Wir sollten neugierig sein und ins Gespräch kommen. Dazu will ich in den kommenden Jahren beitragen. Christian Wulff

Wir Unterdrückten

Deutschland 2012: Das ganze Land ist der Marketingmacht von Apple erlegen. Ganz Deutschland? Nein: Auf Spiegel Online leistet Hajo Schumacher tapferen Widerstand. Und das Leben ist nicht leicht, wenn man seinen Kosmos betritt.

Apple ist Nordkorea, Apple-Fans sind Fanatiker, Apple-Produkte werden per Sklaverei hergestellt – und Amazon wird uns alle retten. So der Grundtenor von Hajo Schumachers „Abrechnung“ mit Apple, gestern zu lesen bei „Spiegel Online“. Der Schumacher’sche Rundumschlag gegen den kalifornischen Technikkonzern ist das neuste Beispiel der Technik-Berichterstattung des Hamburger Verlegers, wo man sich insbesondere bei Produkten mit Apfel-Logo große Sorgen ums eigene Seelenheil macht.

Im Sommer machte das Nachrichtenmagazin mit dem Titel „Sei doch mal still!“ auf, einem Panoptikum des Technik-Schreckens. Zum 5. Geburtstag des iPhones befürchtete man, insgeheim vom iPhone geknechtet zu werden. Der Artikel wimmelte von Plattitüden und Angstszenarien. Während man sich damals noch über so viel Pessimismus am Kopf kratzte, ist Schumachers Artikel zu unerträglich, um unkommentiert zu bleiben.

Prominent und polemisch

Das beginnt mit dem zentralen Stilelement des Gastbeitrages: die vorauseilende Selbstbeschimpfung. „Ja ja, ich weiß: Ich bin zu doof“, schreibt der Autor. „Klar, ich bin zu dämlich“, fügt er an anderer Stelle an. Schumacher stilisiert sich als Normalverbraucher, der vom Heilsversprechen der Technik fehlgeleitet wurde. Apples Marketingmaschine habe ihm den Traum der Einfachheit vorgespielt, in der Realität sei er konfrontiert mit unsynchronisierten Kontakten und „Mac-Maps“.

Es ist einfach alles so furchtbar ungerecht: Die diversen iPods, Rechner und das iPad seiner Familie müssten nun ersetzt werden. Der Kundendienst sorgt für schlechte Laune. Und diese Fanboys lauern überall.

Fanboys? Ganz genau, damit wir sind angekommen beim zweiten Teil der Abrechnung: In Schumachers Welt ist eine Kritik an Apple kaum möglich, da seine Worte im lautstarken Protest der Apple-Jünger untergingen. Die Dystopie ist komplett:

Tausende stiller Helden sitzen überall in der Welt verzweifelt in ihren Büros, um Apple-Adressen zu putzen. Darf nur keiner drüber reden. Apple ist teuer und gut designt und Steve Jobs ein Heiliger. Außerdem jede Menge erregungsbereite Mullahs da draußen. Also ertragen Millionen Menschen still ihre kognitive Dissonanz. Oder kaufen neue Geräte (…).

Die subtil mitschwingende Fremdenfeindlichkeit mischt sich hier perfekt mit der Stammtischparole: „Das wird man doch wohl mal sagen dürfen!“ Mag ja sein, dass Schumacher die Kritik entgegenweht, doch wer an so prominenter Stelle derart polemische Artikel mit augenscheinlich schlecht recherchierten Fakten schreibt, darf sich über Kritik nicht wundern. Ein paar Beispiele:

Und wie kann man sich über Beschiss eines x-beliebigen Strukturvertriebs für Immobilienfonds empören, wenn man einmal Apples Stecker-Tricksereien kapiert hat?

Apple hat dieses Jahr zum ersten Mal seit zehn Jahren den Stecker seiner mobilen Geräte erneuert, da die alten Kabel einem flacheren Produktdesign im Weg standen. Für Besitzer von Peripheriegeräten ist das in der Tat eine schlechte Nachricht – glücklicherweise gibt es einen Adapter.

„Können Sie den iMac empfehlen?“, fragte mich neulich eine Dame, als ich im Café meine Mails checkte.

Hat Hajo Schumacher tatsächlich seinen wahlweise 22- oder 27-Zoll-Rechner von zu Hause mitgenommen und im Café angeschlossen, um dort seine E-Mails zu checken? Oder sind ihm vor lauter Wut im Bauch die Produktnamen seiner diversen Geräte entfallen?

Gucci-Ed-Hardy-iPhone-Angeberware, mit dem Preisschild als einzigem USP.

Wie so oft wird in der Apple-Kritik auf die Preise verwiesen und dem Konzern gleichzeitig jegliche Innovationskraft abgesprochen. Dabei kommt Apples Marktmacht nicht von ungefähr: Das Unternehmen mischte die stagnierende Handybranche vor wenigen Jahren mit einer echten Neuerung auf – und lebt noch heute von der enormen Profitabilität dieses Wachstumssektors. Seine Position hat sich Apple nicht erschlichen, sondern erkämpft – und dagegen gibt es in unserer Wirtschaft kein Gesetz.

Was Schumacher nicht versteht, ist, dass wir am Anfang eines neuen Computerzeitalters stehen, welches von mobilen Endgeräten dominiert werden wird. In unseren Taschen befinden sich keine Ed-Hardy-Strasssteinchen, sondern kleine Computer, deren Rechenkraft es bereits nun mit den High-End-Produkten von vor wenigen Jahren aufnehmen können. Der Unique Selling Point? Nun, der liegt darin, ob man das schiere Potenzial dieser neuen Produkte zu schätzen weiß, oder ihnen generell skeptisch gegenübersteht.

Unglaubwürdige Kritik

Und genau das ist der springende Punkt: Schumacher erkennt in den Neuerungen größtenteils Negatives und das ausschließlich bei Apple. Er resigniert vor dem Wandel und will uns alle daran teilhaben lassen. Apple ist dabei sein Prügelknabe. Dass der umstrittene chinesische Hersteller von Apple-Produkten auch die halbe Branche bedient, unterschlägt er bequem. Dass der Erfolg von Apples Produkten Kopien in der ganzen Branche nach sich zog, ist für ihn ein Beispiel der unlauteren Dominanz – und nicht der disruptiven Kraft von innovativen Produkten.

Dabei kann man Apple für vieles kritisieren: Das Unternehmen erwirtschaftet gewaltige Gewinne mit teuren Designobjekten, auf denen es die Software kontrolliert. Doch Schumachers Polemik zieht seine Kritik komplett ins Lächerliche. Als er sie doch klar zu äußern vermag, ist sie leider komplett unglaubwürdig. Denn eins macht er uns klar: Nachdem er sich aus den Fängen des amerikanischen Technikkonzerns mit totalitären Tendenzen befreit hat, herrscht im Hause Schumacher Freiheit vor derartiger Unterdrückung und blinder Unterstützung von Monopolen sowie fragwürdigen Produktionsbedingungen: „Auf dem Kindle liest sich’s eh besser.“

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Lars Mensel: Zeigt uns die Innovationen!

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