Ich bin überzeugter Europäer. Thilo Sarrazin

„Es gibt keinen Grund für Designer-Pussies“

Sex ist allgegenwärtig – das Wissen über Sexualität und den eigenen Körper allerdings nicht. Im Gespräch mit Julia Korbik erklärt die Kommunikationswissenschaftlerin und Frauenaktivistin Laura Méritt, warum aber gerade das sexy macht.

The European: Frau Méritt, Sie gelten als „Sex-Aufklärerin“. Wir wissen doch aber alles über Sex – warum braucht man also Leute wie Sie, die uns erklären, wie es geht?
Méritt: Ich erkläre nicht, wie es geht, sondern ich biete Informationen an. Aber natürlich: Alle tun so wahnsinnig aufgeklärt und alle Zwölfjährigen haben schon Pornos geguckt. In Wirklichkeit ist das Wissen nicht so groß. Studien bestätigen das ebenso wie die Kommunikation über Sex. Nicht die oberflächliche Kommunikation in den Medien – wo vor allem von der Pornografisierung des Alltags die Rede ist – sondern die persönliche Kommunikation und Rückmeldung: Um was geht es dir? Wie können wir verhandeln? Kenne ich mich überhaupt mit meinem Körper aus?

The European: Tatsächlich scheint das Bedürfnis nach Aufklärung groß zu sein: „Make Love“, ein Aufklärungsbuch für Jugendliche, war in diesem Jahr ein riesiger Erfolg. Woher kommt das?
Méritt: Wahrscheinlich genau daher, dass das andere sehr oberflächlich ist und wir jetzt tatsächlich eine politische Zeit haben. Die Leute merken, das ist alles nicht wirklich seriös: Ich will eigentlich mehr wissen, ich will mehr in die Tiefe gehen. Viele suchen daher nach sexpositiven Bildern, nach einer sexpositiven Sprache, um dadurch ihr Verhalten ändern zu können. Denn es gibt eine extreme Pornografisierung, die sehr oberflächlich und normierend ist: Die ganze Vielfalt wird zugeschüttet. Die Menschen fühlen sich offenbar nicht mehr widergespiegelt – und das ist ja auch verständlich.

„Sexualität verändert sich, sie ist nichts Festgeschriebenes“

The European: Sie haben im Dezember 2012 das Selbsthilfebuch „Frauenkörper neu gesehen“ veröffentlicht, eine Neuauflage des Klassikers „A new view on women’s bodies“ aus den 1970er-Jahren. Wie sieht diese Selbsthilfe für Frauen konkret aus?
Méritt: Es gibt verschiedene Dimensionen. Das Kernstück des Buchs ist die Klitoris. Und zwar als Gesamtkomplex. Tatsächlich wird sie nirgendwo anders in all ihren Dimensionen dargestellt, ganzheitlich gesehen: die Schwellgewebe, die ganzen Drüsen und wie was miteinander zusammengehört. Die dazugehörigen Zeichnungen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Wirklich spektakulär ist nämlich, dass es keine Zeichnungen von der Klitoris gibt, von der erigierten schon gar nicht. Weder in der Aufklärung, noch in Anatomie-Büchern oder in der Lehre.

The European: Damit es nicht allein bei theoretischem Wissen aufgrund von Zeichnungen bleibt, gibt es auch ein Kapitel über die Selbstuntersuchung.
Méritt: Selbstuntersuchung und Selbstbeobachtung hilft. Ich kann Veränderungen feststellen, denn Sexualität verändert sich ja auch. Sie ist nichts Festgeschriebenes – aber genau dieses Bild wird vermittelt. Wenn du einmal auf etwas stehst, dann bist du auf immer festgeschrieben. Dieses Transparente, dieses Fluide, dieses Sich-verändern-Können wird nie betont, deshalb geht es in dem Buch so oft darum. An jeder Person gibt es viele Unterschiedlichkeiten, aber auch von Person zu Person. Und bei Frauen ist die Klitoris eben so unterschiedlich wie die Frauen selbst. Es gibt keinen Grund, sich Designer-Pussies zuzulegen.

The European: Warum finden viele Frauen es immer noch seltsam oder sogar ekelhaft, sich mit ihrem eigenen Körper zu beschäftigen?
Méritt: Das ist ja kein Wunder, bei den ganzen Deodoranten, bei dieser ganzen Hygiene- und Pharmaindustrie, die dahintersteckt. Das ist die gleiche Industrie, die auch Operationen anbietet …

The European: … Operationen, um die Vagina optisch zu verschönen.
Méritt: Genau. Es gibt alles Mögliche: Straffung des Gewebes und Aufspritzen des G-Punkts zum Beispiel. Schon früh wird jungen Frauen und Mädchen beigebracht, dass alles, was aus ihnen herauskommt, stinkt und unrein ist, dass man es deodorieren und darauf achten muss. Das schafft natürlich eine Distanz zu sich selbst. Es geht darum, dir Energie abzuziehen, die du woanders reinstecken könntest. Je mehr du dich mit solchen Sachen beschäftigst – dass du nicht schön bist, nicht gut riechst, nicht den Normen entsprichst – umso mehr Energie und Geld steckst du darein, etwas dagegen zu tun. Letztendlich wird die Schönheit dir weggenommen, um sie dir stückchenweise zurückzuverkaufen. Absurd! Gegen dieses Kleinhalten von Menschen und speziell Frauen muss tatsächlich mal etwas getan werden.

The European: Zum Beispiel mit einem Spekulum. In feministischen Kreisen gehörte die Selbstuntersuchung in den 1970er-Jahren dazu, man traf sich sogar in Gruppen. Was ist daran feministisch, sich als Frau selbst zu untersuchen?
Méritt: Du befähigst dich selbst. Dadurch, dass du dich selbst kennenlernst, wirst du autonom und unabhängig. Du kannst selber entscheiden, du begibst dich nicht in die Abhängigkeit von einem Arzt, sondern du traust dich, nachzufragen. Du bist aktiv an der Gestaltung deines Lebens beteiligt. Und das wirkt sich natürlich auch auf die Sexualität aus. Wenn du dich selber untersuchst und dich besser kennst, kannst du auch besser fühlen. Du siehst das und denkst: Aha, das ist also mein Körper, ja, das kann ich fühlen.

„Der Begriff ‚Jungfernhäutchen‘ ist ein Sexismus an sich“

The European: Sie haben es bereits angesprochen: Im Bereich der Sexualität spielen Zuschreibungen und Normen oft eine Rolle. In Ihrem Buch führen Sie neue Bezeichnungen für bestimmte weibliche Körperteile ein. Was genau stört Sie an den herkömmlichen Begriffen?
Méritt: Dass diese Begriffe ganz oft negativ sind. Im Falle des Jungfernhäutchens steckt sogar eine richtige Ideologie dahinter, nämlich dass Frauen Jungfrauen sein müssen, wenn sie heiraten. Das ist nicht nur ideologisch, sondern auch biologisch schlichtweg falsch: Dieses „Häutchen“ ist eigentlich eine Membrane, die gar nicht alle Frauen haben. Frauen können so einer Ideologie oder einer Kultur, für die das Jungfernhäutchen wichtig ist, gar nicht genügen und werden verurteilt. Der Begriff „Jungfernhäutchen“ ist ein Sexismus an sich. Neue Begriffe können einen positiven Zugang zum Körper schaffen.

The European: Der Sprache kommt in „Frauenkörper neu gesehen“ eine wichtige Rolle zu. Das Buch ist in geschlechtergerechter, feministischer Sprache geschrieben, diese gilt vielen als umständlich und unnötig. Warum sollte man sich überhaupt die Mühe machen, sie zu verwenden?
Méritt: Die Mühe lohnt sich auf jeden Fall, schon allein deshalb, weil sich dann alle Geschlechter angesprochen fühlen. Gerade Frauen wurden in ihrer Sexualität jahrhundertelang nicht beachtet, ihr Begehren als nicht existent begriffen. Es gibt verschiedene Varianten, geschlechtergerechte Sprache zu benutzen. Jeder kann für sich entscheiden, wie er es machen will.

The European: Und wie haben Sie es gemacht?
Méritt: Zum einen haben alle Autoren und Autorinnen im Buch eher den Plural benutzt. So wie man von „Studierenden“ spricht, so kann man sich auch an die „Lesenden“ wenden. Das ist eine Form, die sich flüssig liest. Eine sehr progressive Form ist der Unterstrich: die Leser_innen kann man auch sprechen, nämlich als Leser und Leserinnen. Und der Unterstrich umfasst noch mal alle, die sich nicht zuordnen wollen oder sich wie auch immer definieren. Es ist einfach eine Sache von Praxis: Je mehr man eine solche Art der Sprache praktiziert, umso einfacher geht es über die Lippen. So geht Sprachwandel vonstatten.

The European: Damit sich tatsächlich alle Geschlechter angesprochen fühlen, muss aber doch noch mehr passieren als ein Unterstrich.
Méritt: Die Schreibweise ist schon sehr wichtig. Der Hinweis auf verschiedene Geschlechtsidentitäten ebenso. In „Frauenkörper neu gesehen“ gibt es ein Kapitel über Geschlechtsidentitäten mit dem wir zeigen, dass wir uns bewusst sind, dass es eben nicht nur zwei Geschlechtsidentitäten gibt. Aber es geht keineswegs nur um Orientierungen oder Identitäten, sondern ebenso um Altersgruppen oder Kulturen. Da ist es wichtig, so zu schreiben, dass alle es lesen können. Außerdem dürfen auf den Bildern natürlich nicht nur junge Mädchen unter 25 abgebildet sein oder nur Weiße, nur Dünne – dann hätten wir ja die gleiche Normierung, die wir eigentlich vermeiden wollen.

„Es besteht eine Nachfrage nach sexpositiven Bildern“

The European: Gerade Pornografie wirkt heute sehr normierend. Immer wieder heißt es, unsere Gesellschaft und insbesondere die Jugend sei stark von Pornografie geprägt, nahezu durchpornografisiert. Inwiefern hat der allgegenwärtige Porno Einfluss darauf, wie wir unsere Körper sehen?
Méritt: Es gibt Studien, die den Einfluss von Pornografie auf die Gesellschaft nachweisen. Natürlich hat die Mainstream-Pornografie einen Einfluss. Bilder haben immer einen Einfluss und wir leben in einer Bilderflut, in einer visuellen Welt. Natürlich hat es einen Einfluss, wenn man in Mainstream-Pornos hauptsächlich normierte Körper sieht. Natürlich sind die alle rasiert. Nicht nur in Pornos, sondern auch in den Medien, in den Frauenmagazinen: Sekundäre Geschlechtsmerkmale sind sehr präsent, sehr rasiert, damit man sie besser sehen kann.

The European: Was ist mit dem Einfluss von Pornos auf die Art und Weise, wie wir unsere Sexualität leben?
Méritt: Man kann immer sagen: Sexualität in Pornos ist inszeniert. Trotzdem hat diese Art der Sexualität einen Einfluss, wenn sie das Einzige ist, was ich sehe. Und der Mainstream-Porno ist sehr normiert, sehr konservativ, sehr sexistisch und rassistisch. Wenn ich beispielsweise behaarte Frauen sehen will, muss ich die Fetisch-Gruppe „behaarte Frauen“ wählen – das ist absurd!

The European: Wir sind von Porno und Sex umgeben, richtigen Sex haben wir dann aber gar nicht so viel. „Oversexed and underfucked“.
Méritt: Ich bin nicht ganz dieser Meinung, „oversexed and underfucked“ ist ja auch nur so ein Spruch. Was heißt denn bitte „underfucked“? Was ist denn Sex? Wie wird das definiert? Im Mainstream bedeutet Sex immer noch Penetration – aber was ist mit der Sexualität mit mir selbst? Da darf man also durchaus fragen: Welche Sexualität meinst du überhaupt? „Oversexed“ ist es aber auf jeden Fall. Das, was uns vermittelt wird an ständiger Bereitschaft, Lust, Sexappeal und erotischem Kapital, ist viel mehr, als wir überhaupt leisten können.

The European: Sie sehen Porno allerdings nicht nur negativ. Als Vertreterin der „PorYes“-Bewegung positionieren Sie sich gegen Alice Schwarzers „PorNo“-Kampagne. Worum geht es Ihnen dabei?
Méritt: Die sexpositive „PorYes“-Bewegung ist eigentlich sehr alt, denn sie basiert auf dem in den 1970ern begründeten sexpositiven Feminismus. Schon damals war das Ziel, einen positiven Zugang zu Sexualität zu schaffen – aus dem Bewusstsein heraus, dass der Mainstream-Porno sexistisch, rassistisch und degradierend für Menschen ist. Genau darum geht es uns heute auch. Allerdings erweitern wir das Ganze noch mal um die Gender-Palette, immerhin sind 40 Jahre vergangen und man darf noch mal bewusster an die Sache rangehen.

The European: Aber auch wenn Mainstream-Pornografie sexistisch ist und nur Stereotype zeigt – die Nachfrage nach solcher Art von Pornografie scheint doch da zu sein.
Méritt: Noch. Großflächige Studien belegen jedoch, dass die Leute sehr sensibel für Sexismus und Rassismus sind. Es besteht eine Nachfrage nach sexpositiven Bildern: Die Leute wollen etwas anderes, nicht den sexistischen Mist, der sonst geboten wird. Deswegen geht die Porno-Industrie ja den Bach runter: Nicht nur, weil die technologischen Mittel andere sind und im Internet jeder mögliche Sex zu sehen ist. Sondern auch, weil die Leute etwas anderes wollen – positive Sexualität – und es in dem ganzen Gespritze nicht gleich finden. Deswegen ist es so wichtig, sexpositives Wissen zu transportieren und klarzumachen: Hier gibt es das, hier findest du das. So erklärt sich der Erfolg von Büchern und Filmen, die einfach mal anders gemacht sind.

„Ich will auch mal Licht und Schatten, andere Körper“

The European: Was macht für Sie einen guten Porno aus?
Méritt: Es gibt drei Grundkriterien. Das erste: Sexualität darf zu sehen sein, auch von den Frauen und die Sexualität der Männer gerne auch mal anders als sonst. Das zweite: Vielfalt. Die Kamera darf auch eine andere Einstellung haben als nur die genitale. Ich möchte nicht dieses synchronisierte Gestöhne haben. Ich will auch mal Licht und Schatten, andere Körper. Es darf auch mal eine Emotion dabei sein, wie zum Beispiel das Küssen nach dem Sex. Das heißt aber nicht, dass in einem einzigen Film all das drin sein muss! Das dritte: faire Arbeitsbedingungen. Abgesehen davon habe ich nichts dagegen, dass mal Klischees zu sehen sind. Aber dann bitte nur in einem Film!

The European: Sie veranstalten regelmäßig Seminare, Workshops und Lesungen zu Sex und Sexualität. Was für Menschen kommen zu diesen Veranstaltungen?
Méritt: Die Leute wollen wirklich wissen: Wie ist das denn jetzt? Eben weil das Wissen nicht da ist! In den Workshops oder Einzelmassagen geht es darum, einzelnen Leuten oder Pärchen Anleitung zu geben, z.B.: Wie fühle ich das? Wie merke ich das überhaupt? In der Gruppe ist es natürlich immer spannender, weil man dann gleich die Unterschiedlichkeiten mitkriegt: Das ist bei anderen anders, das fühlt sich anders an. Es ist ja auch unterschiedliches Wissen da. Und dieser Austausch, darum geht es letztendlich immer. Austausch befähigt dich zu einer eigenen Meinung, befähigt dich, selbst zu handeln. Aber Wissen muss vermittelt werden. Wissen macht sexy, das ist meine Devise.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Klaus Wowereit: „Die Katholiken müssen mit antiquierten Werten aufräumen“

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