Wir UnterdrĂŒckten

Lars Mensel5.12.2012Gesellschaft & Kultur

Deutschland 2012: Das ganze Land ist der Marketingmacht von Apple erlegen. Ganz Deutschland? Nein: Auf Spiegel Online leistet Hajo Schumacher tapferen Widerstand. Und das Leben ist nicht leicht, wenn man seinen Kosmos betritt.

Apple ist Nordkorea, Apple-Fans sind Fanatiker, Apple-Produkte werden per Sklaverei hergestellt – und Amazon wird uns alle retten. So der Grundtenor von Hajo Schumachers „Abrechnung“ mit Apple, “gestern zu lesen bei „Spiegel Online“”:http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/hajo-schuhmacher-rechnet-mit-apple-ab-a-870653.html. Der Schumacher’sche Rundumschlag gegen den kalifornischen Technikkonzern ist das neuste Beispiel der Technik-Berichterstattung des Hamburger Verlegers, wo man sich insbesondere bei Produkten mit Apfel-Logo große Sorgen ums eigene Seelenheil macht.

Im Sommer machte das Nachrichtenmagazin mit dem Titel „Sei doch mal still!“ auf, einem Panoptikum des Technik-Schreckens. Zum 5. Geburtstag des iPhones befĂŒrchtete man, insgeheim vom iPhone geknechtet zu werden. Der Artikel wimmelte von PlattitĂŒden und Angstszenarien. WĂ€hrend man sich damals noch ĂŒber so viel Pessimismus am Kopf kratzte, ist Schumachers Artikel zu unertrĂ€glich, um unkommentiert zu bleiben.

Prominent und polemisch

Das beginnt mit dem zentralen Stilelement des Gastbeitrages: die vorauseilende Selbstbeschimpfung. „Ja ja, ich weiß: Ich bin zu doof“, schreibt der Autor. „Klar, ich bin zu dĂ€mlich“, fĂŒgt er an anderer Stelle an. Schumacher stilisiert sich als Normalverbraucher, der vom Heilsversprechen der Technik fehlgeleitet wurde. Apples Marketingmaschine habe ihm den Traum der Einfachheit vorgespielt, in der RealitĂ€t sei er konfrontiert mit unsynchronisierten Kontakten und „Mac-Maps“.

Es ist einfach alles so furchtbar ungerecht: Die diversen iPods, Rechner und das iPad seiner Familie mĂŒssten nun ersetzt werden. Der Kundendienst sorgt fĂŒr schlechte Laune. Und diese Fanboys lauern ĂŒberall.

Fanboys? Ganz genau, damit wir sind angekommen beim zweiten Teil der Abrechnung: In Schumachers Welt ist eine Kritik an Apple kaum möglich, da seine Worte im lautstarken Protest der Apple-JĂŒnger untergingen. Die Dystopie ist komplett:

bq. Tausende stiller Helden sitzen ĂŒberall in der Welt verzweifelt in ihren BĂŒros, um Apple-Adressen zu putzen. Darf nur keiner drĂŒber reden. Apple ist teuer und gut designt und Steve Jobs ein Heiliger. Außerdem jede Menge erregungsbereite Mullahs da draußen. Also ertragen Millionen Menschen still ihre kognitive Dissonanz. Oder kaufen neue GerĂ€te (
).

Die subtil mitschwingende Fremdenfeindlichkeit mischt sich hier perfekt mit der Stammtischparole: „Das wird man doch wohl mal sagen dĂŒrfen!“ Mag ja sein, dass Schumacher die Kritik entgegenweht, doch wer an so prominenter Stelle derart polemische Artikel mit augenscheinlich schlecht recherchierten Fakten schreibt, darf sich ĂŒber Kritik nicht wundern. Ein paar Beispiele:

bq. Und wie kann man sich ĂŒber Beschiss eines x-beliebigen Strukturvertriebs fĂŒr Immobilienfonds empören, wenn man einmal Apples Stecker-Tricksereien kapiert hat?

Apple hat dieses Jahr zum ersten Mal seit zehn Jahren den Stecker seiner mobilen GerĂ€te erneuert, da die alten Kabel einem flacheren Produktdesign im Weg standen. FĂŒr Besitzer von PeripheriegerĂ€ten ist das in der Tat eine schlechte Nachricht – glĂŒcklicherweise gibt es einen Adapter.

bq. „Können Sie den iMac empfehlen?“, fragte mich neulich eine Dame, als ich im CafĂ© meine Mails checkte.

Hat Hajo Schumacher tatsĂ€chlich seinen “wahlweise 22- oder 27-Zoll-Rechner”:http://www.apple.com/imac/ von zu Hause mitgenommen und im CafĂ© angeschlossen, um dort seine E-Mails zu checken? Oder sind ihm vor lauter Wut im Bauch die Produktnamen seiner diversen GerĂ€te entfallen?

bq. Gucci-Ed-Hardy-iPhone-Angeberware, mit dem Preisschild als einzigem USP.

Wie so oft wird in der Apple-Kritik auf die Preise verwiesen und dem Konzern gleichzeitig jegliche Innovationskraft abgesprochen. Dabei kommt Apples Marktmacht nicht von ungefĂ€hr: Das Unternehmen mischte die stagnierende Handybranche vor wenigen Jahren mit einer echten Neuerung auf – und lebt noch heute von der enormen ProfitabilitĂ€t dieses Wachstumssektors. Seine Position hat sich Apple nicht erschlichen, sondern erkĂ€mpft – und dagegen gibt es in unserer Wirtschaft kein Gesetz.

Was Schumacher nicht versteht, ist, dass wir am Anfang eines neuen Computerzeitalters stehen, welches von mobilen EndgerĂ€ten dominiert werden wird. In unseren Taschen befinden sich keine Ed-Hardy-Strasssteinchen, sondern kleine Computer, deren Rechenkraft es bereits nun mit den High-End-Produkten von vor wenigen Jahren aufnehmen können. Der Unique Selling Point? Nun, der liegt darin, ob man das schiere Potenzial dieser neuen Produkte zu schĂ€tzen weiß, oder ihnen generell skeptisch gegenĂŒbersteht.

UnglaubwĂŒrdige Kritik

Und genau das ist der springende Punkt: Schumacher erkennt in den Neuerungen grĂ¶ĂŸtenteils Negatives und das ausschließlich bei Apple. Er resigniert vor dem Wandel und will uns alle daran teilhaben lassen. Apple ist dabei sein PrĂŒgelknabe. Dass der umstrittene chinesische Hersteller von Apple-Produkten auch die halbe Branche bedient, unterschlĂ€gt er bequem. Dass der Erfolg von Apples Produkten Kopien in der ganzen Branche nach sich zog, ist fĂŒr ihn ein Beispiel der unlauteren Dominanz – und nicht der disruptiven Kraft von innovativen Produkten.

Dabei kann man Apple fĂŒr vieles kritisieren: Das Unternehmen erwirtschaftet gewaltige Gewinne mit teuren Designobjekten, auf denen es die Software kontrolliert. Doch Schumachers Polemik zieht seine Kritik komplett ins LĂ€cherliche. Als er sie doch klar zu Ă€ußern vermag, ist sie leider komplett unglaubwĂŒrdig. Denn eins macht er uns klar: Nachdem er sich aus den FĂ€ngen des amerikanischen Technikkonzerns mit totalitĂ€ren Tendenzen befreit hat, herrscht im Hause Schumacher Freiheit vor derartiger UnterdrĂŒckung und blinder UnterstĂŒtzung von Monopolen sowie fragwĂŒrdigen Produktionsbedingungen: „Auf dem Kindle liest sich’s eh besser.“

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