Tue mehr von dem, was funktioniert – und weniger von dem anderen. Jimmy Wales

Wo gehobelt wird, fallen Späne

Von vielen Seiten wird dieser Tage das Ende des klassischen Computers eingeläutet. Das klingt nach schöner neuer Welt – und nach vielen möglichen Irrwegen.

Es sei jedem verziehen, der den Begriff “Post-PC Zeitalter” bereits jetzt für ähnlich nichtssagend hält, wie unlängst das Schlagwort “Web 2.0”. Post-PC, das klingt nach Paradigmenwechsel, nach Revolution und damit subtil nach etwas, das man nicht verpassen darf – denn im Umkehrschluss ist alles andere Pre-PC und damit automatisch Schnee von gestern. Dass dieser Tage von allen Seiten immer wieder ein neues Zeitalter der Interaktion mit Geräten, ein Ende des klassischen PCs ausgerufen wird, ist hingegen ein wenig zu hoch gegriffen – denn bisher herrscht noch nicht so recht Einigkeit darüber, wohin uns dieses schöne neue Zeitalter eigentlich führen soll.

It’s the End of the World as We Know It

Wenn also das “Post-PC Zeitalter” bemüht wird, dann bedeutet das zunächst nichts anderes als die Abkehr von ewig gleichen Computern, einem Wechsel zu neuer Bedienung. Unsere ordentliche Welt der Dateisysteme bricht an den Rändern auseinander – denn so effektiv sie auch oft war, in vielerlei Hinsicht war sie mit Problemen behaftet. Nicht umsonst können die Großväter der Republik ein iPad bedienen, obgleich sie vorher am gemeinen Handy verzweifelten. Das iPad ermöglichte eine direkte Interaktion mit den Daten, Kontakten, Nachrichten. Keine Ordner, keine Dateisysteme, keine Probleme. Und während wir kollektiv die Hände überm Kopf zusammenschlugen und uns fragten, wie wir denn nun unsere Spreadsheets verwalten sollten, zuckten die Großväter mit den Schultern. Wer möchte schon etwas komplizierteres?

Nun ist es diese Unmittelbarkeit im Umgang mit Daten, die das Ende unsere bisherigen Denkweise über Computer einläuten soll. Paradoxerweise bedeutet das neue Zeitalter jedoch auch einen neuen Glaubenskrieg zwischen den führenden Innovateuren unserer Zeit. Diese Woche zeigte Microsoft mehr von dem zukünftigen Windows, ein echtes Hybrid: Das System wird für einen Tablet-Computer optimiert, bietet jedoch auf Wunsch die Möglichkeit, eine Maus und Tastatur anzuschließen und zur jetzigen Ansicht zurückzukehren, in der man nach Herzenslust Spreadsheets befüllen kann. Dass dieser Wechsel der Benutzeroberflächen überhaupt nötig ist, zeigt: Genau wie zwischen der Maus und der Touchscreenbedienung Welten liegen, klafft noch eine große Kluft zwischen alter und neuer Bedienungswelt.

Abstrakter! Noch abstrakter!

Dabei braucht man sich weniger auf die Details zu konzentrieren als auf die Grundkonzeption. Obwohl sie mit Android ein wenig vom Kurs abweichen, sieht Google die Zukunft der Anwendungen primär auf ihren Servern und damit im Browser. Apple und Microsoft hingegen sehen sie in Form von Apps auf ihren jeweiligen Betriebssystemen, einhergehend mit Vereinfachung und einer Vordergründigkeit der Inhalte.

Was all diese Projekte gemeinsam haben, ist ihre Abstraktion vom bisherigen Standard, denn selbst Google schafft das Dateisystem still und heimlich ab. Mit dieser Abstraktion steigt allerdings auch die Gefahr, dass die Visionäre sich verrennen: Denn wenn Firmen kuriose Ideen erdenken, bei denen der PC zum Tablet und das Tablet zum PC wird, muss man zwangsweise an die sprichwörtliche eierlegende Wollmilchsau denken.

Manchmal ist es besser, lieber mehrere Geräte zu haben, die eine Sache sehr gut erledigen, als ein Produkt, dessen hilfloses Festhalten an beiden Extremen der Bedienungswelt zu nichts als Kompromissen führt. So gern man also ein neues Zeitalter der Einfachheit ausrufen möchte, werden noch viele Ideen ihr Leben lassen müssen.

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