Soziale Isolation und Ungleichheit sind völlig außer Kontrolle geraten. Kumi Naidoo

„Arbeit muss unserer Kreativität gerecht werden“

Lena Schiller Clausen hat gemeinsam mit Christoph Giesa das Buch „New Business Order“ geschrieben. Im Gespräch mit Edgar Lopez erklärt sie den rasanten Wandel der Arbeitswelt, was Berlin-Mitte und die schwäbische Provinz gemeinsam haben und was das alles mit der preußischen Armee zu tun hat.

The European: Ihr aktuelles Buch heißt „New Business Ordner“ – das klingt nach Revolution.
Schiller Clausen: Es ist keine Revolution, sondern eine Evolution. Wir ersetzen keine alte Wirtschaftsordnung durch eine neue, sondern ergänzen, was da ist, um neue Aspekte. Weil vieles von dem, was die alte Wirtschaftsordnung ausmacht, keine Antworten auf die Krisen und die Herausforderungen unserer Zeit liefert. Dadurch entsteht ein Vakuum, in das wir neue Ansätze oder neue Prinzipien pflanzen. Das ist kein Ausschlussprinzip, sondern ein Ergänzungsprinzip.

The European: Künftig – so habe ich Ihre Hauptthese verstanden – wird es vor allem Produzenten von Ressourcen sowie Konsumenten geben.
Schiller Clausen: Interessant ist, dass wir Produzenten auf der einen Seite, Konsumenten auf der anderen Seite und gleichzeitig ein extremes Verschwimmen zwischen den beiden haben. Das fängt schon bei Ikea-Möbeln an. Du bist Konsument, aber produzierst sie auch, weil du sie selber zusammenschraubst. Das geht über MyMuesli, wo man seinen eigenen Müsli-Geschmack produziert, bis hin zu Jovoto, wo die Leute per Crowdsourcing neue Produkte mitgestalten können, die sie hinterher selber nutzen.

The European: Welche Branchen werden Ihrer Meinung nach besonders aufgemischt?
Schiller Clausen: Es ist viel einfacher, zu sagen, welche es nicht werden. Grundsätzlich lässt sich aber festhalten, dass keine Branche vor dieser grundlegenden Umwälzung am Markt sicher ist. Alle sind betroffen. Natürlich haben wir keine Glaskugel, mit der wir in die Zukunft sehen und sagen können, was passieren wird. Wir zeigen in unserem Buch jedoch viele Branchen, in denen schon etwas passiert ist. Auf den Bankensektor kommt etwa viel zu. Für ihn wird es sicherlich auch deshalb besonders schwer, weil er über Jahrzehnte traditionell aufgestellt war. Und jetzt kommt auf einmal Crowdfunding daher.

The European: Und tut was?
Schiller Clausen: Seitdem über Seedmatch das Volocopter-Projekt 1,2 Millionen Euro erhalten hat, wissen wir, was für Summen da über den Tisch gehen können. Unternehmen in dieser Größenordnung zu fördern und die Gewinne zu kassieren, war bisher Banken vorbehalten. Dieser Intermediär wird nun hinterfragt. Vielleicht auch, weil die Leute ihr Geld nicht mehr einer Bank geben wollen, die es intransparent – vielleicht sogar in Waffen – investiert. Das ist das Interessante an Crowdfunding. Ich gebe weniger dem Projekt als vielmehr diesem Menschen das Geld. Das sind alles Prozesse, die ein Umdenken einleiten. Solche Prozesse beschleunigen sich derzeit unglaublich. Als wir anfingen, für unser Buch zu recherchieren, war Carsharing nicht mehr als eine Hypothese. Heute verändert es bereits den Markt.

„In erster Linie bin ich Mensch“

The European: Das sind Entwicklungen, die am Ende nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Gesellschaft selbst verändern.
Schiller Clausen: Ja. Was immer mitschwingt, ist nicht nur die Frage „Wie wollen wir anders wirtschaften?“, sondern auch „Wie werden wir anders arbeiten?“ Natürlich entsteht Wertschöpfung durch das, was klassisch „Arbeit“ genannt wird. Wie also wollen wir arbeiten? Das hat großen gesellschaftlichen Einfluss.

The European: Wie wirkt der sich aus?
Schiller Clausen: Diese Entwicklung gibt es bereits länger. Menschen verändern sich, das verändert ihre Arbeit, was wiederum die Menschen verändert. Meine Eltern waren typische Hippies und stehen für all das, wofür man damals eben stand. Sie haben mir auf den Weg mitgegeben, für mich selbst verantwortlich zu sein und mich frei zu entfalten. Heute sind wir wirklich mobil und können das auch umsetzen. Wir stellen uns selbst als Arbeitnehmer viel mehr in den Mittelpunkt. Ich bin nicht Arbeiter, sondern in erster Linie Mensch. Für die Gesellschaft bedeutet das, dass wir eine riesige Truppe sich selbst entfaltender Individuen haben. Klassische Lebensentwürfe, die mit der Ausbildung beginnen und dem Hauskauf enden, wird es zwar auch weiterhin geben, aber es kommen viele neue Konzepte hinzu.

The European: Alles wegen des technischen Wandels?
Schiller Clausen: Im Grunde ist es ein Kreislauf. Wir befinden uns im stetigen technologischen Weiterentwicklungsmodus. Das Internet ist nicht der Auslöser, es beschleunigt eher viele Dinge, die wir ohnehin immer wollten. Untermauert von soziologischen Thesen beschreiben wir in unserem Buch, dass all das, was gerade passiert, eigentlich eine Überlebensstrategie des Kapitalismus ist. Der hat bis heute überlebt, weil er besonders anpassungsfähig ist und immer eine Antwort auf die Kritik findet, die an ihn gestellt wird. Das System bietet die Möglichkeit, sich selbst zu verändern.

The European: Haben Sie dafür ein Beispiel?
Schiller Clausen: Die Sozialkritik: Die Arbeiterbewegung sah im Kapitalismus die Quelle für Ungerechtigkeit, Ungleichheit und egoistische Bereicherung. Dank der Neustrukturierung der Arbeitswelt und der Verbesserung der Arbeitsbedingungen – angetrieben unter anderem durch die Gewerkschaften – wurde die Sozialkritik schließlich obsolet. Nur auf die sogenannte „Künstlerkritik“ – also die behauptete Entfremdung des Menschen von sich selbst im Kapitalismus – gibt es noch keine gute Antwort.

The European: Haben Sie einen Vorschlag?
Schiller Clausen: Eine Antwort ist vielleicht die soziale Marktwirtschaft. Eine andere ist die ehrliche Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir denn arbeiten wollen. Arbeit muss so gestaltet sein, dass sie uns als Mensch, unserer Kreativität gerecht wird, dass sie uns nicht entfremdet, sondern uns näher an uns selbst bringt. Der Arbeitsutopist Frithjof Bergmann beschreibt das recht gut: „Der Kapitalismus muss uns den Platz geben, ihm so zu dienen und Wertschöpfung zu betreiben, dass wir das machen können, was wir wirklich wollen und wo wir uns als Menschen anerkannt fühlen und ausleben können.“

„Wir wollen das Thema von den Jungen und Hippen lösen“

The European: Dabei hilft das Internet?
Schiller Clausen: Ja, es fällt in diese „Künstlerkritik“ und sagt: „Ihr dürft jetzt alles machen und davon auch leben wollen.“ Sascha Lobo und Holm Friebe haben in ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“ gezeigt, dass wir das, was wir wirklich wollen, machen können und über das Internet die ganze Welt unser Markt werden kann. Geld lässt sich damit mittlerweile ja auch noch verdienen. Hier dürfen wir mit neuen Möglichkeiten experimentieren und bekommen eine Idee davon, wie wir unsere Potenziale ausschöpfen, Anerkennung generieren und langfristig unsere Arbeitswelt entsprechend weiterentwickeln können – und damit dann auch die Gesellschaft.

The European: Ihr Buch ist also mehr ein philosophischer Vorschlag.
Schiller Clausen: Leider nein. Ein Philosophiebuch will ich irgendwann auch schreiben. Aber es ist ein Buch, das neue Denkweisen in unserer Marktwirtschaft vorstellt. Diese haben wir eben zuerst in Start-ups entdeckt, auch wenn es viele andere Beispiele gibt.

The European: Ist das nicht ein bisschen zu sehr „Berlin-Mitte“ bzw. „Hamburger Schanze“?
Schiller Clausen: Das Buch ist in der Hamburger Schanze geboren worden – daher weht schon der Wind. Aber unser Buch ist auch der Versuch, das Thema von den Jungen und Hippen loszulösen. Deswegen arbeiten wir mit Beispielen wie der spätmittelalterlichen Hanse, der preußischen Armee aus dem vorletzten Jahrhundert oder Unternehmen, die weit ab vom Schuss im tiefsten Schwabenland sitzen und dort trotzdem Dinge ganz anders machen – und damit erfolgreich ihr Überleben auch in wirtschaftlich schweren Zeiten sichern können.

The European: Wie hat sich Ihre eigene Arbeitsweise im Laufe der Buchrecherche denn verändert?
Schiller Clausen: Vieles, was wir zusammengetragen haben, ist etwas, das wir nicht unbedingt am eigenen Leib aber durch andere erlebt haben. Wann funktioniert Gründen besonders gut? Was passiert eigentlich, wenn Freie, Start-ups oder Unternehmen erfolgreich sind? Wir haben versucht, das zu beschreiben und finden interessanterweise viele verschiedene mögliche Antworten. Wir finden nicht den einen Weg und sagen: „Der ist es.“ Manchmal wünsche ich mir, dass ich irgendwann mal alle neuen Möglichkeiten miteinander kombinieren und selbst ausprobieren könnte.

Lena Schiller Clausen & Christoph Giesa: New Business Order (Hanser, 2014)

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Frithjof Bergmann: „Vollbeschäftigung ist lächerlich“

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