Würde ist was für die Mittelschicht. Harald Schmidt

Die perfekte Welle

Kaum ist der Streit um Kony 2012 abgeebbt, überschlagen sich die Ereignisse. Lassen sich gute Absichten ins Netz übertragen?

In einem zeitlosen Dilbert-Cartoon erkennen die Charaktere eine riesige Lücke im Markt: eine Nachrichtensendung, die nur aus guten Neuigkeiten besteht. Das Leben sei schon schwer genug, drum müsse man sich nicht nur mit schlechten Nachrichten auseinandersetzen – und so werden enthusiastische Schlagzeilen verlesen, in denen die Hälfte aller Sportmannschaften gewonnen hätten.

Dass es sehr wohl einen Markt für schlechte Nachrichten gibt, zeigt uns ein Blick auf die vergangenen Monate, in denen zwei unterschiedliche Stücke im Internet für Furore sorgten: ein Bericht der amerikanischen Radiosendung „This American Life“ über die Arbeitsbedingungen des Apple-Zulieferers Foxconn sowie die Videokampagne Kony 2012 über Kindersoldaten in Uganda.

Nackt und erlogen

Je nach Interpretation handelt es sich in beiden Fällen um Sternstunden der Zivilcourage – oder des Slacktivismus. Kony 2012 feierte ungekannte virale Erfolge und brachte den Namen Joseph Kony in aller Munde. Dass sich die Kritik zunehmend häufte, befeuerte nur die Debatte um das Video: Können derartige Bilder etwas bewirken oder hinterlassen sie lediglich den bitteren Nachgeschmack eines fehlgeleiteten Aktionismus? Zweifellos hatte das Video für Aufmerksamkeit gesorgt, doch reichte das bereits aus?

„This American Life“-Radiogast Mike Daisey hatte derweil einen weniger kontroversen, aber nicht geringer erfolgreichen Aufschlag geschafft: Die erfolgreiche Radiosendung wurde in der „New York Times“ begleitet durch kritische Artikel über die chinesischen Arbeitsbedingungen und führte zu weit verbreiteter Kritik an Apple und den Herstellungsprozessen des Konzerns.

Wie sich spätestens an diesem Wochenende zeigte, begleitet beide Geschichten jedoch ein großes Aber: Wie sich herausstellte, hatte Daisey seine Berichte über China größtenteils erfunden und die Hörer wissentlich in die Irre geleitet. Inmitten des Kreuzfeuers um die Methoden der Organisation fand auch die Kony 2012 -Kampagne ihren traurigen Höhepunkt: Invisible-Childen-Mitgründer Jason Russell wurde in San Diego aufgegriffen, wo er offenbar nackt und masturbierend durch die Straßen lief – spätere Berichterstattung behauptete, Russell habe in Folge der Kritik an seinem Video einen Nervenzusammenbruch erlitten. Damit schien er nicht nur seinen Kritikern recht gegeben zu haben – auch über Joseph Kony redete zunächst niemand mehr.

Mike Daisey erschien zur Stellungnahme erneut im Studio von „This American Life“, und gab schließlich zu, dass Teile seiner Berichterstattung über die Arbeitsbedingungen bei Foxconn eklatante Falschbehauptungen enthielten. Spannend ist jedoch seine Antwort auf die Frage, warum er trotz der wiederholten Nachfrage der Produzenten wissentlich an den Geschichten festgehalten habe:

Ich hatte Angst … Angst, dass eine Untersuchung der Geschichte meine ganze Arbeit zerstören würde, Arbeit, von der ich weiß, dass sie wirklich Großes leistet – indem sie die Menschen dazu bringt, diesen Problemen Beachtung zu schenken.

Daiseys Glaubwürdigkeit ist nach dieser Affäre zweifelsfrei arg in Mitleidenschaft gezogen, zumindest in dieser Hinsicht mag man ihm dennoch Glauben schenken: Mit seinen Lügen wollte er Aufmerksamkeit generieren – was angesichts der nicht unstrittigen Arbeitsbedingungen in China keineswegs fehlgeleitet erscheint.

Der Hund beißt sich selbst in den Schwanz

Es ist diese Absicht, welche die zwei Kampagnen letztlich vereint: Sowohl Daisey als auch Russell versuchten, mit ihren Aktionen den normalen Verlauf der Nachrichten durcheinanderzubringen und durch langfristige Berichterstattung Druck auf jene Menschen auszuüben, welche an den skizzierten Problemen tatsächlich etwas ändern könnten – sei es nun Apple oder die Militärberater der US-Regierung. Ob dieser Druck erfolgreich oder sogar richtig wäre, steht dabei selbstredend auf einem anderen Blatt.

Schwierig sind diese Geschichten dennoch: Man kann Aktivisten wie Daisey oder Russell viel vorwerfen – nicht jedoch einen Mangel an guten Absichten. Ihr Fehler liegt darin, zu blauäugig auf die Empörung zu setzen, denn dass Berichterstattung jedweder Art und Fakten zusammengehören, gilt auch in Zeiten von viraler Verbreitung. Der springende Punkt ist der folgende: Ist die Glaubwürdigkeit einer Person erst beschädigt, so helfen auch die besten Absichten nicht und der Hund beißt sich selbst in den Schwanz. Kommen zweifelhafte Methoden zutage, so vergrößert sich die Apathie der Menschen ausgerechnet gegenüber den Problemen, welche Aktivisten zu Recht anprangern. Im Netz ist es leicht geworden, auch mit kleinen Mitteln eine große Welle zu verursachen – wie die aktuellen Fälle zeigen, muss leider auch jeder Versuch, diese Möglichkeiten für einen guten Zweck zu nutzen, mit entsprechend großer Skepsis betrachtet werden.

Immerhin haben am Wochenende die Hälfte aller Mannschaften gewonnen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lars Mensel: Schuldige Opfer

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