Sag mir nicht, Wandel sei unmöglich. Barack Obama

Sprich mit mir

Eine Kolumne über Sprachsteuerung am Schreibtisch zu tippen, klingt hoffnungslos rückwärtsgewandt. Hier kommt Journalismus to go.

Sprich mit mir by The European

In einem riskanten Selbstversuch entstand die heutige Kolumne während einer Fahrradfahrt durch Berlin-Mitte. Denn wenn man Apple Glauben schenken kann, gehört zur Zukunft die Kommunikation mit unseren Geräten, anstatt still und leise in der U-Bahn vor uns hinzutippen. In Momenten, wenn wir eigentlich mit etwas völlig anderem beschäftigt sind, soll Spracherkennung zum fehlenden Puzzleteil werden, mit der das Handy auch semantische Befehle wie „Brauche ich einen Regenschirm?“ verstehen und beantworten kann. Wie sich das anfühlen mag? Zeit für einen Praxistest.

Es gibt Nachholbedarf

Der Traum, von einem Computer verstanden zu werden, ist ebenso faszinierend wie er alt ist: Bereits in Stanley Kubricks „2001 Odyssee im Weltraum“ sprechen Astronauten mit einem zunehmend neurotischen Computer, der sie nahezu ins Verderben führt. Was uns die Astronauten in Kubricks Film voraushaben, war die Akzeptanz der Sprachsteuerung. Denn nicht nur muss einen heutzutage der Computer verstehen, sondern vor allem unsere Mitmenschen, wenn wir mitten in der Stadt beginnen, unser Mobiltelefon nach einem Regenschirm zu fragen.

Apples Vision ist – wie immer – eleganter präsentiert: Ein Jogger rennt in voller Montur durchs morgendliche San Francisco. Er holt tief Atem und gibt seinem Mobiltelefon den Befehl, ein Meeting zu verlegen. Das Telefon informiert ihn über einen anderen Termin zu dieser Zeit und der Jogger lächelt und läuft aus dem Bild. Dabei geht es aber um mehr als Termine: Technologie soll durch Spracherkennung einen Lebensbereich durchdringen, in dem bis dato eine Bedienung des Gerätes schlichtweg nicht möglich war. Spracherkennung schweißt uns und unsere Geräte enger zusammen.

Engagierte Selbstgespräche

In der Zwischenzeit ist allerdings eine gewaltige Umgewöhnung nötig. Dabei werden regionale Dialekte sicherlich eins der großen Hindernisse darstellen, an dem sich Comedians dieses und anderer Länder abarbeiten können. Wie der Selbstversuch ergab, ist es sehr befremdlich, in der Öffentlichkeit auf das Handy einzureden: Man fühlt sich zurückversetzt in die frühen 2000er-Jahre, als Manager mit Bluetooth-Headsets den Eindruck erweckten, sehr engagierte Selbstgespräche zu führen. In Berlin ist es weiß Gott nichts Seltenes, wenn Menschen im öffentlichen Raum am liebsten mit sich selbst sprechen. Mit dem Fahrrad an der Ampel zu halten und den Wecker zu stellen, erntet dennoch seltsame Blicke, wie ich ohne große Überraschung feststellte.

Wichtiger sind jedoch die Implikationen, wenn in jedem letzten Moment mit dem Handy interagiert werden kann. Gerade dieses Hindernis der Bedienung erlaubte uns noch ein wenig Ruhe vor der Datenflut aus E-Mail-Benachrichtigungen und eingehenden Tweets. Sind es nicht gerade die Momente, in denen man mit etwas völlig anderem beschäftigt ist, die einem Zeit zum Nachdenken geben und man aus gutem Grund nicht auf E-Mails antwortet? Von der Konzentration beim Joggen rund um die Golden Gate Bridge ganz zu schweigen, ich muss bei meiner Fahrt unwillkürlich an den Sony Walkman denken, bei dessen Kauf besorgte Eltern sofort grässliche Fahrradunfälle ihrer Kinder vor Augen hatten.

Wie konservativ!

Zudem gibt es besonders in Städten ein ungeschriebenes Gesetz des persönlichen Raumes, den man durch Abstand voneinander aufrechterhält. Eine Missachtung dieser Regel, wie es in einer vollen U-Bahn gang und gäbe ist, fühlt sich nicht ohne Grund seltsam an. Dort also seine Termine einem Handy zu diktieren, rüttelt gehörig am individuellen Grenzzaun. Umso paradoxer, dass Menschen im Fahrstuhl lieber kollektiv zu Boden schauen, sich im Nahverkehr lieber anschweigen und per Smartphone im eigenen Mikrokosmos abtauchen, anstatt miteinander zu kommunizieren.

Ich fühle mich bei solchen Gedanken automatisch sehr konservativ und muss an die Worte von Douglas Adams denken, der schrieb, alle zu einem gewissen Lebensabschnitt erfundenen Neuerungen fühlten sich an wie das Ende des Abendlandes – bis sie sich als doch ganz praktisch herausstellten.

Auch von der Spracherkennung lasse ich mich gerne überzeugen. Bis dahin schreibe ich Kolumnen dennoch lieber klassisch am Schreibtisch.

Anmerkung: Diese Kolumne entstand vor der Meldung über Steve Jobs Tod.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Lars Mensel: Zeigt uns die Innovationen!

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