Technologie hat einen stark männlichen Ethos an sich. Jessica Erickson

„18 Minuten für eine großartige Geschichte“

Auf den TED-Konferenzen tauschen die weltweit führenden Köpfe unterschiedlichster Disziplinen ihre Ideen aus. Alexander Görlach sprach mit der TEDx-Leiterin Lara Stein über das Erfolgsrezept der Konferenzen, deren Einfluss auf Politik und Gesellschaft sowie Innovation in 100 Jahren.

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The European: Wie würden Sie den Erfolg von TED erklären?
Stein: Die zugrundeliegende Philosophie von TED ist radikale Offenheit, radikale Transparenz. Im Jahr 2001 übernahm Chris Anderson TED von Richard Saul Wurman. Bis zu diesem Zeitpunkt versammelte die Konferenz nur einmal im Jahr die führenden Köpfe und sprach lediglich ein sehr exklusives Publikum an. Der erste Schritt in Richtung mehr Transparenz, den Chris ging, war, die Vorträge auf TED.com gratis zur Verfügung zu stellen. Das war ein ziemlich riskanter Schritt, da wir zu diesem Zeitpunkt nicht wussten, wie unser Kernpublikum – die Konferenzbesucher – darauf reagieren würde.

Im nächsten Schritt starteten wird das Projekt Open Translation, um die TED-Talks über die englischsprachige Welt hinaus zu tragen, durch Untertitel, interaktive Skripts und die Möglichkeit jeden Talk von Freiwilligen in der ganzen Welt übersetzen zu lassen. Tausende von Vorträgen wurden durch unser Heer von Freiwilligen in hunderte verschiedene Sprachen übersetzt.

„Können Sie TED in meine Stadt bringen?“

The European: Und dann kam TEDx.
Stein: Das war der letzte Schritt. 2008 waren die TED-Talks seit einigen Jahren online und wir stellten fest, dass die Menschen nicht nur den Vorträgen sehr zugetan waren, sondern dass auch die Marke TED weltweit immer präsenter wurde. Die Menschen kamen zu uns und fragten: „Können Sie TED in meine Stadt bringen?” Wir begannen über ein Modell nachzudenken, mit dem wir einen Teil der Begeisterung für die Marke und die Gespräche, die wir erlebt haben, einfangen konnten und gleichzeitig eine Möglichkeit schufen, um überall auf der Welt Zugang zu großartigen Ideen zu ermöglichen, ohne dass TED hunderte von Konferenzen weltweit ausrichten müsste. Und so entstand TEDx.

The European: Das Format an sich ist sehr klassisch. Ein Redner hält ein kurzes 18-minütiges Referat vor einem Publikum, welches per Internet übertragen wird. Warum sind Sie bei diesem sehr traditionellen Schema geblieben?
Stein: Wir schufen diesen 18-Minuten-Richtwert, damit die Leute sich kurz und präzise fassen. Das Format hatte für fast zwanzig Jahre funktioniert. Es war unsere DNA und der Grund, warum Ted so erfolgreich wurde. Das Modell ist ein bisschen wie altmodisches Geschichtenerzählen. Man hat 18 Minuten Zeit, um eine großartige Geschichte zu erzählen. Mit einer großartigen Geschichte kann man so emotional werden, wie man will oder wissenschaftliche Vorträge leichter verständlich machen.

The European: Können Sie die Wirkung beschreiben, die Sie mit TED und TEDx auf einzelne Gesellschaften haben?
Stein: Das fällt mir immer ein bisschen schwer. Wir haben ein weltweites Netzwerk von Menschen, die enorme Bedeutung für ihre jeweiligen lokalen Gemeinschaften und Regionen haben. Die TEDx-Organisatoren sind die führenden Denker, die Ideen vorantreiben. Sie verhelfen Menschen vor Ort, die interessante Ideen haben, zu einer Stimme und einer Plattform. Darüberhinaus ist das Publikum bei TEDx Events kuratiert, um eine Verbindung zwischen dem, was auf und dem, was neben der Bühne geschieht, zu schaffen. Was auf der Bühne passiert, ist mengenmäßig leichter zu erfassen als die Ideen, die zwischen den Menschen im Publikum entstehen. Diese „weichen“ Geschichten sind schwerer zu verfolgen, aber sie geschehen jeden Tag.

„Man muss nicht mehr persönlich anwesend sein“

The European: Wie werden wir Innovationen in 100 Jahren schaffen?
Stein: Es ist wirklich schwer, mit einer Open-Source-Community 100 Jahre in die Zukunft zu blicken, aber ich glaube, dass wir die Anfänge jetzt schon sehen. Wir haben eine weltweite Zusammenarbeit von Ideen. Man sieht es in der Politik und in der Wissenschaft; andere Bereiche werden folgen. Ich denke, das ist etwas sehr mächtiges. Man muss nicht mehr persönlich anwesend sein, da man virtuell zusammenarbeiten kann. Pläne können online gestellt werden; Ideen können geteilt und Lektionen gelernt werden.

The European: Sie sagten vorhin, TED sei wie Geschichtenerzählen. Aber jede Kultur erzählt Geschichten anders und präsentiert Dinge auf unterschiedliche Weise. Wie können Sie sicherstellen, in jedem kulturellen Kontext verstanden zu werden?
Stein: Einige Kulturen freunden sich leichter mit der Idee eines 18-minütigen Vortrags an als andere. Letztlich ist das aber das TED Format. Es ist wirklich interessant zu sehen, wie Menschen überall auf der Erde die TED-Talks online sehen und dann versuchen, sie in ihrer eigenen Kultur nachzuahmen. In einigen Teilen der Welt ist es definitiv schwieriger, aber es entwickelt sich.

Unsere ersten TEDx-Talks aus Korea sind gerade auf TED.com online gegangen. Wir erfinden TED ständig neu. Im nächsten Schritt werden wir versuchen, noch tiefer in die einzelnen Kulturen zu blicken, um heraus zu finden, wie die Vorträge am besten für diese jeweiligen individuellen Gesellschaften präsentiert werden können, damit auch sie einen Zugang dazu finden. Wir versuchen, verschiedene Gesellschaften und Kulturen auf authentischere Art und Weise zu erreichen und den lokalen und globalen Austausch zu vergrößern. Diese Entwicklung wird sehr stark von der TEDx-Community voran getrieben.

The European: Gibt es Themen, die Sie nicht auf der TED-Bühne sehen wollen würden?
Stein: In den TEDx-Richtlinien bitten wir darum, die Vorträge nicht politisch, nicht aufrührerisch und gegenüber Religion und Pseudowissenschaften verhalten zu gestalten. Die Graubereiche sind groß, wir lassen die Leute nach ihrem Ermessen entscheiden. Wir haben uns das Recht vorbehalten, Vorträge vom TEDx YouTube-Kanal zu nehmen, wenn wir das Gefühl haben, dass sie nicht dem Geist von TED und TEDx entsprechen oder möglicherweise negativen Einfluss auf unsere gesamte offizielle Strategie haben.

The European: Aber meistens sind die Gespräche über Politik oder Religion die interessantesten Teile einer Konversation. Warum wollen Sie diese heraus halten?
Stein: Es geht nicht darum, ein Kettenhund in Bezug auf interessante Gespräche zu sein, sondern darum, Themen zu beschränken, die aufrührerische Reaktionen hervorrufen könnten. Diese könnten uns letztendlich dazu verleiten, die tatsächlichen Ideen aus dem Blick zu verlieren. Wir versuchen uns auf Ideen zu konzentrieren, die die Welt verändern und sie besser machen.

The European: Dennoch hat beinahe jedes Thema eine politische Implikation.
Stein: Alles kann als politisch betrachtet werden. Viel hängt von der Vermittlung, der Art eine Idee zu präsentieren, ab. In seiner Rede zu „Atheism 2.0“ beim TEDGlobal hat Alain de Botton zwar über Religion gesprochen, aber eine Idee präsentiert. Seine Präsentation war alles andere als aufrührerisch.

„Sie hielten die Politik aus der Diskussion heraus“

The European: Die TED-Familie ist eine globale Familie. Sie besteht aus einer großen Auswahl an Menschen, die in ihren jeweiligen Bereichen oder Ländern von Bedeutung sind. Ist das eine Ergänzung zur klassischen Demokratie? Können Sie neben dem politisch demokratischen System politischen Einfluss ausüben?
Stein: Das hoffen wir. Ich glaube, das ist der Grund, weswegen wir alle bei TED arbeiten. Wir hatten gerade den TEDx-Summit in Doha, Katar mit 650 TEDx-Organisatoren. Es waren Menschen aus 100 verschiedenen Ländern da. Wir verbrachten einen Tag in Zelten sitzend in der Wüste. Die Zelte waren nach Regionen eingeteilt. Im Zelt des Mittleren Osten saßen Saudis, Palästinenser, Juden und Libanesen und sprachen über Ideen. Sie hielten die Politik komplett aus ihrer Diskussion heraus und machten Vorschläge, wie man die Welt zum Positiven verändern könnte. In solchen Momenten sieht man die mögliche Wirkung.

The European: Demokratie benötigt auch neue Ideen, speziell was Transparenz und Teilnahme betrifft. Wäre TED nicht der richtige Ort, um darüber zu diskutieren?
Stein: Eine Plattform wie TED wäre der richtige Ort, aber momentan konzentrieren wir uns noch darauf, unserer Plattform so zu gestalten, dass wir nicht in alter Rhetorik und alten Debatten verfangen. Wir suchen nach neuen Ideen, mit denen wir die alten aufgießen können.

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