Herr Stoiber könnte als Außenminister nicht einmal Frieden mit Österreich halten. Guido Westerwelle

Verlieren, verstecken, vergessen, verzeih’n

Augen auf beim Netzgebrauch: denn was dort erst mal steht, geht so schnell nicht wieder weg. Was können wir also von den neusten Skandalen lernen?

Silvio Berlusconi, Dominique Strauss-Kahn, Arnold Schwarzenegger, Anthony Weiner. Die Liste der Skandale gewann dieses Jahr bereits eindrucksvoll an Prominenz. All diesen Männern wurde ihr Verhalten zum Verhängnis – angefangen bei Berlusconis schwindener Popularität bis hin zu Strauss-Kahn, der ein luxuriöses Hotelzimmer gegen die Untersuchungshaft eintauschte. Und dennoch leistete sich der US-Abgeordnete Weiner den wohl kontroversesten Skandal, als er versehentlich ein Foto seiner Unterhose „mit verdächtiger Ausbeulung“ über Twitter öffentlich machte. Als er es wieder gelöscht hatte, war es bereits zu spät und so dementierte Weiner erst alles, schob es dann auf Hacker und trat wenig später ordnungsgemäß zurück. Dabei hatte er weder Orgien mit Minderjährigen gefeiert, noch angeblich eine Hotelangestellte vergewaltigt oder jahrelang einen unehelichen Sohn verschwiegen. Seinen Job kostete ihn das Internet.

Vergessen wird nichts

Ganz offensichtlich fällt die Kontrolle über die eigenen Internetaktivitäten auch 2011 noch immer schwer. Man denke nur an die Geburtstagsfeier von Thessa aus Hamburg, deren Einladung bei Facebook öffentlich war und zu der letztlich 1.500 Spaßvögel anrückten, inklusive Polizeieinsatz. Oder die Auswirkungen des fragwürdigen Trends „Planking“, bei dem Menschen sich flach auf die unmöglichsten Objekte legen, um davon Fotos ins Internet zu stellen. In Australien verloren mehrere Angestellte eines Supermarktes ihren Job, nachdem sie nicht einmal vor dem Planken auf der Aufschnittmaschine hinter der Fleischtheke halt gemacht hatten. So ist es nicht abwegig anzunehmen, dass es das Bild im Netz war, welches Weiners Karriere beendete. Gäbe es von seinen außerehelichen Eskapaden keine Bilder, wäre die Medienempörung sicherlich geringer gewesen. Der Mann hätte vielleicht keine Frau mehr, aber womöglich noch seinen Job.

Problematischerweise vergisst das Internet aber so schnell nichts. Warum auch? Die Digitalisierung begann ihren Siegeszug gerade aufgrund der unbegrenzten Kopiermöglichkeiten ohne Qualitätsverlust. Das mag die Musikindustrie schmerzen, aber es ermöglicht vom E-Mail-Austausch bis zum digitalen Fotoalbum alles, was wir heute so schätzen. Weiners Bild ging in Minuten um die Welt, bevor er sein Privatleben eilig verstecken konnte. Und jeder, der sich schon einmal selbst gegoogelt hat (Ein Volkssport, an dem ein Drittel der Bundesbürger teilnehmen), entdeckt, dass selbst ungewollte Daten, Kommentare und Foreneinträge stoisch im Netz verbleiben. Auch wenn ein Mensch stirbt, hinterlässt er traditionell ein paar Habseligkeiten – neuerdings zudem auch einen Datenschatz im Internet.
Gerade das wird nun überdacht. Zu Beginn des Jahres ging der vom Verbraucherschutzministerium unterstützte digitale Radiergummi an den Start: Ein verschlüsseltes Dateiformat, dessen Passwort sich vom Autor jederzeit zerstören lässt, oder dem ein vorgegebenes Ablaufdatum zugewiesen werden kann. Das Prinzip leuchtet ebenso ein wie das umweltfreundliche PDF, das man nicht ausdrucken kann. Doch wer verwendet es, damit es auch die nötige Akzeptanz im Markt erreicht? Insbesondere, wenn es nur in einem Browser und mit spezieller Software funktioniert? Ein klassischer Teufelskreis.

„Der Teufel im Haus“

Bis dahin hilft es nur, vorsichtig mit dem zu sein, was man veröffentlicht. Und vielleicht unsere Maßstäbe zu überdenken: Denn unter dem, was die heranwachsende, internetaffine Generation vermutlich gerade ins Internet stellt, ist sicherlich auch politischer Zündstoff à la Weiner. Und er wird sich kaum als Grund gegen eine politische Karriere anführen lassen – denn sonst gehen uns in wenigen Jahren die Politiker aus. Vielleicht löst sich ein Teil des Problems also von selbst.
Alternativ kann man es nur wie eine Wählerin Weiners halten, die seiner Rücktrittserklärung beiwohnte und zu Protokoll gab, menschliche Fehler resultierten nun mal aus der Technologie: „Sie bringt den Teufel ins Haus“.

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