Wir können uns hier keine rumänischen Löhne leisten, weil wir hier keine rumänischen Preise haben. Gregor Gysi

Bits & Bytes statt Brüssel

Der Friedensnobelpreis geht dieses Jahr an die Europäische Union. Verdient hätte ihn aber auch ein anderer Anwärter, der noch nicht einmal nominiert war.

Es geht so nicht weiter mit dem Nobelpreis. Barack Obama war noch kein Jahr im Amt, als er 2009 den Friedenspreis gewann. Der frischgebackene Präsident hatte zwar ein paar schöne Worte in Kairo gesagt und die Absicht bekundet, den Nahostkonflikt zu lösen, die Auszeichnung kam dennoch viel zu früh. Unangenehm war ihm das sogar selbst: „Es gibt Würdigere als mich“, sagte Obama damals und nahm die Urkunde eher stoisch entgegen. Viel dagegen tun konnte er ohnehin nicht: Preisträger ist man, ob man nun zur Preisverleihung erscheint oder nicht.

Mehrere Probleme auf einmal

So sehr die Wahl des Komitees also in Stein gemeißelt ist, so wenig können die Damen und Herren in Oslo es der Welt recht machen: Die Ergebnisse sind oft umstritten, sie kommen in schöner Regelmäßigkeit zu spät oder zu idealistisch daher. In aller Fairness muss man allerdings auch anmerken, dass Alfred Nobel es dem Komitee nicht gerade leicht gemacht hat. In seinem Testament verlangte er, dass der Preis an jenen Menschen verliehen werde, „der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt“ habe. Die Zielsetzung war keine geringere als jene Person zu finden, welche „im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht“ hat. Uff.

Nun gut: Nobel verstarb vor 115 Jahren, die Sprache seiner Zeit wirkt daher naturgemäß ein wenig angestaubt. Aber wie erfrischend wäre es, würde das Komitee seinen Auftrag nach all den Jahren ein wenig anders interpretieren und die prestigeträchtige Auszeichnung keiner Person verleihen. Furchtbar revolutionär wäre das nicht einmal: Bereits 1910 ging der Preis ans „Ständige Internationale Friedensbüro“, sieben Jahre später ans „Rote Kreuz“. Um zeitgemäß zu verleihen, muss allerdings auch um die Ecke gedacht werden: Im Jahr 2010 tat die italienische Ausgabe des Magazins „Wired“ genau das und erreichte die Nominierung des Internets.

Sie halten den Gedanken für abwegig? Das ist er nur auf den ersten Blick, löst der Preisträger Internet doch mehrere Probleme auf einmal. Zunächst bedeutet es ein Ende der nahezu endlosen Serie alter Herren. Hatte das Komitee zwar vergangenes Jahr ein weibliches Dreiergespann ausgezeichnet, ist die Liste der Nobelpreisträger doch zu 71,1 Prozent von Männern dominiert. Das Internet ist dagegen ein sicherer Hafen: geschlechtslos, allgegenwärtig, polyglott. Die political correctness wäre so allumfassend, dass sich alle Medien getreu des alten Reflexes daran reiben könnten.

Zweitens geht es auch darum, sich der Vorgaben des Preisstifters zu besinnen – und diese sind mit dem Internet zweifellos erfüllt: Nicht nur hat das Internet in den vergangenen Jahren die Welt verkleinert, es ist zur Triebkraft diverser Bewegungen und Ideen avanciert. Ich würde argumentieren, dass der Austausch über Ländergrenzen hinweg mehr zum Frieden beigetragen hat (und mehr dazu beitragen wird) als so manche Verhandlungen von Politikern hinter verschlossenen Türen. Politik gibt es auch ohne Netz, aber die Technik vermag, politische Bewegungen zu befeuern. Das beginnt bei den Umbrüchen im Nahen Osten, geht von Occupy über den twitternden Ai Weiwei bis hin zur weltweiten Solidarität mit Pussy Riot – allein im vorigen Jahr gab es zahllose Beispiele, wie der Faktor Internet langsam Paradigmen aufbricht, die Geheimniskrämerei, Unverständnis und letztlich auch Intoleranz befördern. So darf man über Wikileaks denken, was man will – selbst die Debatte, die Julian Assange und seine Organisation anstießen, hatte enormen gesellschaftlichen Nutzen für die Demokratie und den Frieden. Vergleicht man die Wirklichkeit also mit dem Anspruch von Alfred Nobel, den Preis nach dem „größten Nutzen“ zu vergeben, sollten alle zufrieden sein.

Ein leerer Stuhl

Bleibt also nur noch die Pressekonferenz im Dezember, die es irgendwie zu bestücken gäbe. Das Internet lässt sich schwer in Form einer Person auf die Bühne bringen, auch wenn diverse Kandidaten dafür in Frage kämen. Stattdessen hilft die Tradition: Es ist wenige Jahre her, dass man in Oslo einen leeren Stuhl ausgezeichnet hat. Hatte die Auszeichnung damals eine sehr tragische Note, können wir uns heute bei Clint Eastwood bedanken: Der Schauspieler hat die Ansprache an einen leeren Stuhl erst vor wenigen Wochen salonfähig gemacht.

Anmerkung d. Redaktion: Der Vorspann des Artikels wurde nach Bekanntgabe des Friedensnobelpreises angepasst. In einer früheren Version des Artikels stand fälschlicherweise, Nobel sei vor 101 Jahre gestorben.

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