Ich bin kein blindwütiger Sicherheitsfanatiker. Wolfgang Schäuble

Der nette Junge von nebenan

Es heißt, Amokläufer seien Einzelgänger, würden von ihren Altersgenossen gehänselt und ausgeschlossen. Sie nähmen nicht am Schulleben teil und lebten gesellschaftlich isoliert. Dieses Bild führt in eine gefährliche Irre.

Nimmt man an, ein beliebter Junge, der nicht gehänselt wird, der als gut aussehend gilt, Freundinnen hat, in drei Sportmannschaften spielt, im Kirchenchor singt und sich um Senioren kümmert, könnte niemals Amok laufen, liegt man falsch.

Mitchell Johnson bewies das bei einer Schulschießerei mit seinem Kumpel Drew Golden 1998 in Jonesboro, Arkansas. War Mitchell eine Ausnahme? Nicht wirklich. Eric Harris war ein guter, fleißiger Schüler, nahm am Unterricht teil und wurde von seinen Lehrern geschätzt. Er betrieb Schulsport in Columbine und spielte im Fußballteam seiner Schule und seiner Gemeinde. Er war weder isoliert noch ein Außenseiter. Zwar wurde Eric gehänselt, aber das werden viele Schüler. Mobbing führt nicht zu Massenmorden – sonst hätten wir täglich mit ihnen zu kämpfen.

Das heißt nicht, dass Mobbing durch Mitschüler niemals ein Faktor für Amokläufe war, doch war es niemals der einzige. Jeffrey Weise, der 2005 in Red Lake, Minnesota, Amok lief, hatte Freunde, wurde aber von einigen Mitschülern gemobbt. Dies war sein geringstes Problem. Sein Vater nahm sich das Leben, als Jeffrey noch ein Kind war. Seine Mutter war Alkoholikerin und misshandelte ihn – ebenso wie die zahlreichen Männer, mit denen sie zusammenlebte. Jeffrey wurde depressiv und versuchte sich umzubringen. Waren Hänseleien ein Grund für diesen Amoklauf? Möglich, aber es wäre falsch anzunehmen, sie wären seine Ursache gewesen.

Prototyp Einzelgänger

Der einzige Einzelgänger unter bekannten Amokläufern scheint Seung Hui Cho von der Virginia Tech zu sein. Der blieb allerdings nicht für sich, weil er gehänselt oder ausgeschlossen wurde. Mitschüler und Lehrer versuchten ihn zu integrieren. Seine Isolation war nicht Resultat einer schlechten Behandlung, sondern seiner Schizophrenie.

Um über den Stereotypen eines Amokläufers hinauszublicken, muss man aufhören, sie als homogene Gruppe zu sehen. Auch wenn sie die gleichen Gewalttaten vollbringen, gelangen sie auf unterschiedlichen Pfaden dorthin.

Drei verschiedene Typen, die gleiche Tat

Einige Täter sind traumatisierte Kinder kaputter Elternhäuser – durch ihre kriminellen und alkoholkranken Eltern misshandelt. Ihr Leben ist chaotisch und instabil. Jeffrey Weise zum Beispiel. Andere kommen aus stabilen, bürgerlichen Familien. Diese Täter sind entweder psychotisch oder psychopathisch, wie auch Seung Hui Cho. Sie haben Wahnvorstellungen und Paranoia. Größenwahn kann auch eine Rolle spielen. Cho beispielsweise verglich sich mit Moses und Jesus. Er glaubte, er würde ein Held späterer Zeiten. Psychotische Täter leiden oft unter Halluzinationen, wie Stimmen, die sie zum Töten auffordern. Ihre sozialen und emotionalen Funktionen sind grundsätzlich gestört.

Psychopathische Täter lehnen soziale Normen ab und leben nur für sich. Sie verspüren weder Empathie noch Reue, zeigen sadistische Züge und genießen es, Macht über andere zu haben. Eric Harris wies diese Eigenschaften auf.

Traumatisiert, psychotisch, psychopathisch – drei verschiedene Typen, ähnliche Attacken. Diese zu erkennen erlaubt uns, hinter den Stereotypen des gehänselten Einzelgängers zu sehen. Das betrifft nicht nur Wissenschaftler und Forscher, sondern uns alle. Solange wir glauben, ein Schüler könne kein potenzieller Amokläufer sein, weil er Freunde hat und im Schulteam spielt, gefährden wir uns und unsere Gesellschaft.

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