Glaube oder philosophische Argumente können Sie nicht durch Experimente überprüfen. Rolf-Dieter Heuer

Vergiss mein nicht

Wie viel kann man mithilfe der Reaktionen im Internet über die Stimmung in einem Land lernen? Ein Experiment anhand der Randale in England.

Nie werde ich vergessen, wie ich 2005 von den Anschlägen in London hörte. Zu dem Zeitpunkt machte ich Urlaub in den USA und mein Gastgeber stand morgens im Türrahmen, um mich mit den Worten „Europe is being bombed“ zu wecken. Die derzeitigen Ausschreitungen sind zwar anderer Natur, aber Spiegel Online kommentierte sie – gewohnt nüchtern – in ähnlicher Tonalität: „Tottenham brennt“. Versucht man die Reaktion der Engländer von hier aus zu verstehen, so erkennt man zunächst ungeahnten Pragmatismus: Ein Blick in die Rubrik Sport & Freizeit des Versandhauses Amazon offenbarte, dass Schlagstöcke und Baseballschläger flugs an die Spitze der Verkaufscharts gestürmt waren.

Das Netz als Spiegel der Reaktionen

Diese Beobachtung mag nur ein kleines Beispiel sein, doch ist sie nicht das Einzige, an dem man in einem unerwarteten Winkel des Internets erkennt, wie sich die Stimmung im Land manifestiert. Unsere Zeitungen weisen zwar ordnungsgemäß darauf hin, die randalierende Jugend verständigte sich über Twitter und Facebook, doch der Mehrwert dieser Information ist klein. Nicht ohne Grund wurde schon früher drauf verzichtet, bei Protesten darauf hinzuweisen, dass die Jugend sich zwecks Organisation des Telefons bediente.
Wirkliche Einsicht gibt daher erst ein Blick, der über die Berichterstattung von solchen Selbstverständlichkeiten hinausgeht – wie die Aktion jener Engländer, die statt zu plündern lieber mithilfe einer Broom Brigade hinter dem Mob herkehren. Dann ist da der Ton, mit dem diesen Ausschreitungen begegnet wird: Wir lesen weniger über Angst, sondern primär über das Unverständnis ob der Taten und von Entrüstung darüber, wie viel Gewalt eingesetzt wird. Begleitet wird dies von reinem Hohn auf Twitter: “The Youth of the Middle East rise up for basic freedoms. The Youth of London rise up for a HD ready 42” Plasma TV #londonriots." Von einer gesellschaftlichen Akzeptanz für die Ausschreitungen, welche sich angeblich gegen die sozialen Missstände und die Arbeitslosigkeit richten, kann man also nicht sprechen.

Daher sind die cleversten Reaktionen solche, die den Spieß umdrehen und ihrerseits Gerechtigkeit fordern. So entstand im Netz eine Initiative zum Identifizieren der Vandalen. In den Medien gab es genug Fotos der Randalierer, anhand derer manche Briten nun versuchen, die Identität der Hooligans zu klären: Sobald mehrere User die gleiche Person auf einem Bild erkannt und markiert haben, gibt die Initiative deren Namen an die Polizei weiter – ein interessantes Beispiel dafür, wie Bürger in Zeiten der Vernetzung Aufgaben übernehmen, die die Polizei schon allein personell nicht bewältigen könnte.

Wer bleibt schon noch anonym?

Andererseits gibt einem diese Reaktion auch zu denken. Salopp gefragt: Wenn man nicht einmal mehr mit Skimaske einen Laden plündern kann, ohne anschließend im Internet zu landen, was bedeutet das dann für den Normalbürger? In Deutschland gab es vor wenigen Wochen einen Aufschrei, als Facebook die Gesichtserkennung einführte, um damit das Vertaggen von Fotos zu erleichtern. Eric Schmidt, nicht gerade für zurückhaltende Äußerungen bekannt, gab unlängst zu bedenken, dass er diese Technologie selbst für zu gefährlich halte, um sie für die Öffentlichkeit freizugeben. Und als ein Foto vom Glastonbury-Festival mit Tausenden von Menschen zur Vertaggung freigegeben wurde, war der Grundtenor auch eher verschreckt. Die aktuellen Ergebnisse in England zeigen: Eine Gesichtserkennung ist im Zweifelsfall gar nicht mehr nötig. Bei bereitwilliger Nutzung von sozialen Netzwerken durch Tausende von Usern ist sie sogar geradezu überflüssig. Wenn in England also eine entrüstete Öffentlichkeit die Randalierer im Netz öffentlich anprangert – ist das Zivilcourage oder auf lange Sicht ein gefährliches Zeichen?

Leserbriefe

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