Demokratien sind in ihren Aspirationen besser als die Menschen, die in ihnen leben. Anthony Grayling

Sex statt Musik

Einst versteckt in zwielichtigen Läden der Republik, führt Pornografie im Internet längst kein Schattendasein mehr. Eine Realität, an die wir uns gewöhnen sollten.

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Wenn in dieser Welt auf eins Verlass ist, so ist es die universelle Nachfrage nach Pornografie. Für Sex – so die Binsenweisheit – ist auch in Krisenzeiten Geld da. Dennoch muss man während der europäischen Dauerkrise unwillkürlich den Hut vor der Pornoindustrie ziehen, die im Netz das scheinbar Unmögliche möglich macht: mit bezahlten Inhalten Geld zu verdienen. Wie die aktuelle „Brandeins“ berichtet, ist Pornografie im Web entgegen aller Unkenrufe wieder zur lukrativen Einnahmequelle geworden. Produzenten bedienen sich der großen Beliebtheit von Gratisangeboten, um eigene Clips zu bewerben, Werbung zu schalten und im weltweiten Publikum selbst die Abnehmer für den abgedrehtesten Fetisch zu finden. Damit haben sie das geschafft, was der Musikindustrie bis heute verwehrt blieb: im Angesicht von Raubkopien den Spieß umzudrehen und entsprechend zu monetarisieren.

Pornos schlagen Nachrichten

Zu einem großen Maße hat dieser Erfolg natürlich mit der Privatsphäre im Netz zu tun: Nicht nur trifft Angebot im weitgehend anonymen Internet auf dankbare Abnehmer, diese können auch in der Abgeschirmtheit der eigenem vier Wände auf alles zugreifen, was ihr Herz begehrt. Zahlen sprechen dabei für sich: Portale wie beispielsweise das berühmt-berüchtigte Youporn versorgen das Netz mit einer astronomischen Menge an Daten. Die Seite Extremetech berechnete, dass Youporn zu Spitzenzeiten Datenmengen von ca. 100 Gigabytes pro Sekunde transferiert.

Laut der Webanalysten von Alexa.com sind Pornoportale wie das (durchaus seltsam benannte) XHamster unter den 25 meistbesuchten Webseiten in Deutschland. Die Seite, welche gratis werbefinanzierte Pornovideos zeigt, belegt im Ranking einen Rang direkt hinter Netzwerk-Platzhirsch Twitter. Der Webcamming-Pornoanbieter LiveJasmin liegt dagegen ein paar Ränge dahinter, wird in der Bundesrepublik dennoch öfter aufgerufen als beispielsweise die Webseite der „Welt“, der „Süddeutschen Zeitung“ oder der Deutschen Bahn. Nicht einmal König Fußball hat eine Chance gegen die Videoclips: Der „Kicker“ muss sich mit einem Rang hinter Youporn zufriedengeben. Pornos schlagen Nachrichten.

Nun sagen diese Zahlen an sich wenig über den Pornografiekonsum in Deutschland aus: Man kann bequem davon ausgehen, dass die offenkundig vorhandene Nachfrage nach nackter Haut heutzutage eher im Netz als mit Schmuddelheften vom Kiosk bedient wird. Dennoch illustriert sie eine reichlich widersprüchliche Lage: Einst versteckt in Hinterzimmern der Videotheken und in ominösen Läden an Stadträndern, okkupiert Pornografie im Jahr 2012 einen Platz inmitten der modernen Gesellschaft.

Durchs Internet ist das Ausmaß des Pornografiekonsums in Deutschland enorm quantifizier- und nachweisbar geworden – die Zahlen zeigen, dass es sich dabei bei Weitem um kein Randphänomen handelt. Das mag an der leichten Verfügbarkeit liegen (ein Punkt, über den trefflich gestritten wird), doch das wahrlich Interessante an dieser Tatsache ist der gesellschaftliche Umgang mit dem Phänomen Pornografie in Zeiten der offenliegenden Statistiken. Sollte nun kein Wandel eintreten, der die Pornografie zumindest ein wenig aus der Schmuddelecke holt?

Gesunder Umgang ohne Moralapostel

In der Realität herrscht weiterhin der moralische Zeigefinger, welcher die Tabuisierung aus der analogen in die digitale Welt verpflanzt hat. Auf vielen Smartphones und Tablets findet Pornografie – wenn es nach dem Willen mancher Hersteller geht – beispielsweise nicht einmal statt: Apple verbietet im App-Store jegliche Pornografie, und verzichtet damit erstaunlicherweise sogar auf die 30 Prozent Umsatzbeteiligung, die ansonsten bei jedem Verkauf üblicherweise aufs Firmenkonto fließen würden. Dass ein Konzern sich als Moralapostel aufspielt, darf man durchaus kritisieren, doch die Gesellschaft ist nicht viel besser: Das Thema Pornografie ist und bleibt entgegen seiner Verbreitung ein Tabu und wird dementsprechend weiter totgeschwiegen.

Als Argument für diese Tabuisierung wird oft der Schutz von Minderjährigen angeführt – welcher allerdings dank Internet ad absurdum geführt wird. Auch hier greift nämlich der Reiz des mutmaßlich Verbotenen: In Deutschland sehen oft schon Kinder zum ersten Mal Pornografie, was lediglich durch allumfassende Kontrolle des Internetkonsums von Kindern zu verhindern wäre. Anstatt aber weiter so zu tun, als wäre Pornografie noch immer ein Phänomen am Rande der Gesellschaft, welches hinter speckigen Vorhängen und auf ausgeleierten VHS-Kassetten stattfindet, müsste es zumindest thematisiert werden. Das heißt nicht, Kindern in Zukunft im Sexualunterricht eine Runde Youporn vorzuführen, sondern eine Strategie zu erarbeiten, wie das Thema gekonnt erklärt werden kann. Die seltsame Welt der Pornografie und die Faszination der Deutschen mit ihr ist im Internet viel zu verbreitet, viel zu leicht erreichbar, um sie weiterhin totzuschweigen.

Im Interview mit The European brachte Cindy Gallop es vor einigen Monaten gut auf den Punkt: „Pornografie gibt es bereits, seit der erste Höhlenmensch anzügliche Bilder an die Höhlenwand malte.“ Zeit, dass wir mit der Realität auch realistisch umgehen.

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