Ich bin über mich selbst erschrocken, dass ich einen so schlimmen Fehler gemacht habe. Margot Käßmann

Gemeinsam unglücklich

Machen zu viele Informationen und Netzwerke uns unglücklich? Sicherlich hilft es nicht, deswegen zu verzweifeln.

Für ihre internationalen Gäste hatten sich die Veranstalter der Münchener DLD-Konferenz etwas Besonderes ausgedacht und servierten ausschließlich bayerische Speisen. So war es nahezu abzusehen, dass mir das Geheimnis des ewigen Glückes ausgerechnet neben einer Schale Wurstsalat erklärt wurde.

Ich stand am Buffet, als sich mir ein Wissenschaftler vorstellte: Baseballcap, Dreitagebart und ein Funkeln in den Augen, als er über die Quelle der menschlichen Freude berichtete. „Studien haben zwar immer wieder gezeigt, dass Menschen einen gewissen Grad an Zufriedenheit und Glück erreichen können, anschließend aber nicht messbar glücklicher werden“, sagte er. „Wir haben festgestellt, dass ein kleiner Prozentsatz der Menschen diese Grenze nicht zu kennen scheint und einfach immer glücklicher wird. Im Gehirnscanner zeigte sich, wie das Gehirn verändert werden muss, damit diese Grenze bei allen Menschen beseitigt werden kann.“ „Haben Sie es ausprobiert?“, fragte ich ihn. „Sicherlich, ich bin ein äußert glücklicher Mensch“, erwiderte er und biss in eine Brezel.

Das Streben nach Glück

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob seine Forschungsarbeit tatsächlich Hand und Fuß hat. Bis dahin passten die Äußerungen jedoch perfekt in ein Bild, welches sich mir seit Wochen mehr und mehr aufdrängt: Die Menschen sind in Westeuropa nicht so recht zufrieden. Depressionen, Burn-out treten trotz allen Wohlstandes überwiegend in der westlichen Welt auf – und wir wissen nicht genau, warum. Was das Glück anbelangt, scheint es Luft nach oben zu geben.

Als neusten Verursacher dieses Paradoxes wurde nun das Internet auserkoren, insbesondere soziale Netzwerke – die eigentlich das zwischenmenschliche Leben vereinfachen sollten – gelten gar zunehmend als schädlich. Studien stellen fest, dass Menschen mit niedrigem Selbstbewusstsein von sozialen Netzwerken noch introvertierter werden, dass wir die Leben unserer Kontakte in sozialen Netzwerken völlig verklären und uns zudem laufend sorgen um eine möglichst repräsentative Außendarstellung. Der Fluch scheint klar: Mehr soziale Interaktion führt auch zu mehr Selbstzweifel und damit langfristig zu weniger Glück.

Gleichzeitig hinterfragen Wissenschaftler die langfristigen Folgen des Internets auf unser Gehirn. Kürzlich sprach ich mit dem Autor Nicholas Carr über diese Phänomen und er fand es schwierig, die Vor- und Nachteile des Internets gegeneinander abzuwägen: Wir haben mehr Informationen zur Verfügung, gleichzeitig werden wir jedoch von all diesen Eindrücken zunehmend abgelenkt, verlieren den Überblick und fühlen uns von der Datenflut überschwemmt. Die Kapazitäten des Gehirns sind begrenzt – so der schwedische Neurologe Torkel Klingberg – weswegen zu große Mengen an unwichtigen Daten zu Depressionen führen.

Eine Besessenheit

Wem es schwerfällt, dabei optimistisch zu bleiben, dem sei ein Interview mit Shimon Edelman empfohlen: Im Gespräch mit Salon.com erklärt der Autor und Neurologe einige der Gehirnprozesse, die das Glücksgefühl verursachen. Um seine wichtigste Aussage zu verstehen, braucht es allerdings kaum Hintergrundwissen:

Wenn Sie sich laufend um Ihr Glück Gedanken machen, dann ist es bereits kontraproduktiv und kann mit Recht als Obsession bezeichnet werden. Besessenheit ist niemals gut und wird Sie sicher nicht glücklicher machen.

Was es also auch ist, dass uns die Freude raubt – ewig darüber nachzudenken ist in der Zwischenzeit sicherlich keine Lösung des Problems.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 10.02.2012 - 17:54

    Glück hat (auch ideengeschichtlich) immer mit gelingendem Leben zu tun. Damit ist der Verweis auf´s Praktische gegeben. Und dies gilt vermutlich für die Allermeisten.
    Das Problem an virtuellen Realitäten (die es nicht erst seit 20A / dem Internet gibt) ist, dass sie eigentlich keine Lebenswirklichkeit haben.
    Insofern gilt, was L.Mensel oben sagt (“Mehr soziale Interaktion führt auch zu mehr Selbstzweifel und damit langfristig zu weniger Glück.”) in Bezug auf virtuelle Realität. Soziale Realität bedarf physischer Lebendigkeit, um Teil eines Weges zum Glück sein zu können.
    Kurz: Face-book-freunde können nur wirkliche Freunde werden, wenn man sie auch wirklich trifft. Der `gefällt-mir-Klick´ simuliert eben nur ein virtuelles Subjekt, das wirkliche Subjekt kann sich davon nicht ernähren. Es kann dies genauso wenig wie ein Bild einer Kartoffel satt macht.

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