Um den Fortschritt zu begreifen, stelle man sich einmal vor, nach einer 10-jährigen Gefängnisstrafe in die Freiheit des Jahres 2012 zurückzukehren. Den Euro, damals druckfrisch an den Start gegangen, gibt es trotz massiver Probleme weiterhin, Deutschland kann noch immer nicht gegen große Fußballnationen gewinnen und selbst das Rauchverbot hat (obgleich in lächerlich ausgehöhlter Form) überlebt.
Dennoch wird die Resozialisierung so ihre Tücken haben: In der Technologiebranche haben in der Zwischenzeit diverse Paradigmenwechsel stattgefunden, die das Jahr 2002 länger als nur zehn Jahre her erscheinen lassen. Kürzlich las ich, dass in Südkorea gar Seminare für nordkoreanische Flüchtlinge bestehen, in denen diese neben dem Umgang mit Kapitalismus und Freiheit auch die Verwendung moderner Technik erlernen können. Optimistisch konstatiert: Wir leben praktisch bereits in der Zukunft. Schade nur, dass die vergangenen Wochen einen zweifeln lassen, ob es derart rasant weitergehen wird.
Google ist nicht mehr aufregend
Eigentlich waren es spannende 14 Tage für Beobachter der Technikbranche: In einer eilig einberufenen Pressekonferenz kündigte Microsoft einen Tablet-Computer namens „Surface“ an, diese Woche vollzog Google einen längst erwarteten Schritt und verkündete die Verfügbarkeit eines eigenen Tablets, das „Nexus 7“. Bedenklich waren nur die Formen der Ankündigung: Sie glichen bis aufs Haar der Präsentationsform von Apple.
Die Kalifornier haben in den vergangenen Jahren vieles richtig gemacht – das sieht man letztlich an den astronomischen Gewinnen des Konzerns und einem Marktwert, welcher kürzlich das BIP unseres Nachbarlandes Polen übertraf. Dieser Erfolg hat jedoch auch eine Kehrseite: Er brachte die Konkurrenz derart unter Druck, dass diese auf fragwürdige Strategien verfiel. Nun schreibe ich diesen Text auf einem Apple-Laptop, neben dem das in Berlin-Mitte so schrecklich omnipräsente iPhone liegt, doch bei aller Freude über meine bisherigen Kaufentscheidungen weiß ich trotzdem: Wettbewerb belebt den Markt – insbesondere in einer so volatilen Branche wie der Technik. Vom wirklichen Wettbewerb ist allerdings wenig zu spüren – und das liegt nicht an faulen Tricks, sondern einfach an Firmenstrategien, denen mehr als ewige Imitation von Apple nicht einzufallen scheint.
Das Schlimmste daran: Diese grässlich langweilige Strategie scheint aufzugehen. Während Microsoft mit dem innovativen und von Kritikern gelobten Windows Phone in der Bedeutungslosigkeit herumdümpelt, haben Google und seine Herstellungspartner wie Samsung mit einer Strategie des schamlosen Kopierens nahezu 60 Prozent des weltweiten Smartphonemarktes erobern können.
Steve Jobs verriet seinem Biografen kurz vor dem Tod, er sei bereit, Google den „thermonuklearen Krieg“ zu erklären – starke Worte von dem Ex-Hippie, der um seine marktbeherrschende Rolle fürchtete. Als Verbraucher hat einen das nicht zu stören, doch Sorge bereitet die Innovationskraft selbst. Imitationen werden mit gerade so vielen Veränderungen hergestellt, dass eine Klage keine Chance hätte, und unterscheiden sich in ihrer Software nur marginal.
Ewige Wiederholung
Somit sind wir in einer Spirale der ewigen Wiederholung angekommen: Dank Apples Erfolg traut sich nicht einmal mehr sein größter Konkurrent, auch nur einen Fuß abseits des von Apple ausgetrampelten Pfades zu setzen. Selbst die Videos zur Ankündigung bestehen aus den bekannten Bilden des Produktes vor freigestellten Hintergründen und anschließender Selbstbeweihräucherung der Entwickler. Von neuen Ideen keine Spur.
Traurig ist dabei nicht nur, dass Konzernen, die sich selbst für Zugpferde der Innovation halten, momentan nichts Weiteres als eine Durchdeklinierung der immer gleichen Farb- und Formlehre einfällt. Dass jede Firma eine ähnliche Produktreihe aus Smartphone, Tablet und Shop zum Füllen dieser mit neuen Inhalten herstellt, ist ein trauriges Beispiel für die Ideenlosigkeit von Oligopolen. In solch einem System verliert zwangsläufig der Benutzer, dessen Auswahlmöglichkeiten sich immer weiter verringern. So utopisch Googles Project Glass auch noch klingen mag: zumindest ist es neu und versucht, die Entwicklungen weiterzudenken.
Rettung naht aber ohnehin – zur Abwechselung aus Nordkorea: Das Land mag ähnlich geheimniskrämerisch sein wie Apple, doch fahnenflüchtige Nordkoreaner verrieten einer südkoreanischen Zeitung, der Staat arbeite an seinem eigenen Tablet-Computer. Dieses habe zwar keinen Internetzugang und keine Kamera, dafür immerhin eine Enzyklopädie, Spiele und Karten.
Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Lars Mensel: Der Getriebene















