Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu. Ödön von Horváth

Gema nicht zu Youtube

Für deutsche Nutzer muss Youtube weiter Videos blockieren. Das Urteil mag Sinn ergeben – die Haltung der GEMA tut es nicht.

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Unter Durchschnittsbürgern mag die Popularität der GEMA irgendwo zwischen GEZ- und Zahnarztbesuch rangieren – kein Wunder, dass der Lizenzvergütungssammler dieser Tage die deutschen Innenstädte mit Postern zuklebt, auf denen eifrig „Musik ist uns was wert“ skandiert wird. Ob es gegen das angekratzte Image hilft? Den öffentlichkeitswirksamsten Ärger hat die GEMA nämlich weiterhin mit Youtube, welches Musikvideos mit GEMA-Rechten für deutsche Besucher blockiert und dabei traurig Folgendes vermerkt: „Leider ist dieses Video in Deutschland nicht verfügbar, da es Musik enthalten könnte, für die die GEMA die erforderlichen Musikrechte nicht eingeräumt hat.“ Ganz klein, in Grau schreiben die Kalifornier darunter: „Das tut uns leid.“
Kein Zweifel, wer hier den Schwarzen Peter zugeschoben bekommt – dabei liegt das Problem ebenso auf Seiten des Videoportals und dessen Weigerung, für von Nutzern hochgeladene Videos Lizenzgebühren zu entrichten, sofern die GEMA an diesen Rechte hält.

Der Umgang mit der GEMA ist nicht ganz einfach, das zeigte sich zuletzt beim Start von Spotify am deutschen Markt. Trotzig ging der Musikdienst zunächst ohne Einigung mit der Verwertungsgesellschaft online, und verhandelt aktuell weiterhin über die zu zahlenden Abgaben. Die GEMA verlangt von werbefinanzierten Angeboten einen Mindestbetrag von 0,6 Cent pro abgespieltem Lied, welcher auch vom mächtigen Google kaum per Anzeigen eingespielt werden kann. Unterm Strich lohnt sich das Bereitstellen von Inhalten also nicht einmal für das größte Videoportal der Welt.

Bananenrepublik des Digitalen

So weit, so kompliziert. Der Stein des Anstoßes liegt allerdings in einer Grundsatzfrage: Wann und wie viel Entlohnung sollten Urheber für Werke im Netz erhalten, nun da dieses den Medienkonsum so sehr verändert hat? Selbstredend wird Musik heute anders konsumiert als zu Zeiten der CD – und ist dazu noch leichter zu vervielfältigen. Die GEMA pocht stur auf ihre Verwertungsrechte und mit dem gestrigen Urteil des Hamburger Landgerichts bekam sie zumindest fürs Erste recht: Die Richter finden es zumutbar, dass Google mit einer besseren Filterfunktion auch weiterhin urheberrechtlich geschützte Inhalte identifizieren und für deutsche Nutzer blockieren könne. Der Konzern hatte bis zuletzt bestritten, dass dies technisch möglich sei – und es klingt zugegebenermaßen nach einer ziemlichen Herkulesaufgabe, auch den letzten Fußballzusammenschnitt nach urheberrechtlich geschützter Musik durchzufiltern.

Nehmen wir die Haltung der GEMA kurz beiseite, ist das Hamburger Urteil zumindest stringent: Youtube verdient Geld mit der Einblendung von Werbung neben den von Nutzern hochgeladenen Videos. Enthalten diese urheberrechtlich geschützte Inhalte, so muss Google sich an die in Deutschland geltenden Regeln halten – und zahlen. Im Gegensatz zu einer privaten Gartenparty, wo Musikstücke zwar eigentlich auch nur nach Abgabe einer Pauschale an die GEMA vorgespielt werden dürfen, lässt sich die Einhaltung der Regeln im Netz sehr leicht nachprüfen – nicht zuletzt daher sind die von den Richtern bestätigten Regeln zumindest umstritten.

Auch für Youtube-Nutzer wird dies nur ein geringer Trost sein: Schon bald wird sich Google wieder für blockierte Inhalte bei ihnen entschuldigen und der Eindruck, in einer Bananenrepublik der digitalen Medien zu leben, lässt sich kaum damit abschütteln, dass der Richterspruch zumindest konsequent ist.

Vermeintlich sichere Blockadehaltung

Eigentlich soll die GEMA mit einer Stimme für die ihr angeschlossenen Künstler und Rechteinhaber sprechen, ihre Interessen vertreten und für eine adäquate Bezahlung einstehen. Dass sie sich dabei allerdings an eine zunehmend bröckelnde Idee des Urheberrechtes klammert, ist bedauerlich und erinnert an die Debatte ums Leistungsschutzrecht. Während dort jedoch die großen Verlage auf die Tränendrüse drücken, sind es im Falle der GEMA jedoch einzelne Künstler, an denen diese Debatte tragischerweise vorbeigeht.

Was in der Debatte traurigerweise ignoriert wird, ist der langfristige Wert von nicht sofort entlohnter Musik. Was auf die Rechteinhaber zunächst kontraintuitiv wirkt, ist in der Realität ein Vorteil. Sicher, Inhalte kostenlos ins Netz zu stellen, anstatt sie sofort vergüten zu lassen, ist ein Wagnis, doch verleiht gerade die dadurch zu erreichende Öffentlichkeit vielen Künstlern ein durchaus zahlungswilliges Publikum. Wie der Erfolg von iTunes beweist, ist den Deutschen Musik durchaus etwas wert – doch werden ihnen in vielerlei Hinsicht Steine in den Weg gelegt, die den Genuss von Inhalten verhindern. Bei „Spreeblick“ schrieb Johnny Häusler unlängst über das groteske Verhalten der Industrie, die Nachfrage der Menschen nicht zu bedienen, und sich stattdessen mit einer vermeintlich sicheren Blockadehaltung zu verschanzen. Geholfen ist damit keinem potenziellen Kunden und auch Künstler reagieren zunehmend genervt darauf, dass ihnen die Werbeplattform Youtube verschlossen bleibt. Die Organisation muss sich auf ihre eigentlichen Ziele besinnen – und dabei auch lernen, langfristig zu denken. Nach dem gestrigen Urteil sehe ich dafür zunächst schwarz.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lars Mensel: Schuldige Opfer

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