Die Konservativen haben sich ihrer Volksnähe nie geschämt, aber auch das lässt sich ändern, wie man sieht. Jan Fleischhauer

Schuldige Opfer

Die Debatte um eine Helmpflicht verrät viel über den Umgang unserer Gesellschaft mit Problemen.

Das Bundesverkehrsministerium wirbt mit Darth Vader. Der Superschurke aus „Star Wars“ soll Bürgern vermitteln, dass das Tragen eines Fahrradhelms ihr Leben verlängert: „Die Saga geht weiter – dank Helm“. Helmträger Vader segnet in der Filmreihe zwar selbst das Zeitliche, tut das aber immerhin nicht bei einem Fahrradunfall. Hilflos wirken die Poster trotzdem, auf diese spezielle Art, wie es nur eine auf Coolness bedachte Aufklärungskampagne eines Ministeriums vermag.

Vermeintlich edle Absicht

Deutlich effektvoller geht Volvo vor. Der schwedische Autohersteller stellte kürzlich ein Spray vor, mit dem Fahrradfahrer ihren Drahtesel (und bestenfalls auch ihre Kleidung) einsprühen können. Das Spray hinterlässt einen tagsüber unsichtbaren Film, der nachts das Scheinwerferlicht heranrauschender Automobile reflektiert. Im Videoclip zu der Kampagne teilen sich allerlei hippe, junge Menschen eine Sprühdose und radeln anschließend nicht bloß sicher, sondern auch sehr cool durch Stockholm. So zumindest der Eindruck, den Volvo erwecken möchte.

Was diese zwei Kampagnen eint, ist aber nicht bloß ihre Effekthascherei, sondern ihre vermeintlich edle Absicht. Laut EU-Kommission machen Fahrradfahrer 11 Prozent aller jährlichen Verkehrstoten in Deutschland aus – das waren im Jahr 2014 mehr als 350 Menschen. Naheliegend, dass Volvo und Bundesregierung etwas daran ändern wollen. Aber viel zu naheliegend, dass sie beim Verhalten der Radfahrer anfangen.

Der russische Autor Evgeny Morozov nennt diese Haltung „Solutionism“. Er bezieht sich auf den vom Silicon Valley ausgehenden Trend, für jedes noch so komplexe Problem nach einer technischen Lösung zu suchen – und dabei zu ignorieren, welche Ursache dem Problem eigentlich zugrunde liegen. Morozov findet unseren gesellschaftlichen Umgang mit Problemen fahrlässig, weil wir technische Lösungen einer systematischen Debatte vorziehen.

„Freude am Fahren“

Natürlich ist es sinnvoll, einem Fahrradfahrer einen Helm aufzusetzen oder ihn neonfarben anzumalen. Aber vor allem ist es viel einfacher, als im Geburtsland der „Freude am Fahren“ über die Hauptursache von tödlichen Unfällen zu sprechen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherer schreibt: „Innerorts ist jeder vierte Getötete im Straßenverkehr ein Radfahrer. Als besonders gefährlich haben sich Konflikte zwischen abbiegenden Kraftfahrzeugen und geradeaus fahrenden Radfahrern herausgestellt. Eine Unfallart, die fast ausschließlich vom Autofahrer verursacht wird und in 80 Prozent der Fälle mit Verletzten endet.“ Daher übrigens auch der rührende Einsatz eines Automobilherstellers für Fahrradfahrer.

„Solutionism“ ist ein gefährliches Phänomen, weil es wunderbar zu unserer Faszination mit Technik, Internet und allem Neuem passt. Weil es das Gefühl vermittelt, gesellschaftliche Probleme auf eigene Faust lösen zu können – mit Warnwesten statt Geschwindigkeitsbegrenzungen, mit Freisprecheinrichtungen statt Telefonverboten. Komisch nur, dass der längst von einem australischen Designer entwickelte Helm für Autofahrer bislang nicht mit Figuren aus „Star Wars“ beworben wird – denn die Vierradfahrer stellen die weitaus größere Zahl an jährlichen Verkehrstoten.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Lars Mensel: Kontrolle ist schlecht, Vertrauen noch schlechter

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