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Feuerwehrfrau

Wenn’s noch jemand schaffen kann, dann eine Frau: Warum Marissa Mayer die richtige Wahl für Yahoos Rettung ist.

Erinnert sich noch jemand an die einstige Größe von Yahoo? Als Internetgigant der ersten Stunde beherrschte die Firma über Jahre hinweg das Web. Ähnlich wie die spanische Armada wurde es dank seiner vielen Dienste jedoch irgendwann zu groß und zu träge, um es mit der schnelleren und wendigeren Konkurrenz aufnehmen zu können. Als das stolze Schlachtschiff langsam Schlagseite bekam, stand Marissa Mayer am sprichwörtlichen Ufer und rieb sich die Hände: Die Google-Veteranin und Hauptverantwortliche für das minimalistische Design ihres Arbeitgebers hatte selbst großen Anteil am Niedergang des einstigen Branchenprimus. Nun soll ausgerechnet sie den stagnierenden Riesen retten.

Vom Design-Team in den Wahnsinn getrieben

Beeindruckend ist dabei nicht nur, dass das nach außen mittlerweile träge wirkende Yahoo eine so erfolgreiche Kraft wie Mayer vom dynamischen Google-Konzern abwerben konnte, sondern Mayers Karriere selbst. Stürzen sich die Medien aktuell auf offensichtliche Informationen wie ihr Alter (sie ist erst 37!) oder ihre Schwangerschaft (sechster Monat!), gerät leicht in Vergessenheit, mit welcher Zielstrebigkeit sich Mayer in der Männerdomäne Internetunternehmen durchsetzte. Ihren Erfolg verdankt sie ihrer Omnipräsenz, dem Management ihres Teams und Auge fürs Detail – und er zeigt, wie gut Frauen wie sie der Branche eigentlich tun können.

Marissa Mayer fiel mir vor zwei Jahren zum ersten Mal auf, als einer ihrer ehemaligen Kollegen in einem offenen Brief seine Kündigung von Google bekannt gab. Seine vor Frust getippte Begründung ließ schließen, dass ihn Mayers Design-Team komplett in den Wahnsinn getrieben hatte. Der Designer bestätigte in seinem Brief einen Bericht der „New York Times“, wonach sein Team bei der Erstellung von Entwürfen für Gmail ewig an der Auswahl der richtigen Farben laboriert habe. Mayer hätte dem Team die Auswahl zwischen sagenhaften 41 verschiedenen Blautönen gegeben – eine so unendliche Detailbesessenheit, dass er seinen Hut nahm.

Nun wirken 41 Blautöne in der Tat erschlagend, sie symbolisieren einen geradezu Steve-Jobs-esken Blick auf die Welt, in der Klicks über allem thronen. Und doch ist es gerade das, was ein angeschlagener Konzern wie Yahoo benötigt, um den Siegeszug aus der Mittelmäßigkeit anzutreten. Man mag von Yahoo außer dem Skandal um Mayers Vorgänger lange nichts gehört haben, doch noch hat der Konzern seine Finger in allerlei Winkeln des Internets.

Symptomatisch steht dafür der Fotodienst flickr – er besetzte früh eine Marktlücke, fand große Mengen Benutzer und wurde direkt nach der Übernahme durch Yahoo vergessen wie der abgelaufene Joghurt im Kühlschrank. Konsequenterweise verschlief flickr anschließend ungefähr jeden entscheidenden Webtrend der vergangenen Jahre und hatte das Glück, dank loyaler User am Leben zu bleiben. flickr-Nutzer organisierten gestern bereits die erste Aktion, um an ihre Existenz zu erinnern – solche Kunden sind Gold wert.

Frauen sind gefragte Feuerwehrmänner

Es ist diese Loyalität, auf der Mayer ihre Karriere als Rettungskraft aufbauen kann. Sie betritt damit die Ränge von Tech-Führungskräften wie Meg Whitman bei HP oder Virginia Rometty bei IBM: Frauen als Feuerwehrmänner in Männerdomänen. Ihre Führungsqualitäten und ihr Mut zur Veränderung sind plötzlich dort gefragt, wo jahrelange, immer gleiche Praktiken ein Geschäftsmodell zum Erliegen gebracht haben.

Man muss Yahoo geradezu applaudieren fürs Umdenken, anstatt den nächsten Mann ans Ruder zu stellen. Bereits die zweite Frau darf dort über die Firma entscheiden. Hatte Mayers Vorgängerin Carol Bartz jedoch eine Führungszeit geprägt von Entlassungen sowie (wie Reuters berichtete) „Angst und Unsicherheit“ unter Mitarbeitern, wird nun Mayers Sinn für Management und nutzbare Produkte gefragt sein.

Die gestrige „International Herald Tribune“ bezeichnet Yahoos Führungsetage ironisch als Drehtür: ein Ort der laufenden Personalveränderungen, in dem niemand lange durchhält. Wenn jemand diesen Teufelskreis durchbrechen und Yahoo erneuern kann, dann ist es mit Sicherheit eine starke Frau wie Mayer, die nicht trotz, sondern aufgrund ihrer Doppelrolle als CEO und junger Mutter Erfolg haben wird. Herausforderungen wie die von Yahoo brauchen Menschen mit Mut – Mayers Geschichte lässt darauf schließen, dass sie davon ausreichend zur Verfügung hat.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lars Mensel: Schuldige Opfer

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