Der Raubtierkapitalismus muss gefüttert werden. Jean Ziegler

Zeigt uns die Innovationen!

Stillstand statt Fortschritt. Sind unserer Gesellschaft die Ideen ausgegangen?

„Hat irgendeine Erfindung der letzten drei Jahre euer Leben verändert?“ Es ist ein Donnerstagabend in Berlin, das „kleine Wochenende“, und in unserer Runde herrscht auf die Frage plötzlich Ratlosigkeit.

Gerade hatten wir uns über ein neues soziales Netzwerk unterhalten, und eine Freundin bemerkt, dass Facebook „seit drei Jahren nicht mehr cool“ sei. Der vermeintliche Ersatz war bei näherem Hinsehen aber doch recht gewöhnlich. War es das schon mit der Innovation? Ein soziales Netzwerk nach dem anderen? Nichts Lebensveränderndes? Wir trinken schweigend unser Bier.

Tatsächlich entpuppen sich viele „neue“ Ideen der vergangenen Jahre als alte Ideen in neuer Verpackung, bestehende Geschäftsmodelle mit Internetanbindung. Das viel diskutierte Start-up Uber wird nicht von der Taxi-Lobby bekämpft, weil es eine neue Form von Transport erfunden hat – sondern weil es zu nahe am Bestehenden ist, sich aber nicht an die Spielregeln einer Branche hält, zu der es zweifelsfrei gehört.

Gleichzeitig hat das neue Jahrtausend mit so viel Schwung begonnen, dass es uns schlicht verwöhnt hat: Wir bekamen mobiles Internet und nahtlose Kommunikation. Die Welt wuchs zusammen und wir zuckten mit den Schultern. Schlimmer noch: Weil alles wie von selbst passierte, haben wir uns in der neuen Realität gemütlich eingerichtet, die Innovationen derweil wegdelegiert: Wir liken und teilen, andere erfinden. Und wenn der Quell der Innovation versiegt, wir nicht laufend von neuen Produkten und „disruptiven“ Geschäftsmodellen überrascht werden, starren wir auf den Boden unserer Biergläser und fragen uns, was eigentlich los ist.

Politiker, Bullshitter und Ideologen

Vielleicht stellen wir aber auch einfach die falschen Fragen. „Politiker, Bullshitter und Ideologen haben die Idee des gesellschaftlichen Wandels zugunsten des technischen Wandels aufgegeben“, schreibt der „Atlantic“-Autor Alexis Madrigal. „Sie haben uns davon überzeugt, dass Maschinen und Großkonzerne die Zukunft gestalten werden, nicht Menschen und Ideen.“

Gut möglich also, dass das Starren auf Smartphones und Bildschirme unseren Blick für das getrübt hat, was unsere Welt historisch vorangebracht hat: Menschen, die nicht bloß darüber nachdenken, wie die Welt ist und wie man ihre bestehenden Elemente zu möglichst effizienten Taxidiensten zusammensetzt. Sondern Menschen, die davon angetrieben werden, die bestehenden Elemente über den Haufen zu werfen, um etwas völlig Neues zu schaffen. Das Autofahren selbst infrage zu stellen. Oder die Notwendigkeit dafür.

Am gravierendsten finde ich, dass wir augenscheinlich das Bewusstsein dafür verloren haben, selbst einer dieser Menschen sein zu können.

Vielleicht sucht Madrigal die Schuld also bei den Falschen. Sind es wirklich die „Bullshitter und Ideologen“ und nicht wir selbst, die derart abhängig von der Technologie geworden sind, dass wir jede Art von Innovation nur noch in Form von Technik erwarten? Zweifellos hat er aber recht, dass Wandel aus einer Gesellschaft entstehen sollte, anstatt von oben zu kommen.

Also: Wann hatten Sie zuletzt eine Idee, die Ihr Leben verändert hat?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lars Mensel: Schuldige Opfer

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