In Dublin fürchtet man sich vor Flugzeugen. Genauer gesagt vor dem Szenario einer notlandenden Passagiermaschine inmitten von Wohngebieten im Süden der Stadt. Klingt komisch? Nicht für den Justizminister der irischen Regierung, welchem ein Fehler in Apples neuer Kartensoftware aufgefallen ist: Dort wird eine Grünfläche namens „Airfield Park“ aufgrund ihres Namens fälschlicherweise als Flughafen deklariert – und das Ministerium ist in Sorge, dass Piloten Notlandungen im Park durchführen könnten. Man sei bereits im Kontakt mit Apple, vermeldet das Nachrichtenportal „The Journal“ nach einem Gespräch mit dem Ministerium.
Die Welt im Maßstab 1:1
Sicherlich, Fehler kommen bei der Erfassung der ganzen Welt schon einmal vor. Der Traum einer wirklich vollständigen Karte ist schließlich so alt wie die Kartografie selbst: Schon vor Jahrhunderten kauerten Kartografen über Pergamenten und versuchten, ein möglichst akkurates Bild der Welt zu zeichnen. Ihnen verdanken wir es, dass ein Alltag ohne Karten fast undenkbar geworden ist.
Im Handschuhfach meiner Eltern lagen früher noch Falk-Faltkarten, elaborate Papiermonster mit detailliertem Straßennetz. Auch wenn der „patentierte Faltmechanismus“ das Hantieren mit der Karte so komfortabel wie möglich machen sollte, waren sie in Anbetracht der heutigen Lösungen eine ziemliche Krücke. Digitale Karten ergeben einfach Sinn: Unendlich verschiebbar in alle Richtungen, stufenlos zoombar und dank Smartphone in jeder Hosentasche erfüllen sie die wohl wildesten Fantasien der Kartografen von einst. „Ich glaube ernsthaft, dass wir momentan einen wichtigeren Wandel in der Kartografie erleben als der Wandel von Manuskripten zu Druck während der Renaissance.“ So zitiert der „Guardian“ den Kartenhistoriker Jerry Brotton in einem enorm lesenswerten Artikel zum Thema.
Recht hat er. Es ist eindrucksvoll, was Google in den vergangenen Jahren zusammengetragen hat: eine fast nahtlose Datenbank von Orten auf der Welt, die sogar Einkaufszentren und Flughäfen erfasst. Sicherlich wird Google in naher Zukunft auf dem Handy anzeigen können, wo bei Ikea die Gartenmöbel stehen. All das ist zunächst Grund für Optimismus, denn wir haben langsam die Technik zur Erfüllung einer kartografischen Idealvorstellung: die Schaffung einer Karte der Welt im Maßstab 1:1.
Leider haben derart schöne neue Welten oft auch Schattenseiten. In diesem Fall ist es die Tatsache, dass sich alle Kartendaten in den Händen einer großen Organisation befinden – und nicht mehr sicher im eigenen Handschuhfach.
Ungewollte Veränderungen
Genau das erlebt man dieser Tage als Besitzer eines iPhones: Im Zuge von Steve Jobs „thermonuklearem Krieg“ gegen Android und damit Google, kämpfen die zwei Unternehmen um die Vorherrschaft über den mobilen Markt. Mit dem neusten Softwareupdate löschte Apple die bis dato verfügbare Kartenapplikation des Konkurrenten und ersetzte sie durch eine eigene, hausgebackene Lösung. Dumm nur, dass diese mit eklatanten Kinderkrankheiten an den Start ging. Hämisch dokumentiert der Blog „The Amazing iOS 6 Maps“ die diversen Probleme des neuen Kartendienstes: Bahnhöfe mitten auf der Straße, komplett fehlenden Straßenzüge und Sehenswürdigkeiten an falscher Stelle. In Foren raten sich Geschäftsleute, tunlichst auf das Update zu verzichten, „wenn man auf Navigation angewiesen ist“.
Ähnliches empfehlen sich vermutlich auch Piloten, die regelmäßig panisch auf dem iPhone nach Landeplätzen für ihre havarierenden Flugzeuge suchen. Doch ganz im Ernst: Ein solcher Fall demonstriert die Abhängigkeit, in die wir uns mittlerweile besten Gewissens begeben haben. Wenn nach dem Neustart des Telefons plötzlich ganze Straßenzüge fehlen, zeigt sich die Machtlosigkeit von Benutzern gegenüber forcierten Änderungen in den geschlossenen Systemen der großen Anbieter – und die Probleme des furchtbar realen Oligopols in der Handybranche.
Übrigens: Wer sich auf seinem E-Reader sicherer vor ungewünschten Veränderungen fühlt, der sei an den Copyright-Streit zwischen Amazon und einem Anbieter von E-Books erinnert: Aufgrund fehlender Rechte des Anbieters löschte Amazon 2009 die Titel von den Kindles seiner Kunden. Bei den Büchern handelte es sich um zwei englische Klassiker von George Orwell: „Animal Farm“ und „1984“.
Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Lars Mensel: Der Getriebene
















