Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen. Kurt Tucholsky

„Ich investiere nicht in Gold“

Sabine Kuegler lebte mit ihren Eltern neun Jahre lang ohne Kontakt mit der Außenwelt im Dschungel von West-Papua. Im Interview mit The European fordert Sabine Kuegler ein radikales Umdenken im Handel mit Rohstoffen.

Ihr Leben mit dem Volk der Fayu beschrieb sie in den Büchern “Dschungelkind” (2005) und “Der Ruf des Dschungels” (2006), die Weltbestseller wurden. Soeben hat Kuegler ihr drittes Buch “Jägerin und Gejagte” veröffentlicht. Als Schirmherrin der West-Papua-Kampagne kämpft sie für die Rechte der nach Unabhängigkeit strebenden West-Papuaner, die von der Regierung in Indonesien unterdrückt würden. Kuegler sagt heute: Der Reichtum dieses Landes ist sein Fluch. Denn inmitten der Jayawijaya-Berge liegt mit dem Grasberg eine der größten und ergiebigsten Goldminen der Welt. Ihr Betreiber, der US-Konzern Freeport-McMoRan Copper & Gold, fördert pro Jahr rund 80.000 Tonnen Gold im Wert von über einer Milliarde US-Dollar. Von dem Reichtum kommt in West-Papua fast nichts an, die Region ist im Vergleich zu den indonesischen Hauptinseln bitterarm.

The European: Frau Kuegler, sie haben 2007 Papua-Neuguinea besucht, um das Leiden der Flüchtlinge zu dokumentieren, die vom zu Indonesien gehörenden West-Papua in den unabhängigen Papua-Staat im Osten herüberkamen. Wie ist die aktuelle Lage in West-Papua?
Kuegler: Sie hat sich ein wenig verändert, in dem Sinne, dass die indonesische Regierung in Jakarta ihre Taktik geändert hat. Die Menschenrechtssituation ist besser geworden. Gleichzeitig hat sie aber die Kontrolle der Berichterstattung deutlich verstärkt. So wissen wir immer weniger, was in West-Papua vor sich geht. Offenbar versucht Jakarta, die Menschen einzukaufen. Viele Papuaner bekommen jetzt Geld von der Regierung. So wird versucht, die Unabhängigkeitsbewegung zu unterdrücken.

The European: Welche Rolle spielt der Minenkonzern Freeport-McMoRan Copper & Gold in West-Papua?
Kuegler: Er spielt eine große Rolle. Solange dort Geld zu holen ist, werden die West-Papuaner niemals Freiheit bekommen. Die West-Papuaner sagen sogar, dass der Reichtum des Landes ihr Fluch ist. Dabei könnte es ganz anders sein, denn Freeports Vertrag mit Indonesien wurde unterschrieben, bevor West-Papua überhaupt zu diesem Staat gehörte. Das Land, beziehungsweise die Schürfrechte, wurden den Stämmen damals für fünf Taschenlampen und fünf Äxte abgekauft. Bis heute arbeitet Freeport eng mit der indonesischen Regierung zusammen. Aber auch die Chinesen und Koreaner profitieren von den Bodenschätzen West-Papuas.

The European: Gibt es keinen Widerstand dagegen?
Kuegler: Es gab schon viele Stammesproteste. Aber die indonesische Armee hat dann die Dörfer der Aufständischen zerstört. Freeport steht schon auf einigen schwarzen Listen, der norwegische Pensionsfonds zum Beispiel lehnt ein Engagement in den Aktien des Minenkonzerns ab. Freeport hat überall einen schlechten Ruf. Die wissen das auch und versuchen jetzt, auf die Kritik zu reagieren. Der Konzern hat eine Schule eingerichtet, um West-Papuaner besser auszubilden, damit sie irgendwann auch höhere Positionen übernehmen können. Ob sie damit nur eine Show abziehen oder es ernst meinen, weiß ich nicht. Tatsache ist, dass westliche Ausländer in West-Papua oft das zwanzigfache Gehalt der Einheimischen beziehen.

The European: Wie wichtig ist West-Papua für Indonesien?
Kuegler: Extrem wichtig. Gäbe es diesen Reichtum an Gold, Kupfer und anderen Bodenschätzen nicht, wäre West-Papua längst unabhängig. Freeport ist der größte ausländische Steuerzahler Indonesiens. Ein Insider hat mir mal gesagt, dass, wenn West-Papua wegbrechen würde, dies eine Krise in Indonesien auslösen würde. Jakarta hat Angst, dass sich der Willen nach Unabhängigkeit auf andere Inseln ausbreitet. Allerdings wird dies im Falle West-Papua schon deshalb nicht geschehen, weil es Auswirkungen auf die ganze westliche Welt haben würde.

The European: Sollte man auf Investment in Gold verzichten?
Kuegler: Ich investiere nicht in Gold. Ich kaufe keines und auch keine Diamanten. Wenn man sieht, woher das kommt, dann lässt man es besser sein. Nicht nur in Südostasien, auch in Afrika, zum Beispiel in Ägypten, werden die Leute, die das Gold ausgraben, meistens schlecht bezahlt, und die Arbeitsbedingungen sind auch oft übel. Man müsste in der Finanzwelt Gold so behandeln wie Holz. Bei Holz gibt es ein Zertifikat, wenn es unter guten Bedingungen erzeugt wurde. Bei Gold gibt es so etwas nicht. Deshalb sollte man Gold total boykottieren. Wir kaufen kein Gold mehr, wir kaufen keine Aktien von Minenbetreibern mehr. Nur so ändert sich was. Politiker zu überreden kann man vergessen.

Das Interview führte Guido Walter.

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