Usain Bolt gegen ein dickes Kind ohne Beine.

Hanseatische Härte von Schmidt lernen

Irgendwann ruft Helmut Schmidt an. Er beschreibt Steinbrück, was er eben im Radio gesehen hat sowie die Konsistenz seines Morgenauswurfs. Dann versuchen die beiden Volkstribunen, diese zwei Erfahrungen auf ihren gesellschaftlichen Gehalt zu befragen und etwaige Konsequenzen für ein 
gedeihliches Miteinander zu ziehen, wie immer so ergebnisoffen wie -los. Hinterher spielen sie eine Partie Mühle übers Telefon. Diese morgendlichen Gespräche geben Steinbrück das Gefühl, dass er ein richtiger Politiker ist und nicht ein bestellter Seminarschwätzer wie Gauck; außerdem kostet die Steinbrück-Hotline 5,99 Euro pro angefangene Minute, da ist mit Schmidt die Miete schon mal im Sack. Hanseatische Härte gegen sich selbst und andere sowie ein tüchtiger Sprung in der Schüssel, das ist es, was er von Schmidt lernen kann; was es braucht, um die Reste von der Dings, der SPD, noch irgendwie am Simmern zu halten.

Steinbrück weiß, wie hoch die Erwartungen an ihn sind, denn unter Merkel kann nicht jeder Oppositionspolitiker sein. Es braucht beste Referenzen, das Empfehlungsschreiben eines Altkanzlers und eines Nachrichtenmagazins, dazu jahrelange Regierungserfahrung und die Kanzlerin im Kurzwahlspeicher – und selbst dann wird man von den Medien so grob angefasst wie ein gewöhnlicher Bundespräsident, muss auf Nachfrage das Fahrtenbuch zeigen, ein Schachbrett richtig aufstellen und in eine Tüte blasen. Eine Opposition gegen Merkel muss moralisch rein sein, oder sie muss überhaupt nicht sein.

Eine Nacht voller Albträume

Gegen elf geht das Fabelwesen Steinbrück zu Tisch, wo die Reste des Frühstücks auf ihn warten. Mit Behagen liest er in der Zeit die Zusammenfassung einer Sendung mit Markus Lanz, wo Nena und Tim Mälzer sagten, dass das mit den Vortragshonoraren letztlich total okay sei, sie nähmen ja auch so viel, wenn nicht mehr, und insgeheim wünscht sich Steinbrück doch, bessere Verteidiger zu haben als eine magersüchtige Ballonsängerin und einen kochenden Hafenschläger. Aber trotzdem: Mälzer ist ihm irgendwie sympathisch. Denn der sagt, dass es ganz leicht sei, ein sozialer Unternehmer zu sein: Man müsse bloß das Geld am Fließen halten und klug investieren, statt es immer nur auf die hohe Kante zu legen.

Jaha, keckert Steinbrück, das schaffende Kapital fördern; das raffende hingegen, es sei verbannt, in die finstersten Anderkonten wollen wir es stoßen! Weihnachtlich wird es, als Mälzer mit einer Träne im Schlupflid erzählt, dass er seinem Freund ­Xavier Naidoo versprochen habe, dass dieser, falls er je in Not gerate, in Mälzers Restaurant jederzeit umsonst essen könne, großes Fernsehehrenwort. Ja, jubelt Steinbrück da, das ist sie nämlich, die ­moderne Sozialdemokratie: wenn ein Brutzelbudenbesitzer den Hamburger Pennern die Schmach erspart, sich in der Schlange vor der Suppenküche mit Xavier Naidoo um den Nachschlag prügeln zu müssen. Steinbrück erwägt kurz, Mälzer einen Posten als Arbeitsminister freizuhalten, hält dann aber ein: Arbeitsminister wird ja schon er selber, anderes wäre Merkel nicht begreiflich zu machen.

Mählich wird Steinbrück müde, es ist ja auch schon fast vier, und erst kürzlich hat die „Taz“ von ihm verlangt, auch seine Schlafenszeiten aufzuschlüsseln, da darf er sich keine Blöße geben. Seine Frau bügelt ihm noch schnell das Abendessen von gestern auf, dann lesen sich die Eheleute aus den gemeinsamen Kontoauszügen vor und freuen sich auf eine Nacht voller Albträume – und den Hahnenschrei am nächsten Morgen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Martina Fietz, Ines Pohl.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 1/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Weitermachen, der Weltuntergang fällt aus: Lesen Sie, wie sich die Menschheit gegen Asteroiden, Pandemien und Co. zur Wehr setzt. Außerdem: Warum die SPD-Troika den Sozialdemokraten schadet und welche Wirtschaftsweisheiten 2013 endgültig in den Papierkorb der Geschichte gehören.

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