Noch nicht mal ich als Muslim fühle mich durch ein Kreuz an der Wand gestört. Younes Ouaqasse

Dunkel ist‘s, der Mond scheint helle

Die Burka ist ausschließlich ein Symbol des Fundamentalismus. Dass sie in vorislamischer Zeit auch von Männern getragen wurde, wissen muslimische Patriarchen heute nicht mehr.

Wer sich die westeuropäische Burka-Debatte anschaut, gewinnt den Eindruck, als stünde die Demokratie auf dem Spiel: Die Gegner des Burka-Verbots sehen in den in Frankreich und Belgien angestrebten gesetzlichen Regelungen eine Bedrohung der freiheitlichen und pluralistischen Demokratie und stilisieren die Burka zum Symbol für die Gleichberechtigung des Islam.

Angesichts der geringen Anzahl der Burka-Trägerinnen in Europa erscheint die Debatte mittlerweile überdimensioniert. Denn die wahren Probleme der Integration sind ganz andere, vor allem soziale Fragen – die Beobachter reiben sich verwundert die Augen.

Das Burka-Verbot als Bedrohung für die Demokratie?

Ist die westliche Staatengemeinschaft nicht im Namen von Demokratie und Menschenrechten in Afghanistan präsent? Feierte sie es nicht als einen ihrer größten Erfolge, das Taliban-Regime gestürzt zu haben? Waren es nicht diese Taliban, welche die afghanischen Frauen zum Tragen der Burka gezwungen hatten? Und hatten wir nicht die Aufhebung dieses Zwangs als Errungenschaft für die Gleichberechtigung der Frauen in Afghanistan gewertet?

Dunkel war‘s, der Mond schien helle, wie der Dichter Christian Morgenstern die verkehrte Welt beschreibt. Nun soll, im umgekehrten Sinn, das Tragen der Burka auf einmal das Symbol von Gleichberechtigung der Muslime in Europa darstellen? Der Blick auf Afghanistan offenbart unverblümt die Doppelzüngigkeit dieser Debatte – auf allen Seiten.

Etwas stimmt an der vorgebrachten Argumentation gegen das Burka-Verbot nicht. Verkehrt ist die religiöse Lesart des Ganzkörperschleiers. Wenn man die Burka als Symbol bezeichnet – was ich, da sie für viele Frauen auf der Welt eine traurige Realität ist, als Hohn empfinde –, dann muss man dieses richtig zuordnen.

Die Burka ist kein islamisches Symbol, sondern eines des islamischen Fundamentalismus, der nichts von Menschenrechten hören will. Interessant ist zudem die Tatsache, dass die Burka eine vorislamische Tradition hat und möglicherweise schon im 1. oder 2. Jahrhundert n. Chr. in Teilen der heutigen arabischen Welt getragen wurde. Sie hat damals wahrscheinlich als Schutz vor Staub und Sand – für Frauen und Männer – oder als Schutz für Frauen vor sexuellen Übergriffen durch rivalisierende Stämme gedient.

Geht den Fundamentalisten nicht auf den Leim

Der oberste ägyptische islamische Gelehrte, Scheich Muhammad Tantawi, rief daher im vergangenen Oktober dazu auf, den vorislamischen Nijab durch das islamische Kopftuch zu ersetzen. Zudem zweifeln liberale islamische Theologen daran, dass der im Koran vorgesehene Schutz der Frau heutzutage noch durch eine bestimmte Bekleidungsform gewährleistet werden muss, und stellen die Frage, ob nicht zum Beispiel eine gute Bildung einen viel besseren Schutz darstellen könnte.

All das zeigt: Um das Recht auf religiöse Selbstbestimmung kann es also in dieser Debatte nicht gehen. Wer das glaubt, geht den Fundamentalisten auf den Leim. Den Kern stellen vielmehr das Recht der Frau auf Selbstbestimmung und der Laizismus des Staates dar. Darauf weist auch der bisherige Leiter des Deutschen Instituts für Menschenrechte, Heiner Bielefeldt, hin. Er sagt, dass es mit Religionsfreiheit nicht zu rechtfertigen ist, wenn eine Frau daran gehindert wird, ihr Gesicht zu zeigen. Deshalb spreche ich mich für ein Burka-Verbot aus.

Wir sollten aber das Maß wahren und Populisten nicht Tür und Tor öffnen. Eine Lösung, wie sie in Frankreich und Kanada gefunden wurde und die das Tragen von Burkas in öffentlichen Gebäuden wie Ämtern und Schulen sowie in sicherheitsrelevanten Einrichtungen wie Flughäfen verbietet, halte ich für adäquat.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    C. Karpus – 22.04.2010 - 11:46

    Liebe Frau Akgün,

    Sie können fast alle religiösen Verbote und Gebote auf vorreligiöse Gebräuche zurückführen, die in der damaligen Zeit oft einen hygienischen, praktischen oder gesellschaftspolitischen Sinn gemacht haben.

    Die zunächst nach Norden wandernde Christenheit hat sich von diesen Geboten, da ihre Nützlichkeit in der neuen Heimat oft nicht mehr gegeben war, weitgehend gelöst.

    Hingegen legen viele Juden und Muslime weiterhin großen Wert auf die alttestamentarischen und damit eigentlich auch für die Chriten geltenden Reinheitsgebote.

    Und ist nicht auch das Habit der Nonnen ein ähnliches Relikt aus dieser Zeit?

    http://www.kloster-aktuell.de/kloster/habit-ordenstracht.html

    Ich gebe Ihnen Recht, dass eine Burka in der heutigen Zeit in Mitteleuropa wenig Sinn macht, kommunikationfeindlich und wohl auch unpraktisch ist und in vielen Fällen als Unterdrückungsinstrument gegenüber Frauen eingesetzt wird.

    Ein Verbot dieser Kleidung begrüße ich für Schulen und öffentliche Bedienstete, wenn dies durch eine allgemeine Norm geregelt wird, die auch für das Habit der Nonnen und anderer Geistlicher gilt, aber nicht generell “in allen öffentlichen Gebäuden”.

    Daneben und vor allem sollten wir durch Überzeugungsarbeit und eine offene Diskussion darüber streiten, inwieweit all die religiös begründeten Verbote und Gebot und Sitten in der heutigen Zeit noch ihren ursprünglichen Sinn erfüllen und dürfen dabei weder vor dem rituellen Schächten, dem Kreuz im Gerichtssaal, dem Habit der Ordensschwestern oder der Beschneidung von Kindern, ob Jungen oder Mächdchen, halt machen.

    Die Jesuiten z. B. schreiben ihren Ordensbrüdern kein Habit vor, wieso machen es andere Orden?

    Herzliche Grüße

    Ihr C. Karpus

  • Theeuropean-placeholder
    C. Karpus – 22.04.2010 - 11:59

    Nachtrag zur Klarstellung:

    Ich will keiner Nonne ihr Habit verbieten oder den Juden und Muslimen generell das Schächten, bei der Beschneidung, auch von Jungen, sollte man aber darüber diskutieren, ob das nicht als Körperverletzung vom Staat verboten werden sollte.

    Wenn sich ein erwachsener Mann beschneiden lassen will, kann ich persönlich das zwar schwer nachvollziehen, aber letztlich ist das seine Sache. Einen kleinen Jungen zu beschneiden, fine ich doch sehr bedenklich.

    Mein Vorschlag, diskutieren wir vielleicht ein wenig genereller?

  • Theeuropean-placeholder
    Graf Zahl – 22.04.2010 - 16:33

    Natürlich ist die Burka im Grunde abzulehnen. Die eigentliche Frage ist aber doch, ob der Staat es sich wirklich zur Aufgabe machen sollte (und dürfte), die Kleidung der Bürger zu reglementieren. Ich denke, das geht den Staat nichts an.
    Was kommt als nächstes? Glatzen als politische Meinungsäußerung verbieten? Ober Bicolorfrisuren?

  • Theeuropean-placeholder
    charmingdragon – 22.04.2010 - 22:43

    achtung scherz: bicolorfrisuren könnte man ruhig verbieten… xD

  • Theeuropean-placeholder
    Christoph – 23.04.2010 - 12:25

    @Graf Zahl: vielleicht sollten sie erst einmal über den Begriff der Freiheit nachdenken, bevor sie hier so einen Stuss von sich geben. Freiheit wird nun mal auch durch Verbote gewährleistet. Es geht hier nicht um die Freiheit der Willkür, sondern um die Freiheit der Vernunft, um es mit Hegel auszudrücken. Insofern beschneidet die Burka die Vernunft und Freiheit und gehört demnach klar verboten.

  • Theeuropean-placeholder
    Graf Zahl – 05.05.2010 - 13:01

    @Christoph
    Aber, aber… wer wird sich denn gleich so echauffieren? Ich nehme mit die Freiheit, mir meine eigenen Gedanken zur Vernunft zu machen.
    Wollen Sie tatsächlich alles Verbieten, was gegen Freiheit und Vernunft gerichtet ist? Dann hätten sie nicht nur sehr viel zu tun, sondern würden auch noch für mich entscheiden, was vernünftig ist. Das lehne ich dankend ab – mach ich besser selbst.

  • Theeuropean-placeholder
    Samia Abdul Hamid – 23.04.2010 - 13:25

    In diesem Artikel wird vorausgesetzt, dass eine Frau grundsätzlich dazu gezwungen werden muss, eine Burka zu tragen, denn sie würde es ansonsten nicht tun. Trotzdem gibt es genug Frauen, die sich auch zu dem Artikel von Herrn Görlach zu Wort meldeten, die dies widerlegen und ausdrücklich ihren eigenen Wünschen nachgehen, wenn sie die Burka tragen.

    Ich bin zwar nicht für die Burka, vor allem nicht in Deutschland, wo der Islam eh einen schlechten Stand zur Zeit hat, dennoch halte ich Verbote in diesem Zusammenhang für den falschen Weg.
    Wir haben so viele Baustellen was Integration, interreligiösen Dialog und das gegenseitige Akzeptieren angeht, dass ich Frau Akgün in diesem Punkt beipflichten muss, dass es zu wenige Frauen mit Burka gibt in Deutschland, um sich damit so eingehend zu beschäftigen.
    Und man kann auch nicht verschiedene Religionen und ihre verschiedenen Auslegungen vergleichen, wie etwa eine Nonne und eine Muslima.

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