Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen. Helmut Schmidt

Kein Platz für Zwischenhändler

Der Weg zum Ziel muss nicht immer über die Suchmaschine gehen – besonders wenn sich das Gesuchte dort ohnehin nicht befindet.

Google+ ist tot, tönt es hämisch von Slate.com zu uns herüber das mit großen Ambitionen gestartete Netzwerk des Suchgiganten habe eine zu geringe Nutzerbasis und werde in spätestens zwei Jahren “von seinen Qualen befreit” werden. Das sind drastische Worte, aber kann man es dem Autoren verdenken? Bislang erfüllt Google+ kaum eine Funktion, die nicht auch auf anderen Seiten replizierbar wäre. Sollte das Netzwerk scheitern, so wäre das die bisher wohl spektakulärste Niederlage von Google, doch für die Firma zu verschmerzen, die ihr Geld ohnehin mit der Suche verdient.

Etwas anderes als die Suchmaschine

Umso ironischer, dass Google im Bereich Suche zwar ein Monopol aufweist, doch im sozialen Web die Fehler seiner Konkurrenten zu machen scheint. Diese beißen sich schließlich seit Jahren die Zähne an einer Alternative zur Suchmaschine aus und verbrennen damit Unsummen von Geld: Der Betrieb von Bing kostet Microsoft ca. 1 Milliarde Dollar pro Quartal. Ein stolzer Preis für ein Alternativprodukt mit nahezu identischen Funktionen. Was wäre, wenn statt einer neuen Suchmaschine aber etwas anderes an ihre Stelle treten würde?

In einem kürzlich von Microsoft veröffentlichen Konzeptvideo sieht unsere Zukunft so aus wie der Film “Minority Report”. Doch zwischen der ungeheuer fortschrittlichen und omnipräsenten Technologie werden wir laut der Vision den Großteil unser Zeit mit dem Organisieren von Terminen verbringen. Selbst mit transparenten Displays ist das auf die Dauer sehr mühselig. Wie wäre es also, statt neuen Displays lieber das Problem der manuellen Kalenderverwaltung zu lösen? Es ist dieser Denkfehler, der tatsächlicher Innovation noch immer im Wege steht und der immer gleiche Produkte hervorbringt.

Suchen im Hintergrund

Ebenso fraglich ist also auch die ewige Dominanz der Suchmaschine zum Finden von Daten jeglicher Art. Nicht nur lassen sich viele Suchanfrage nicht mehr in Textform ausdrücken, auch kann die Suchmaschine ein Hindernis auf dem Weg zum Ziel darstellen. Sicher – sie zeigt zahllose Suchergebnisse, doch geklickt werden nur die ersten in der Liste. Apples neue Sprachsteuerung macht bereits vor, was Google langfristig Probleme bereiten könnten – eine Suche verläuft im Hintergrund und statt Präsentation einer Trefferliste wird sogleich ein Ergebnis angezeigt – eine Karte des Suchortes, eine Liste von Restaurants in Yelp. Google bleibt dabei auf der Strecke und wird wenig begeistert sein.

Statt mit Produkten wie Google+ eine verzweifelte Kopie zu schaffen, sollte der Konzern (genauso wie andere) lieber für eine natürlichere Art der Interaktion im Netz sorgen. Soziale Netzwerke sind überall – und doch gibt es an ihnen noch viele Stellschrauben, die ihre Benutzung vereinfachen und ihre Reichweite erhöhen könnten. Das bewies unlängst die Aufnahme von Orten als Interaktionskriterium, ein Feature das Google+ bis heute nicht vorzuweisen hat. Nur eine Veränderung des Status quo kann im heutigen Internet noch die Menschen begeistern – ausgerechnet Firmen, die den Markt durch ihre Innovation prägten, sollten so etwas merken.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Matthias – 10.11.2011 - 12:38

    Google+ fehlt ganz klar die Event-Funktion

  • Theeuropean-placeholder
    Fabian – 10.11.2011 - 16:28

    Erinnert mich sehr stark an diesen alten Artikel von Farid Kalirad http://faridkalirad.posterous.com/warum-google-besser-ist-als-facebook-aber-let

  • Theeuropean-placeholder
    P. – 10.11.2011 - 17:27

    Obowhl ich dem Inhalt des Artikels im Allgemeinen zustimmen muss, so stimmt die Schlussfolgerung des Autors nur bedingt. Das Bedienen der Google-Suche ist bereits seit Jahren mittels Spracherkennung möglich, auch die Sprachsuche konnte mein Android-Handy schon vor einem Jahr. Im Gegensatz zu Siri kann ich mit ihr zwar nicht so “frei” sprechen, dies ist aber – meiner Meinung nach – überhaupt nicht erforderlich. Auch bevorzuge ich eine Ergebnisliste, da ich mir lieber selbst ein Bild mache, als dem “System zu vertrauen”.
    Wie dem auch sei, der Autor sollte sich, bevor er solch einen Artikel schreibt, besser über das Angebot von Google informieren, denn der Such-Gigant hat sehrwohl innovative Techniken und Zugänge parat, insbesondere in seinem Kerngebiet: der Suche.

  • Theeuropean-placeholder
    ?-Student – 11.11.2011 - 14:06

    Hat Facebook nicht selbst nur kopiert und ist jetzt auf dem Weg ein eigenes Internet zu werden? In der Formel für eine Internet-Errungenschaft spielen, denke ich, nicht nur rationale Fortschritte und Innovationen eine Rolle… Hier ist glaube ich kein volkommen rationales Kriterium sinnvoll.
    Bsp: Studi- und SchuelerVZ sind ja nicht untergegangen weil sie objektiv gesehen schlechter waren.
    Zudem stellt sich die Frage, wonach man bewertet: Rentabilität oder Pioniertum?

  • Theeuropean-placeholder
    Blinkfeuer – 13.11.2011 - 00:36

    Habe gestern, beim Suchen mich zwar von den Giganten abgekoppelt, erfahren, ein Projekt…ja ja, der EU, “Trusted Shops”, wird auch unternehmerfreundlich weichgespült. Es muss der Shop nichts mehr versichern, es reicht nun ein Fanclub. Das ist EU: Unternehmerunion, Währungsunion; aber asozialer Club. (Und hier: hellgrau ´auf weiß…. alle krank?)

Aus der Kolumne

Dieses Internet

Facebook-Börsengang

Facebook_dollar

Anscheinend kann ein soziales Netzwerk schwindelerregende Mengen Geld wert sein. Diese Tatsache demonstriert jedoch, dass wir aus den vergangenen Jahren herzlich wenig gelernt haben.

Dsc_0372
von Lars Mensel
18.05.2012

Werbung im Internet

Martin-kingsley-tastatur-paid-content-dollar 2

Die Gratiskultur im Netz steht sich selbst im Weg – anstatt Reklame zu ertragen, sollten wir für gute Produkte zahlen können.

Dsc_0372
von Lars Mensel
10.05.2012

Gerichtsurteil zu Youtube und GEMA

Gema 2

Für deutsche Nutzer muss Youtube weiter Videos blockieren. Das Urteil mag Sinn ergeben – die Haltung der GEMA tut es nicht.

Dsc_0372
von Lars Mensel
21.04.2012

Mehr zum Thema: Google-plus, Interaktivitaet, Suchmaschine

Kolumne

  • 5

    Facebook ist ein Gefängnis ohne Mauer: Theoretisch kann jeder sich dem sozialen Netzwerk verweigern. Praktisch ist Facebook als Dreh- und Angelpunkt unseres Soziallebens inzwischen alternativlos. weiterlesen

Dsc_0372
von Lars Mensel
29.09.2011

Kolumne

Gunnar_sohn
von Gunnar Sohn
25.07.2011

Kolumne

Presseschauer
von Der Presseschauer
24.07.2011
meistgelesen / meistkommentiert